Die Zahlen hinter Chinas Aufstieg zur Pharmamacht
Chinas Pharmaindustrie hat sich neu erfunden: Vom Hersteller günstiger Nachahmermedikamente zum innovativen Global Player. Das schafft neue Chancen, erhöht aber auch den Wettbewerbsdruck für Pharmakonzerne wie Roche und Novartis.
Chinas biopharmazeutische Industrie war lange vor allem dafür bekannt, erfolgreiche Therapien nachzuahmen und Generika in grossem Stil herzustellen. Die eigentliche Innovation kam überwiegend aus den USA und Europa.
Doch das hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Medikamente chinesischer Firmen wie die Krebsbehandlung Ivonescimab übertreffenExterner Link in direkten Vergleichsstudien inzwischen westliche Blockbuster-Medikamente. Andere Präparate wie das von BeOne Medicines entwickelte Blutkrebsmedikament Zanubrutinib (Brukinsa) erzielen bereits Jahresumsätze in Milliardenhöhe.
«Innerhalb von nur drei Jahren ist Chinas Biopharmaindustrie von nahezu bedeutungslos zu dominierend geworden», stellte eine Kommission des US-Kongresses im vergangenen Jahr in einem BerichtExterner Link zur Zukunft des Wettbewerbs zwischen den USA und China im Bereich Biotechnologie fest.
Wie konnte sich China zu einem globalen Akteur der Pharmaindustrie entwickeln? Und in welchen Bereichen prägt die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt die Branche mittlerweile? Ein Blick auf die Zahlen.
Massive Ausgaben für Forschung und Entwicklung
1,03 Billionen Dollar: So viel investierte China im Jahr 2024, kaufkraftbereinigt, in Forschung und Entwicklung. Damit überholte das Land laut OECDExterner Link erstmals die USA, die 1,01 Billionen Dollar (820 Milliarden Franken) ausgaben. Gegenüber dem Vorjahr stiegen Chinas Investitionen um 12,3 Prozent.
Die massiven Investitionen des vergangenen Jahrzehnts haben sich sowohl quantitativ als auch qualitativ ausgezahlt. Gemäss Nature IndexExterner Link veröffentlicht China inzwischen mehr wissenschaftliche Arbeiten in den weltweit renommiertesten Fachzeitschriften als jedes andere Land.
Zusätzlich verfügt das Land über einen stetigen Nachschub an Absolventinnen und Absolventen in Naturwissenschaft und Technik von führenden Universitäten. Mit finanziellen Anreizen gelang es zudem, zahlreiche im Ausland ausgebildete chinesische Forschende zur Rückkehr zu bewegen.
Besonders die Biotechnologie profitierte von diesem wissenschaftlichen Aufschwung. Die chinesische Regierung erklärte die Branche zu einem strategischen Schwerpunkt, um die Abhängigkeit von Importen zu verringern und international konkurrenzfähig zu werden.
Milliardenbeträge flossen in Produktionsstandorte, Innovationsparks und Forschungscluster. Staatlich gelenkte Investitionsfonds lockten zudem privates Kapital und Geld von lokalen Behörden an.
Gezielte Förderung
«Die Regierung begann bereits vor 15 bis 20 Jahren damit, die Rahmenbedingungen für Biotech-Unternehmen grundlegend zu verändern», sagt Celia Deng, Präsidentin der Pekinger Beratungsfirma SAI-med. «Man erkannte, dass billige Generika keine langfristige Strategie sind und echte Innovation nötig ist.»
Ab 2015 führte China umfassende Reformen ein. Diese sollten internationale Qualitätsstandards verankern, klinische Studien und Zulassungsverfahren beschleunigen und die Gründung von Biotech-Start-ups fördern.
31 Prozent Anteil an der globalen Medikamentenentwicklung
Laut dem Marktforschungsunternehmen CitelineExterner Link stieg Chinas Anteil an der weltweiten Entwicklung neuer Medikamente von 18 Prozent im Jahr 2021 auf 31 Prozent Anfang 2026.
