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Warum das Erforschen alter Magazine wichtig für das Verstehen des heutigen Rechtsextremismus ist

Rechter Instagram Account
In Süddeutschland gibt es eine Zunahme von rechtsextremen Jugendgruppen wie «Unitas Germanica», deren Instagram-Account hier gezeigt wird, Aufnahme vom Sommer 2025. KEYSTONE/DPA/Christoph Schmidt

Schweizer Historiker:innen analysieren Zeitschriften rechter Netzwerke nach 1945. Diese Forschung hilft auch beim Verstehen der Kommunikationsstrategien heutiger Rechtsextremer.

Wenn Vertreter der rechtsextremen Politszene aus Europa und den USA an einemGipfeltreffen an der portugiesischen KüsteExterner Link von «Ästhetik» und «Avantgarde», «Memes» und «Vibes», «Medienarbeit» und «Terminologie» sprechen, hat das mehr mit der Vor-Internetzeit zu tun, als es im ersten Moment den Anschein macht.

Dieser sogenannte «Remigration Summit» sei mehrheitlich von der Schweiz aus organisiert worden, sagte vor Ort ein Schweizer Rechtsextremer dem Magazin Republik.

Digitale Plattformen und soziale Medien sind für extremistische Gruppen zentrale Instrumente für Kommunikation und Mobilisierung. Insbesondere mit – zunehmend KI-generierter – Desinformation formen sie eine Art Gegenöffentlichkeit.

Gregory Bovino
Der kurzzeitige informelle Oberbefehlshaber der US Border Patrol Gregory Bovino ist ebenfalls am «Remigration Summit» 2026 aufgetreten. X / RESUM26

In Netzwerken der europäischen Rechtsextremen spielt die Schweiz schon lange eine Rolle.

Um zu verstehen, wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg faschistische und rechtsextreme Ideologien weiterverbreiten, vernetzen und neu formieren konnten, nimmt die Wissenschaft vermehrt sogenannte Gegenmedien unter die Lupe.

Der Begriff Gegenmedien bündelt Veröffentlichungen, die sich in Abgrenzung zu einer als Mainstream, Hegemonie oder Elite dargestellten medialen Öffentlichkeit definieren.
Die ersten Gegen- oder Alternativmedien, die sich selbst so nannten, hatten oft subversiven und progressiven Charakter und gaben marginalisierten Themen und Gruppen eine Stimme. Dazu gehören etwa feministische Magazine der 1970er- und 1980er-Jahre wie das Westberliner Courage.

Als Gegenmedien – Englisch: «counter media» – fasst die Forschung andererseits aber auch demokratiefeindliche, verschwörungsideologische und rechtsextreme Publikationen und Plattformen. Im 21. Jahrhundert bezeichnen sich diese selbst häufig als «Alternativmedien».

Die Zeitschrift als schnelles Medium

Mitte des 20. Jahrhunderts waren «Zeitschriften das aufregendste Medium des politischen Diskurses», sagt die Historikerin Franca Schaad. Sie ist an einem Schweizer ForschungsprojektExterner Link an der Universität Freiburg und der Hochschule der Künste Bern beteiligt, das sich mit den historischen Vorläufern der heutigen Gegenmedien befasst.

Schaad doktoriert zum Thema Männlichkeitsbilder in  Zeitschriften der Neuen Rechten, die ab den 1960er-Jahren in Deutschland und auch in der Schweiz zahlreich gegründet wurden. Zeitschriften waren im Vergleich zu Büchern schneller und günstiger gedruckt. Schaad erklärt: «Damit konnten es sich auch kleine Gruppen und Einzelpersonen eher leisten, ihre Botschaften zu streuen.»

68er als Feindbild und Vorbild

Diese Entwicklung fiel in einen «Strukturwandel der Öffentlichkeit», wie der Philosoph Jürgen Habermas 1962 schrieb. Die NS-Diktatur zerstörte die Pressefreiheit ab 1933 und hinterliess in Deutschland nach 1945 ein Vakuum auf dem Medienmarkt. Einzelne grosse Medienunternehmen dominierten diesen. «Daran störte sich die 68er-Bewegung», sagt Schaad.

Die linke Studentenbewegung drängte in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern auf gesellschaftlichen und politischen Wandel. Das rechte Milieu schaute gespalten auf die 68er. Einerseits waren die Linken ihr Feindbild, andererseits wurde deren Publikationstätigkeit der Linken zum Vorbild.

Viele rechten Magazine kopierten den Do-it-yourself-Stil mit Collagen und Schablonen-Ausschnitten der linken Zeitschriften dieser Zeit. «Die Ästhetik ergab sich aus dem, was angesagt war, und den technischen Möglichkeiten», so Schaad.

Lesen Sie hier unseren Beitrag darüber, wie sich die politischen Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg europaweit vernetzt haben:

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Ein Rückgriff auf Antonio Gramsci

Im Rückgriff auf den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci eigneten sich die rechten publizistischen und intellektuellen Zirkel aus linksintellektuellen Kreisen die Annahme an, dass der “Wandel in den Köpfen” dem Erlangen politischer Macht vorausgehen müsse. Ihr Ziel war es, in die Kultur, den “vorpolitischen Raum” und die öffentliche Meinung vorzudringen.

Den rechten Zeitschriften der 1960er- bis 1980er-Jahre ging es neben dem Austausch und der Auseinandersetzung mit Theorien auch darum, zu erproben, wie sich die «Grenzen des Sagbaren» verschieben liessen. «Wie machte man eine Ideologie, in der Ungleichheit und Gewalt eine grosse Rolle spielt, wieder salonfähig?», fragt Schaad rhetorisch und gibt auch gleich die Antwort: «Indem man sich als intellektuell darstellte und rhetorisch vom Faschismus abgrenzte, während faktisch die Positionen und Weltbild unverändert nationalistisch und völkisch blieben.»

Heraus kam eine beschönigende, teils codierte Sprache. Dies zeigt sich auch im Begriff Neue RechteExterner Link: In Europa, einschliesslich derSchweiz,Externer Link verbreitete sich diese Selbstbezeichnung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter rechtsradikalen bis gewalttätigen rechtsextremen Gruppen. Der Begriff der „Neuen Rechten“ diene teils dazu, deren Verbindungen zum Nationalsozialismus und Rechtsextremismus zu verschleiern, erläutert Schaad. In der Forschung hat er sich gleichwohl durchgesetzt. Auch das “Counter Media”-Projekt verwendet ihn.

Algorithmen verstärken rechten Content

Heute nennen sich Neue Rechte oft «alternativ rechts», um gemässigtere Anhängerschaften zu erreichen. «Es ist gefährlich, den Kommunikationsstil und die Sprache der Rechten zu unterschätzen», sagt Franziska Marquart, Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin an der Universität Kopenhagen, die unter anderem zu politischer Kommunikation und Desinformation auf Social Media forscht.

So seien etwa Memes und das Lächerlich-Machen politischer Gegner typische Kommunikationsstrategien von Rechtsextremisten. «Die humorvolle Verpackung normalisiert und verharmlost problematische Inhalte», so Marquart.

Aktuelle Studien zeigen, dass Plattformen wie TikTok rechten Content verstärken, weil ihr Algorithmus populistische und emotionale Postings belohnt. «Beim zufälligen Scrollen ist das Risiko hoch, mit rechtsradikalen Inhalten in Kontakt zu kommen, vor allem für neue Nutzer:innen», erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin.

Eine Frage des Vertrauens

Radikale und extreme Gegenmedien, respektive deren digitale «Bubbles» beeinflussen laut Marquart das Wahlverhalten nur bei wenigen Menschen und zusammen mit anderen Faktoren wie einer rassistischen Einstellung. Erwiesen ist, dass Gegenmedien das Vertrauen in Politik, Medien und demokratische Institutionen schwächen.

