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Die Schweiz hat ein Blackout-Risiko wegen Solaranlagen

Solar
Swissolar fordert verbindliche Standards für die Cybersicherheit . Keystone / Christian Beutler

Zehntausende Solaranlagen in der Schweiz seien leicht angreifbar, warnen Experten für Cybersicherheit in einer neuen Studie. Das sei eine Gefahr für das gesamte Stromnetz.

In der Schweiz werden Solaranlagen im Akkord gebaut. Eine Erfolgsgeschichte der Energiewende: 338’000 Photovoltaikanlagen sind bereits in Betrieb. Doch jetzt warnen Sicherheitsexperten des Nationalen Testinstituts für Cybersicherheit (NTC) vor einem massiven Risiko. Dies gemäss einer noch unveröffentlichten Studie, die der «Rundschau» vorliegt.

Verwundbare Anlagen

Im Fokus steht der Wechselrichter. Dieses Gerät steuert die gesamte Solaranlage und wandelt den Gleichstrom der Solarpanels in Wechselstrom um, mit dem das Schweizer Stromnetz funktioniert. Der Wechselrichter ist das Herzstück jeder Anlage. Und da liegt laut den Experten das Problem: Über ein eingebautes Kommunikationsmodul sind die meisten dieser Geräte permanent mit dem Internet verbunden und so mit den Servern der Hersteller.

Andreas Leisibach, Sicherheitsexperte beim Nationalen Testinstitut für Cybersicherheit (NTC) erklärt, was das bedeutet. Man könne einen Wechselrichter fernsteuern. «Das kann man gutartig nutzen, aber auch bösartig, um ein Gerät zum Beispiel auszuschalten oder zu manipulieren.»

Das NTC untersuchte erstmals die Cybersicherheit von Solar-Wechselrichtern in der Schweiz. Der Befund: Die Schwachstelle Wechselrichter sei vor allem darum problematisch, weil viele Geräte von einigen wenigen Herstellern stammen – das mache die Geräte zum Klumpenrisiko.

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Wechselrichter aus China

In der Schweiz sind rund 100’000 Solaranlagen mit einem Wechselrichter aus demselben Herstellerland ausgerüstet – aus China. Dies schätzt das Bundesamt für Energie. Zahlen werden erst seit Kurzem erhoben. Der Marktanteil der beiden chinesischen Hersteller Huawei und Sungrow ist inzwischen auf über 60 Prozent gestiegen. Dieses Klumpenrisiko sei ein Problem, sagt Raphael Reischuk, Gründer des NTC, denn wer den Wechselrichter kontrolliere, habe die Kontrolle über die gesamte Anlage und damit letztlich über das Stromnetz.

Würden die chinesischen Hersteller alle ihre Geräte bei voller Leistung gleichzeitig abschalten, drohe ein Zusammenbruch des Stromnetzes in der Schweiz. Zwar könne kein Hersteller ein ökonomisches Interesse daran haben, aber er könnte dazu gezwungen werden. Entweder von einem staatlichen Akteur oder von Cyberkriminellen, die den Hersteller erpressen, gibt Reischuk zu bedenken.

Das ist nicht nur Theorie: Ein chinesischer Hersteller liess wegen eines Vertriebsstreits reihenweise Wechselrichter in den USA und anderen Ländern aus der Ferne abschalten. Auf den ausser Betrieb gesetzten Geräten erschien eine Fehlermeldung: «Not allowed to use» [Darf nicht verwendet werden].

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Mehr als jeder zweite in der Schweiz neu verbaute Wechselrichter stammt von der Firma Huawei. So installiert auch in Bern die Solarfirma Clevergie auf dem Dach der kantonalen Gewerbeschule eine neue Anlage – ebenfalls mit Wechselrichtern der Marke Huawei. CEO Lukas Meister erklärt: Die Produkte seien qualitativ gut und vergleichsweise günstig. Das Klumpenrisiko, das aus Tausenden solcher Anlagen entstehe, könne weder der Einzelne noch die Branche alleine lösen.

Was sagen die chinesischen Hersteller zu den Sicherheitsbedenken? Sungrow lässt die Fragen der «Rundschau» unbeantwortet. Huawei lehnt ein Interview vor der Kamera ab, betont aber schriftlich, Cybersicherheit habe «höchste Priorität» und: «Der Betrieb unserer Systeme in der Schweiz erfolgt durch unsere Kunden (…). Je nach Anforderungen können diese Systeme über eine sichere, verschlüsselte Verbindung zum Managementsystem des Herstellers (…) oder im Offline-Modus betrieben werden.» Für Experten ist der Offline-Modus allerdings kaum praktikabel.

USA und EU handeln

In den USA will man das Risiko eindämmen. Präsident Donald Trump hat für das Hochspannungs-Stromnetz den nationalen Notstand ausgerufen. Unter anderem verbietet er künftig die Installation netzgekoppelter Wechselrichter aus Ländern, die einem Waffenembargo oder Sanktionen unterliegen – darunter China. Betreiber sollen sogar gezwungen werden können, bereits verbaute Geräte wieder auszubauen.

Auch die EU handelt: Es gibt keine Fördergelder mehr für Projekte mit Wechselrichtern aus China. EU-Kommissionssprecherin Siobhan McGarry warnt: Die Risikobewertungen hätten die Bedrohung bestätigt, einschliesslich der Möglichkeit einer Manipulation der Stromproduktion. In der Praxis könne dies eine Fernabschaltung der Netze und damit landesweite Blackouts bedeuten.

Die Begründung: Weil chinesische Firmen gesetzlich verpflichtet seien, mit staatlichen Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten, könnte Peking im Konfliktfall die Hersteller zwingen, Solaranlagen in Europa aus der Ferne abzuschalten.

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Nachrichtendienst warnt

Und in der Schweiz? Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) warnt in seinem Lagebericht ausdrücklich: Wenn die Schweiz ihre kritische Infrastruktur schlechter schütze als die EU, drohe sie zum bevorzugten Ziel für Angriffe zu werden.

Trotzdem setzen hier selbst Behörden auf chinesische Technologie. Die Baudirektion des Kantons Bern schrieb für die kantonale Gewerbeschule den Auftrag so aus, dass de facto nur ein Wechselrichter von Huawei in Frage kam. Auf Anfrage schreibt die Baudirektion, man habe den Hersteller nicht vorgegeben. Sie räumt aber ein, Cybersicherheit sei bei Ausschreibungen «noch wenig verankert». Einen chinesischen Hersteller auszuschliessen, wäre aber eine «Diskriminierung», entscheidend sei schliesslich das «vorteilhafteste Angebot».

Raphael Reischuk betont, die Studie des NTC sei ausdrücklich kein Appell gegen den Ausbau erneuerbarer Energie. Aber ein Aufruf zu mehr Vorsicht bei der Wahl der Technologie.

Das Bundesamt für Energie bestätigt die Analyse: Das Risiko eines koordinierten Angriffs könne nicht ausgeschlossen werden. Auch der Branchenverband Swissolar bestätigt dies und fordert verbindliche Cyberstandards sowie ein zentrales Register, das erfasst, wie viel bei der Stromproduktion ferngesteuert werden kann.

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