Das Vertrauen in eigene Entscheide sinkt bei Verantwortung
Verantwortung macht unsicher: Wer Entscheidungen für eine Gruppe trifft, hat laut einer neuen Studie weniger Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit. Dies, obwohl die Leistung objektiv nicht schlechter ist als bei Entscheidungen, die nur einen selbst betreffen.
(Keystone-SDA) Diese tiefere Zuversicht führt dazu, dass Menschen die Verantwortung lieber abgeben, wie Forschende der Universität Zürich in einer Studie berichten. Sie ist am Mittwochabend im Fachblatt «Science Advances» veröffentlicht worden.
Für die Studie führten die Forscherinnen und Forscher Experimente mit insgesamt rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch. Diese mussten jeweils beurteilen, in welchem von zwei Kreisen sich mehr Punkte befinden. Für richtige Antworten erhielten sie Geld.
In einigen Durchgängen brachte die richtige Antwort nur dem Entscheidungsträger oder der Entscheidungsträgerin selbst Geld ein. In anderen bestimmten die Antworten die Auszahlungen für die gesamte vierköpfige Gruppe, zu der der die entscheidende Person gehörte.
Verantwortliche delegieren lieber
Die Auswertung zeigte, dass die Testpersonen in beiden Situationen gleich gut abschnitten. Die Genauigkeit ihrer Entscheidungen unterschied sich nicht, egal ob sie nur für sich oder für die Gruppe entschieden. Dennoch gaben die Teilnehmenden systematisch an, weniger Vertrauen in ihre Entscheidung zu haben, wenn sie Verantwortung für andere trugen. Zudem benötigten sie mehr Zeit für ihre Urteile.
In einem weiteren Versuchsteil konnten die Probanden die Entscheidung an Experten mit einer bekannten Erfolgsquote von 70 oder 90 Prozent delegieren. Es zeigte sich, dass die Teilnehmenden signifikant häufiger von dieser Möglichkeit Gebrauch machten, wenn sie in den vorangegangenen Experimenten für eine ganze Gruppe verantwortlich waren.
Gemäss einem von den Forschenden entwickelten Modell lässt sich diese erhöhte Bereitschaft zur Delegation allein durch das wegen der vorangegangen Verantwortung gesunkene Selbstvertrauen erklären.
Als Ursache für das gesunkene Selbstvertrauen identifizierte die Studie eine Veränderung auf der metakognitiven Ebene – also der Fähigkeit, über das eigene Denken nachzudenken. Demnach verstärkt die Verantwortung für andere eine bereits vorhandene metakognitive Verzerrung, die zu einer Unterschätzung der eigenen Leistung führt.
Dieser Befund wurde in einem weiteren Experiment untermauert: Selbst als die Teilnehmenden direktes Feedback erhielten, das ihnen ihre konstant hohe Leistung in beiden Bedingungen aufzeigte, blieb die Kluft im Selbstvertrauen bestehen.