Das gesellschaftliche Vertrauen ist in der Schweiz vergleichsweise hoch. In unserem Fokus finden Sie zahlreiche Beiträge zum Thema:

Umso problematischer seien Gegenmedien mit Falschinformation und hetzerischen Inhalten, wenn Autoritäten und Regierungen diese selbst produzieren, sagt Marquart und verweist auf Donald Trumps Plattform Truth Social. Das Grundvertrauen der Bevölkerung in den Staat wiederum beeinflusst, ob rechtspopulistische und extremistische Meinungen eher gehört würden.

Schreibwettbewerbe und Freiheiten

Auch die rechten Zeitschriften des 20. Jahrhunderts versuchten, über emotionalisierte und zugespitzte Inhalte und absichtliche Falschinformation Lesende zu involvieren. «Zeitschriften wie Nation Europa und Im Brennpunkt hatten Plattform-Charakter», sagt Franca Schaad. Mit Community-Elementen wie Selbsttests, Schreibwettbewerben oder Leserbriefseiten hätten sie ein Gemeinschaftsgefühl kreieren wollen.

Und auch die damaligen Zeitschriften wandten sich vielfach an ein junges Publikum, setzten auf aktuelle Themen und kommunikative Trends. An Universitäten tauchten im Zuge der 68er-Bewegung vermehrt linke politische Zeitschriften auf, aber auch rechtskonservative wie die Neue Studenten-Zeitung. Schaad nennt die Neue Studenten-Zeitung, sowie die Publikationen Abendland, Schweizerzeit und Memopress als einflussreichste Titel der damaligen Neuen Rechten in der Deutschschweiz.

Die Reichweite der Schweizer Zeitschriften sei zwar deutlich geringer gewesen als die der deutschen Pendants, so die Historikerin Schaad. Als transnationaler «Vernetzungsort» der Szene sei die Schweiz jedoch zentral gewesen – und bleibe es bis heute. Schaad nennt als Gründe die Mehrsprachigkeit und die Vergleich zu den Nachbarländern «grossen Freiheiten für rechtsradikale Veranstaltungen».

Armin Mohler
Armin Mohler, der als «Vordenker der Neuen Rechte» bekannt gewordene Publizist und Autor auf einer undatierten Aufnahme. Frank Maechler / Keystone

Der Einfluss von Armin Mohler und Emil Rahm

Einfluss auf die Neue Rechten hatte die Schweiz zudem über international aktive Einzelpersonen. Zu ihnen gehörten der Publizist Armin Mohler und Emil Rahm, Erbe der Getränkefirma „Rimuss“, der eine christlich-verschwörungstheoretische Zeitschrift herausgab.

Mohler wollte sich in Nazideutschland der Waffen-SS anschliessen. Nach dem Krieg machte er für die europäischen Rechtsextremen die Idee einer “Konservativen Revolution” populär.

Heutige Rechtsextreme beziehen sich explizit auf ihre historischen Vorbilder – sie sind also potenziell an denselben Quellen wie die Historiker:innen interessiert. Franca Schaad hält fest, dass die zeitgeschichtliche Forschung diese politischen Zeitschriften lange zu wenig beachtet habe.

Lesen Sie hier unseren Beitrag über die Rolle, die Armin Mohler für die Neue Rechte eingenommen hat:

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Einer der drei Preisträger war der Schweizer Publizist Armin Mohler.

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Geschichte

Der Schweizer, der die deutsche Neue Rechte inspirierte

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Armin Mohler wäre am 12. April 2020 hundert Jahre alt geworden. Mit seiner Sicht auf die Geschichte der Weimarer Republik und seiner Kritik der Vergangenheitsbewältigung lieferte Schweizer Publizist der erstarkenden deutschen Neuen Rechten entscheidende Schlagworte.

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Editiert von Benjamin von Wyl

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