The Swiss voice in the world since 1935

«Ade merci, