The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Schweizer Chalet als Bausatz, unbekannte Erfolgsgeschichte der industriellen Revolution

Zeichnungen von verschiedenen Fertigbau-Chalets zum Verkauf
Katalog der Manufaktur Spring Frères aus Genf. Centre d’iconographie, Bibliothèque de Genève

Zwischen 1850 und 1920 erlebte das Schweizer Chalet seine Blütezeit. Zunächst verliebte sich die Aristokratie, später auch das Bürgertum in diese rustikale Wohnform. Die industrielle Revolution ermöglichte es, Gebäude als Bausätze in die ganze Welt zu exportieren. Die Historikerin Pauline Nerfin hat sich in ihrer Dissertation an der Universität Genf mit dieser in Vergessenheit geratenen Geschichte befasst.

Die Begeisterung für das Chalet geht auf das 18. Jahrhundert zurück, als die in Jean-Jacques Rousseaus «Julie oder Die neue Héloïse» beschriebene Genferseeregion die Gemüter in Europa bewegte.

Die Geschichte beginnt in Wirklichkeit ein Jahrhundert vor der industriellen Revolution. Der 1761 erschienene Roman von Jean-Jacques Rousseau «Julie oder Die neue Héloïse» machte das Wort «Chalet» populär. Die Handlung spielt an der Waadtländer Riviera.

«Die Schweizer Alpen, die Landschaften der Region Clarens werden zum Objekt der Begeisterung der Eliten», sagt die Historikerin Pauline Nerfin. «Die europäischen Aristokraten kommen in die Schweiz, um sie zu besuchen und begeistern sich für das Chalet.»

Eine Begeisterung, die trotz der Tatsache entstand, dass der Begriff im ganzen Text nur fünfmal vorkommt und der Autor damit eher eine Hütte beschreibt…

Dank der technischen Innovationen der Industriellen Revolution und dem Aufkommen der Werkzeugmaschine verbreitete sich der Holzbau über den ganzen Kontinent.

Grosse Sägen mit verstärkten Sägeblättern, die durch Dampfmaschinen oder Wasserkraft angetrieben werden, ermöglichten die Serienproduktion. Zudem musste das Gebäude in Einzelteilen geliefert werden können. Dies wurde durch die Entwicklung des Seetransports und der Eisenbahn ermöglicht.

Wenn sich ein Angebot entwickelt, dann nur, weil eine Nachfrage besteht. Damals faszinierten die Alpen. Es waren die Anfänge des Alpinismus und der Geologie.

«Die Schweiz wird idealisiert. Man vergleicht sie mit Arkadien – einer Region Griechenlands, die als Symbol für eine unberührte Natur gilt – mit ihren Hirten, welche die Berge bevölkern», erzählt Pauline Nerfin in der Sendung «Forum des idées» des Westschweizer Radios RTS.

Hören Sie hier den Beitrag in der Sendung «Forum des idées» (Franz.):

Externer Inhalt

Die Idee, in der rustikalen Behausung der Bergbevölkerung zu leben, gefiel den Menschen in den europäischen Städten, besonders jenen in Paris.

Industrialisierung und Demokratisierung

Anfangs konnte sich nur die Elite einen solchen Kauf leisten. «Viele gekrönte Häupter Europas lassen sich ein Chalet bauen. Einige lassen sogar echte Chalets aus dem Berner Oberland Stück für Stück abbauen, um sie auf ihr Anwesen zu transportieren und dort wieder aufzubauen», erzählt die Architekturhistorikerin und Co-Präsidentin der Genfer Sektion beim Schweizer Heimatschutz.

Da immer mehr Hersteller auf den Markt kamen, sanken die Preise. Es kam zu einer Demokratisierung. Einige liessen sich ein Chalet als Ferienhaus bauen, andere als Hauptwohnsitz.

Ein Haus in wenigen Tagen

Der Katalog des Genfer Unternehmens Spring Frères zeugt von dieser Vielfalt. «Es war für jedes Budget etwas dabei», sagt die Historikerin. «Man konnte ein Chalet mit drei Zimmern kaufen oder ein viel luxuriöseres mit fünfzehn Zimmern.»

Nach der Bestellung mussten die Käuferinnen und Käufer sechs bis acht Wochen warten. «Sobald die Teile – die Balken, die Bretter, die Träger – produziert sind, stellt die Fabrik die nötigen Monteure zur Verfügung. In wenigen Tagen ist das Chalet gebaut.»

Gezeichnete Ansicht zweier Gartenchalets
Ansicht zweier Gartenhäuser der Fabrik Waaser et Bougleux, erbaut in den französischen Ortschaften Suresnes (Seine) und Lagny (Seine-et-Marne), in «Nouvelles maisons de Paris et des environs : architecture privée au XIXᵉ siècle (deuxième série). Band 2, Villen, Chalets, Gärten und ihre verschiedenen Nebengebäude» von César Daly (1872). Bibliothèque nationale de France

Das Unternehmen verkaufte sogar kleine Chalets für Kinder, die im Garten aufgestellt werden konnten. In diesem Fall musste man nicht warten, bis es geliefert wurde. Es genügte, bei der Fabrik in Sécheron vorbeizugehen, um ein Set mit einer Gebrauchsanweisung zu erhalten. Sozusagen Ikea vor der Zeit…

Rustikaler Wohnstil wird geringgeschätzt

Der Trend lässt zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach. Nach den 1930er-Jahren wurden Chalets viel seltener gebaut.

In Genf war Maurice Braillard nicht unbeteiligt an diesem Rückgang. Der Staatsrat und Architekt sträubte sich vehement gegen das zahlreiche Aufkommen solcher Gebäude.

Er war der Meinung, dass sie sich schlecht in die lokale Stadtplanung einfügten, und bezeichnete sie als «Kulissen einer komischen Oper». Der kantonale Baudirektor tat daher sein Möglichstes, um deren Bau einzuschränken.

Von den sechzig Lausanner Chalets stehen einige unter teilweisem Schutz, wie in der Sendung «Couleurs locales» des Westschweizer Fernsehens RTS zu sehen ist (Franz.):

Externer Inhalt

In der Nachkriegszeit wurde die industrielle Fertigung von Häusern wiederentdeckt, wobei bestimmte neuere architektonische Theorien, wie jene von Le Corbusier, in die Praxis umgesetzt wurden. Die Geschichte des Fertigchalets wurde hingegen «unter den Teppich gekehrt».

Warum hat man diese aus heutiger Sicht wegweisenden Fertighäuser vergessen? Die Historikerin stellt die Hypothese auf, dass diese Art von Holzkonstruktionen geringschätzig betrachtet wurde.

Zwar haben einige grosse Architekten Chalets realisiert, aber keiner hat seinen Namen dauerhaft mit dieser Art von Gebäuden verbunden.

«Man hat sich nie wirklich für diese Geschichte interessiert, obwohl Tausende von Chalets in der Schweiz, in Europa und in der Welt gebaut wurden», sagt Nerfin.

Externer Inhalt

Übertragung aus dem Französischen mithilfe der KI Claude: Christian Raaflaub

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft