Coronavirus bringt "Sans-Papiers" in der Schweiz in prekäre Lage

Menschen stehen am 18. März im Zentrum von Lausanne in einer langen Schlange für Essen an. Keystone / Jean-Christophe Bott

Die Coronavirus-Pandemie verschlimmert die Situation der rund 100'000 papierlosen Migrantinnen und Migranten in der Schweiz. Im Land mit seinen hohen Lebenskosten haben es die so genannten "Sans-Papiers" nun noch schwerer.

"Ich habe Freunde, und wir helfen einander. Aber diesmal sind wir alle von der Krise betroffen. Eine Freundin, die mit einem Schweizer verheiratet ist, leiht mir Geld zum Überleben. Das Coronavirus hat hier zu einer Ausbreitung der Armut geführt", sagt Mariana*, eine 34-jährige Dominikanerin, die als Reinigungskraft arbeitet.

"Zwei Familien bezahlen mir weiterhin die Stunden, die ich normalerweise pro Woche bei ihnen arbeite, auch wenn ich gegenwärtig nicht in ihre Häuser gehe. Sie sagen mir, ich könne sie später entschädigen, indem ich eine zusätzliche Reinigungsstunde einschiebe. Aber andere Familien können das nicht tun, weil sie Ausländer sind, die ihre Jobs verloren haben, oder mich nicht brauchen, weil sie daheim sind."

Heute lebt Mariana in einem Dorf in der Nähe der Stadt Murten im Kanton Freiburg in der Nordwestschweiz. Sie bleibt hoffnungsvoll, dass sie neue Wege finden wird, um zu überleben, sobald Geschäfte und Unternehmen wieder langsam öffnen werden.

"Ich überlege mir, nach landwirtschaftlichen Arbeiten zu fragen, obwohl ich dort niemanden kenne, dem ich vertraue. Ein junger Flüchtling erzählte mir, dass einige Landwirte Leute ohne Arbeitsbewilligungen für die Spargelernte engagieren. Er arbeitet jetzt für sie und erhält auch Geld von der Sozialhilfe. Ich finde das unfair, aber was soll man tun? Ich bin dem Staat nie zur Last gefallen. Ich habe mich immer selbst durchgebracht, aber heute kann ich wegen der Pandemie keine Häuser mehr putzen."

Die Schweiz unterscheidet sich dabei nicht von anderen Ländern: "Sans-Papiers" übernehmen die vielen Jobs, die Einheimische nicht machen wollen. Sie bauen Häuser, putzen, kochen, kümmern sich um Kinder oder arbeiten als Prostituierte.

In guten Zeiten können sie genug verdienen, um zu essen, die Miete zu zahlen und etwas Geld an ihre Verwandten in den Herkunftsländern zu schicken. In schlechten Zeiten sind es sie, die am härtesten getroffen werden. Weil sie nicht über das gleiche Sicherheitsnetz wie andere Arbeitnehmende im Land verfügen.

Ganze Familie ohne Arbeit

"Gibt es irgendeine finanzielle Hilfe, damit die Menschen ihre Miete bezahlen können?", fragt Hector*. Der "Sans-Papier" stammt aus Nicaragua und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in der Schweiz. Beide sind seit Anfang März arbeitslos. Sie müssen immer noch 1000 Franken pro Monat für die Miete bezahlen und brauchen dringend Hilfe.

Während der Coronavirus-Krise konnten verschiedene Organisationen und Hilfszentren in Zürich, Luzern, Basel, Bern, Genf und Lausanne bei den Ausgaben für Grundbedürfnisse helfen, indem sie Dinge wie Essensgutscheine zur Verfügung stellten. Aber Anfragen nach Beratung und finanzieller Unterstützung kommen weiterhin herein.

"In Zürich haben uns mehr als 400 Menschen für finanzielle Hilfe angerufen, um während des Lockdowns die notwendigsten Ausgaben decken zu können", sagt Bea Schwager, Leiterin der Zürcher Anlaufstelle SPAZ.

Sobald die Schweizer Geschäfte wegen des Lockdowns gezwungen waren, ihre Türen zu schliessen, hatte SPAZ einen öffentlichen Spendenaufruf gestartet. "Wir haben etwa 100'000 Franken erhalten, aber viel von diesem Geld ist bereits ausgegeben", sagt Schwager. "Wir haben die Verteilung von finanzieller Hilfe unterbrochen, weil wir neu bewerten müssen, wie wir mit dieser Arbeit fortfahren wollen."

Wie lange wird die Krise anhalten?

Myriam Schwab vom Centre social protestant (CSP) des Kantons Waadt sagt, die grösste Angst sei, nicht zu wissen, wie lange die gegenwärtige Situation anhalten werde.

"Auch wenn die finanzielle Hilfe nicht unsere Hauptaktivität ist – es ist die Beratung –, versuchen wir momentan Mittel zu suchen, um Menschen zu helfen, die in der gegenwärtigen Notsituation keinen Zugang zu öffentlicher Hilfe haben", sagt sie.

Viele Menschen lebten derzeit von Tag zu Tag. Und neben den Grundbedürfnissen wie Lebensmitteln sei die Miete das grösste ungelöste Problem, sagt Byron Allauca, Ko-Präsident des Collectif vaudois de soutien aux sans-papiers (CVSSP).

"Viele konnten die Aprilmiete nicht bezahlen. [Das Hilfswerk] Caritas hilft ihnen mit Gutscheinen für den Kauf preiswerter Lebensmittel in Geschäften, und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz versorgt sie mit Lebensmittel-Rationen. In Lausanne beispielsweise gab die protestantische Kirche vor der Krise 80 Lebensmittel-Rationen pro Tag heraus. Heute sind es 350", sagt Allauca.

Mitte April lancierten CSP und CVSSP, zusammen mit anderen Organisationen im Kanton Waadt, einen Aufruf an die Bundes-, Kantons- und Gemeindebehörden für finanzielle Hilfe und andere Unterstützung für die Schwächsten, darunter auch Migrantinnen und Migranten ohne Dokumente. Doch bis heute blieb eine Antwort aus.

Derweil reichte die sozialdemokratische Nationalrätin Ada Marra am Dienstag ein offizielles Gesuch beim Bundesrat ein. Die Ko-Präsidentin der nationalen Plattform der "Sans-Papiers" fordert die Einrichtung eines Fonds, dessen Gelder an Organisationen verteilt werden sollen, die "Sans-Papiers" unterstützen.

Leider werde sich die Situation mit dem Ende des Lockdowns nicht wesentlich verbessern, warnt Schwab vom CSP Waadt: "Für Menschen ohne Papiere wird es schwierig, künftig in der Schweiz Arbeit zu finden", befürchtet sie.

"Zugang zu Arbeit ist zentral für ihr Überleben, aber wir sind in eine sehr dunkle Periode eingetreten. Und man braucht sich nur die Geschichte der Einwanderung in der Schweiz anzuschauen, um zu wissen, dass in einer Krise immer die verletzlichsten ausländischen Arbeitskräfte am meisten leiden. Es sind sie, die das Land verlassen müssen", so Schwab.

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