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Die Tour ist tot, es lebe die Tour

Wie tot ist die Tour de France, fragt sich die Schweizer Presse. swissinfo.ch

Der Sport ist kaputt, die Tour de France rollt einzig noch aus wirtschaftlichem Antrieb nach Paris. Dies ist der Tenor der Schweizer Zeitungen nach den Doping-Skandalen.

Immerhin sei das Spektakel nicht ganz ohne Wert, denn die heurige Rundfahrt zeige die «triste Wahrheit des professionellen Radsports».

Nach dem Rauswurf von Leader Michael Rasmussen von der Tour de France am späten Mittwochabend kämpft die traditionsreichste Radrundfahrt ums Überleben. «Das Totenglöcklein bimmelt», titelt die Basler Zeitung auf der Front. «Die Tour droht im Doping-Sumpf stecken zu bleiben.»

Das Bild darunter zeigt eine Todesanzeige, entnommen der französischen Zeitung France Soir: «Tour de France, verstorben nach langer Krankheit am 25. Juli 2007 in Orthez im Alter von 104 Jahren.» Die Donnerstags-Etappe, auf der kein Fahrer das gelbe Trikot des Leaders trug, bezeichnete die BaZ als Kapitulation am Dopingabgrund.

Drehen Sponsoren den Hahn ab?

Für den Blick steht nicht nur die Tour auf dem Spiel, sondern der gesamte Radsport. «Existenz bedroht! Wie viele Sponsoren springen noch ab?» Der Schweizer Zeitfahrspezialist Fabian Cancellara, Tour-Leader der ersten Woche, fordert im Boulevardblatt: Kein gelbes Trikot für den Sieger in Paris.

Das Frontbild der Neuen Luzerner Zeitung zeigt einen Zuschauer, der dem vorbei fahrenden Fahrerfeld der Tour de France ein Schild mit der Aufschrift «Say no to drugs kids» entgegenhält. «Tour fährt – und wird totgesagt», lautet die Legende.

Die NLZ fragt nach den wirtschaftlichen Konsequenzen der Dopingskandale. «Viele grosse Sponsoren werden abspringen. (…) Die Löhne werden massiv sinken», sagt der befragte Sponsoring-Experte. Die Teams würden sich von den teuren Profis trennen und mit unbekannten Jungfahrern einen Neustart versuchen.

«Parallelwelt zerstören»

Der Berner Bund titelt mit «Die Tour der Fragen» und stellt den Radzirkus ebenfalls in grössere Zusammenhänge. «Sportlich ist das Rennen ziemlich schnell zur Farce mutiert, Paris wird am Sonntag einzig aus wirtschaftlichen Überlegungen erreicht.»

Die Tour sei sportlich bedeutungslos, aber nicht wertlos, denn sie hat laut Bund aufgedeckt, was kritische Stimmen seit Jahren verkündeten: «die triste Wahrheit des professionellen Radsports». Die Parallelgesellschaft müsse zerstört und eine neue aufgebaut werden, wobei der Radsport-Weltverband UCI gefordert sei.

Haus der Lügen

Die Neue Zürcher Zeitung – die einzige Schweizer Zeitung, welche den Tross der Pedaleure seit Jahren kritisch begleitet – fokussiert auf die Lüge als Fundament des Radsports, und auf die Doppelmoral, mit der erwischte Sünder verurteilt würden.

«Rasmussen log, immer wieder – das ist dreist, wird aber als Ungeheuerlichkeit dargestellt, als wäre es im Radpost eine Seltenheit.» Doch sei die Lüge im Radpost Alltag, «sie ist die Basis der Fähigkeit, Dopingvergehen während Jahren abzustreiten».

Wie trügerisch sind die Hoffnungen diesmal?

Mit dem Titel «Wunder brauchen etwas länger» versprüht der Zürcher Tages-Anzeiger immerhin ein Fünkchen Hoffnung. Eclats wie der Ausschluss Rasmussens brauche es, damit sich der Radsport erholen könne.

Dies geschehe aber nicht von heute auf morgen. «(…) wieso sollte sich ausgerechnet im Radsport eine jahrzehntelange Seuche innerhalb zweier Jahre ausrotten lassen?», fragt der Tagi.

Auch die Westschweizer Zeitung 24Heures sieht einen Silberstreifen: «Die Aufdeckung der Fälle Winokurow, Moreni und Rasmussen ist eine Chance für den Radsport und alle, die noch an die Tugenden des Sports glauben.»

L’Express und L’Impartial aus Neuenburg glauben, dass jetzt endlich aufgeräumt werde. «Weder Rasmussen, noch Winokurow oder Moreni sehen Paris. Das ist gut so.»

Le Matin setzt seine Hoffnung in Patrice Clerc, den Präsidenten der Tour-Organisation. «In diesem Krieg wird es noch weitere Schäden geben, aber unsere Entschlossenheit ist umso grösser. Wir wollen nichts weniger als die Ausrottung des Dopings», wird der Tour-Präsident zitiert.

swissinfo, Renat Künzi

Bisher flogen drei Dopingsünder auf; zwei betrafen Favoriten auf den Gesamtsieg.

Der Leader Michael Rasmussen wurde in der Nacht auf Donnerstag von seinem Team aus dem Rennen genommen – auf Druck des Hauptsponsors. Wenige Stunden zuvor war der Däne mit einem Etappensieg dem Tour-Gewinn einen grossen Schritt näher gerückt.

Wegen lügenhafter Angaben über seinen Aufenthaltsort entging Rasmussen vor der Tour vier Dopingproben. Normalerweise werden verpasste Dopingproben als positiv gewertet und mit zweijähriger Sperre bestraft.

Am Dienstag wurde Alexander Winokurow des Blutdopings überführt (B-Probe noch ausstehend). Sein Astana-Team (mit Tony Rominger als Manager) reiste ab. Der Kasache hatte am Samstag das Zeitfahren gewonnen, am Sonntag mehr als eine halbe Stunde eingebüsst und war am Montag wiederum Sieger einer schweren Bergetappe.

Am Mittwoch blieb der Italiener Christian Moreni mit erhöhtem Testosteronwert hängen. Die Polizei führte den Cofidis-Fahrer nach seiner Ankunft am Ziel ab. Sein Team verliess ebenfalls die Tour.

Die Tour de France ist seit 1998 in einer grossen Krise, als das systematische Doping des Festina-Teams aufflog.

Danach begann die Ära von Lance Armstrong, der die Tour von 1999 bis 2005 sieben Mal gewann. Eine nachträglich analysierte Urinprobe von 1999 ergab EPO-Doping.

Obwohl die Leistungen Armstrongs verdächtig waren, wurden die Rundfahrten als Neuanfang eines sauberen Radsports bezeichnet.

Dem Sieger von 2006, Floyd Landis, wurde nachträglich Testosteron-Doping nachgewiesen.

Die aktuellen Fälle zeigen, dass der Radsport nach wie vor dopingverseucht ist, zumindest an der Spitze.

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