Besonders deutlich zeigt sich Chinas Aufstieg in den frühen Entwicklungsphasen neuer Arzneimittel. 2015 stammten laut einer Studie Externer Linkunter Leitung von Forschenden der Georgetown University lediglich 8 Prozent der frühen Entwicklungsprogramme für Medikamente aus China. Auf die USA entfielen damals 48 Prozent. Bis 2024 stieg der chinesische Anteil auf 32 Prozent, während jener der USA auf 37 Prozent sank. Im dritten Quartal 2025 überholte China die Vereinigten Staaten sogar.
Viele dieser Studien werden von chinesischen Unternehmen durchgeführt. Doch auch westliche Biotechfirmen verlagern vermehrt Studien nach China.
«Immer mehr westliche Unternehmen ziehen klinische Studien in China in Betracht, weil sie dort frühe Daten deutlich günstiger gewinnen können», sagt Dusan Kladar, Mitgründer der Beratungsfirma Vision Lifesciences.
Schnellere und günstigere Studien
Besonders in der Krebsforschung verändert China die globale Landschaft. Nach Daten von GlobalDataExterner Link entfielen 2016 noch 25 Prozent aller weltweit gestarteten Krebsstudien auf China. Bis 2025 stieg dieser Anteil auf 55 Prozent. Die USA kamen im selben Jahr nur noch auf 14 Prozent, nachdem ihr Anteil 2016 noch bei 27 Prozent gelegen hatte.
Ein wichtiger Grund für diesen Aufstieg ist die Fähigkeit Chinas, Studien schneller und günstiger zu starten als praktisch jeder andere Standort weltweit. Möglich machen dies beschleunigte Behördenverfahren, eine grosse Zahl an Studienzentren und der Zugang zu einer sehr grossen Patientengruppe.
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McKinsey schätztExterner Link, dass die Rekrutierung von Patientinnen und Patienten für klinische Studien in China je nach Therapiegebiet zwei- bis fünfmal schneller erfolgt.
19 Prozent: Chinas Anteil an den weltweiten Biopharmafirmen
Nach Angaben von CitelineExterner Link haben inzwischen 19 Prozent aller forschungsorientierten Biopharmaunternehmen ihren Hauptsitz in China. 2023 waren es noch 13 Prozent gewesen.
Der Anteil europäischer Unternehmen, einschliesslich jener aus der Schweiz, sank dagegen von 25 Prozent auf 17 Prozent Anfang 2026.
Auch in Forschung und Entwicklung treten chinesische Unternehmen zunehmend als Konkurrenten westlicher Pharmakonzerne auf. Hengrui Pharmaceuticals verfügt laut Citeline über mindestens 178 Wirkstoffe und Medikamente in Entwicklung und besitzt damit die zwölftgrösste Pipeline der Branche. Spitzenreiter ist der Basler Pharmakonzern Roche mit 262 Entwicklungsprojekten.
2026 schafften es zudem zwei chinesische Firmen, Hengrui und BeOne Medicines (früher BeiGene), unter die 30 innovativsten Pharmaunternehmen weltweit im InnovationsindexExterner Link der britischen Beratungsfirma IDEA Pharma.
BeOne wurde ursprünglich in Peking gegründet und hat seinen globalen Hauptsitz inzwischen in Basel. Das Unternehmen besitzt bereits drei von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassene Produkte auf dem Markt.
Der rasante Aufstieg chinesischer Pharmafirmen wurde auch durch einen Geldzufluss begünstigt. Zwischen 2019 und 2024 sammelten chinesische Biopharmaunternehmen laut McKinseyExterner Link 26 Milliarden Dollar von Private-Equity- und Risikokapitalgebern ein. Mehr als 80 Unternehmen gingen in dieser Zeit an die Börse, vor allem in Hongkong sowie am STAR Market in Schanghai.
Möglich wurde dies durch eine Regeländerung im Jahr 2018. Seither dürfen auch Biotechunternehmen ohne Markterlöse an der Börse von Hongkong kotiertExterner Link werden. Heute sind dort mehr als 265 Biotech- und Gesundheitsunternehmen gelistet. Ihre gemeinsame Börsenkapitalisierung übersteigt inzwischen 5 Billionen Hongkong-Dollar (520 Milliarden Franken).
137 Milliarden Dollar: Wert der Lizenzabkommen
Im Jahr 2025 schlossen chinesische Unternehmen Lizenzvereinbarungen mit internationalen Pharmakonzernen im potenziellen Gesamtwert von 137 Milliarden Dollar ab. Das geht aus Daten von PharmCube und ReutersExterner Link hervor.
Damit hat sich das Volumen gegenüber 2024 (52 Milliarden Dollar) mehr als verdoppelt und gegenüber 2021 (13,9 Milliarden Dollar) beinahe verzehnfacht.
Auch die Zahl der Vereinbarungen explodierte: von zehn im Jahr 2016 auf 186 im Jahr 2025.
Vor 2020 bestanden die meisten Lizenzabkommen darin, dass internationale Pharmakonzerne chinesische Partner suchten, um ihre Medikamente in China zu vermarkten.
Heute hat sich das Blatt gewendet. Westliche Unternehmen erwerben vermehrt Nutzungsrechte an chinesischen Innovationen, um ihre Produktpipelines aufzufüllen. Gleichzeitig suchen chinesische Firmen nach Vermarktungsmöglichkeiten im Ausland.
Laut der Investmentbank Stifel Externer Linkstammten 2024 bereits 31 Prozent der innovativen Entwicklungsprojekte grosser Pharmakonzerne aus Lizenzvereinbarungen mit chinesischen Unternehmen. Gemessen an der Anzahl Abschlüsse kam in der ersten Hälfte des Jahres 2026 etwa die Hälfte aller grossen Lizenzdeals der Pharmaindustrie aus China.
«Vor 15 Jahren kopierten chinesische Biotechfirmen erfolgreiche Projekte aus dem Westen», sagt Kladar. «Heute kommen aus China zunehmend Innovationen, die man sonst nirgends findet.»
Auch die einzelnen Vertragsgrössen wachsen. So schloss der britische Pharmakonzern AstraZeneca dieses Jahr mit der in der Provinz Hebei ansässigen CSPC Pharmaceutical Group eine Vereinbarung über mehrere Wirkstoffkandidaten gegen Fettleibigkeit ab. Der Deal hat ein mögliches Volumen von bis zu 18,5 Milliarden Dollar und gehört zu den grössten des Jahres.
28,7 Prozent: Medikamente, die zuerst in China auf den Markt kommen
Der Anteil der Arzneimittel, die zuerst in China eingeführt werden, stieg laut einer Studie des US-amerikanischen National Health Council von 3,3 Prozent im Jahr 2004 auf 28,7 Prozent im Jahr 2024.
Im selben Zeitraum sank der Anteil der Erstzulassungen in den USA von 45,9 Prozent auf 37,8 Prozent. In Europa fiel er sogar von 26,2 Prozent auf 8,5 Prozent.
Chinesische Unternehmen tragen zunehmend selbst zu diesen Weltpremieren bei. 2024 stammten 26,2 Prozent der weltweit erstmals eingeführten Medikamente von chinesischen Firmen. Unternehmen mit Hauptsitz in den USA standen für 31 Prozent, europäische Firmen für 20,7 Prozent.
2004 lag der Anteil chinesischer Unternehmen noch bei gerade einmal 1,7 Prozent.
Die Attraktivität Chinas für solche Erstzulassungen hängt mit beschleunigten Bewilligungs- und Vergütungsverfahren zusammen. Die Regierung will innovative Medikamente schneller zu den Patientinnen und Patienten bringen.
Im Juni genehmigten die chinesischen BehördenExterner Link die weltweit erste CAR-T-Therapie gegen solide Tumoren. Entwickelt wurde sie vom Unternehmen CARsgen Therapeutics aus Schanghai. Bisher kam diese Technologie, bei der körpereigene Immunzellen genetisch so verändert werden, dass sie Krebs bekämpfen können, ausschliesslich gegen Blutkrebs zum Einsatz.
Zugleich hat China den Versicherungsschutz für innovative Medikamente ausgebaut. Gleichzeitig verlangt der Staat von Pharmaunternehmen beträchtliche Preisnachlässe, wenn ihre Produkte in die staatlichen Erstattungslisten aufgenommen werden sollen.
Die Zahl der dort aufgeführten patentgeschützten westlichen und chinesischen Medikamente stieg von 1535 im Jahr 2000 auf 3253 im Jahr 2025.
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Edited by Nerys Avery/vm/ts. Übertragung aus dem Englischen: Balz Rigendinger
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