Wie andere Standorte internationale Organisationen aus Genf abwerben wollen
Die US-Kürzungen der Auslandshilfe haben eine Finanzierungskrise der UNO ausgelöst. Dies wiederum hat einen Kampf um diplomatischen Einfluss entfacht, bei dem EU- und Golfstaaten darum wetteifern, internationale Organisationen aus Genf abzuwerben, warnen Schweizer Regierungsvertreter.
Als Sitz des europäischen UNO-Hauptquartiers, Dutzender internationaler Organisationen, Hunderter NGOs und diplomatischer Vertretungen stand Genf im vergangenen Jahr vor seiner grössten Bewährungsprobe seit Jahrzehnten. Dies, nachdem die Trump-Regierung den Grossteil der US-Auslandshilfe eingefroren, den Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt und die Finanzierung mehrerer UN-Gremien eingestellt hatte.
Gleichzeitig haben viele Länder ihre Beiträge zum multilateralen System gekürzt und geben mehr für Bereiche wie die Landesverteidigung aus.
Die daraus resultierende Budgetkrise hat Organisationen gezwungen, Stellen abzubauen, Neueinstellungen einzufrieren und nach kostengünstigeren Standorten zu suchen. Damit ist das hochpreisige Genf zu einem naheliegenden Ziel geworden.
Das Internationale Genf, wie dieses Ökosystem genannt wird, generiert nach Schätzungen des Aussenministeriums eine jährliche Wirtschaftsleistung von rund 4 Milliarden Franken und beherbergt laut Regierungsangaben etwa 450 internationale Organisationen und NGOs sowie rund 185 Länder mit ständigen Vertretungen.
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Schweizer Beamte sagen, dass etwa 20 Länder versuchen, die finanziellen Turbulenzen, die das multilaterale System erschüttern, zu nutzen, um ihre eigenen Ambitionen als diplomatische Zentren zu stärken. Sie nennen Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien sowie Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate als Länder, die versuchen, UN-Organisationen oder Teile des Internationalen Genf anzuziehen.
«Viele europäische Länder hegen Ambitionen als Gaststaat und wollen diesen kritischen Moment nutzen, um ihre eigene Position zu stärken», sagte ein Schweizer Beamter mit direktem Einblick in die Situation. «Das ist unverhohlene Abwerbung.»
«Der drastische Rückgang der finanziellen Unterstützung im Jahr 2025 eröffnete vielen Herausforderern, insbesondere in Europa, eine echte Chance», sagte Beatrice Ferrari, Direktorin für internationale Angelegenheiten des Kantons Genf.
Die WHO hat im Rahmen ihrer Umstrukturierung vorgeschlagen, einige Funktionen des Hauptsitzes nach Lyon in Frankreich zu verlegen. Unicef verlagert Hunderte von Stellen in kostengünstigere Städte, darunter Rom, während die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) angekündigt hat, einen Teil des Personals und der Funktionen in ihr bestehendes Ausbildungszentrum in Turin zu verlegen.
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Ferrari sagt: «Wir haben beobachtet, dass einige Mitgliedstaaten einen bestimmten Geldbetrag für jede Person anbieten, die sie von Genf in ihre Stadt verlegen können.»
Ein in Genf ansässiger Politiker sagt, die Regierungen würden zunehmend spezielle Aufgabenbereiche abgrenzen, anstatt zu versuchen, die Stadt als Ganzes zu kopieren. Spanien möchte Valencia zu einem Zentrum für Digitalisierung und Daten machen; Frankreich stärkt Lyon als Drehscheibe für internationale Gesundheitspolitik und Paris als Bildungsstandort; Deutschland baut auf die Umweltinstitutionen in Bonn und die internationale Rolle Berlins auf; Wien ist bestrebt, seine Präsenz als UN-Drehscheibe auszubauen.
«Sie alle wollen unterschiedliche Teile des Ökosystems», so der Politiker.
Katar sehen Schweizer Beamte als den stärksten Konkurrenten aus der Golfregion an. Sie weisen auf die wachsende Rolle Dohas bei Vermittlungsbemühungen hin, unter anderem im Zusammenhang mit dem Gazastreifen und in der jüngsten Diplomatie bezüglich des Iran. Katar verbinde diesen politischen Einfluss mit «sehr attraktiven finanziellen Angeboten», während es danach strebe, ein grösserer humanitärer Knotenpunkt zu werden.
Bern hat darauf mit einem der umfangreichsten Unterstützungspakete seit Jahren reagiert. Die Bundesregierung bewilligte im Juni 269 Millionen Franken für das Internationale Genf, mit Verweis auf die UNO-Finanzkrise sowie den «zunehmenden Wettbewerb zwischen den Staaten» um die internationalen Organisationen.
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Das Paket umfasst Soforthilfen für in Schwierigkeiten geratene Organisationen, Investitionen in Konferenz- und digitale Infrastruktur, ein zinsloses Darlehen in Höhe von 78 Millionen Franken für Gebäudesanierungen, sowie Unterstützung für Genfs Ambitionen in Bereichen wie KI und anderen neuen Technologien.
Die Bemühungen gehen über die Bundesebene hinaus. Der Kanton Genf und die Hans-Wilsdorf-Stiftung, die Rolex kontrolliert, haben einen Fonds in Höhe von 50 Millionen Franken eingerichtet, um das Internationale Genf über einen Zeitraum von fünf Jahren zu unterstützen. Der Kanton hat zudem 10 Millionen Franken für NGOs vorgesehen, während die Stadt Genf weitere 2 Millionen Franken zugesagt hat.
Den Schweizer Vertretern gehe es nicht darum, Rivalen mit höheren Ausgaben zu übertrumpfen. Sondern darum, die Konzentration von UN-Organisationen, Diplomaten, NGOs und Forscherinnen zu schützen, die Genf zu einem der weltweit führenden Zentren für internationale Zusammenarbeit gemacht hat.
Sie argumentieren, dass die wirtschaftlichen Vorteile einer Verlagerung oft überbewertet werden. Die Kosten für den Neuaufbau von Konferenzorten, für die administrative Unterstützung und die diplomatischen Netzwerke würden die niedrigeren Gehälter und Mieten an anderen Standorten wieder zunichtemachen. Eine Zersplitterung berge die Gefahr, die Zusammenarbeit zu schwächen, die Genf bei der Bewältigung globaler Probleme so effektiv gemacht hat.
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«Aufgrund des Rückzugs der USA herrscht ein harter Wettbewerb», sagte Vincent Subilia, Grossrat des Kantons Genf und Generaldirektor der Genfer Handelskammer. «Aber der Bund, der Kanton und die Stadt haben sich alle engagiert, um einen Teil der Lücke zu schliessen. Dank unserer hohen Konzentration an Institutionen bietet Genf nach wie vor das stärkste und einzigartigste internationale Ökosystem.»
Zudem ziehen sich nicht alle Regierungen zurück. Schweizer Beamte erklärten, Länder wie China hätten ihr Engagement bei den multilateralen Institutionen in Genf verstärkt. Sie sehen im Rückzug der USA eine Chance, grösseren Einfluss auszuüben.
Ferrari sagte, sechs neue Länder hätten in den vergangenen zwei Jahren ständige Vertretungen eröffnet, darunter Belize und pazifische Inselstaaten.
«Die Krise ist noch nicht vorbei, aber Genf bleibt das grösste Zentrum und dasjenige, das den Entscheidungsträgern am nächsten ist», fügte sie hinzu.
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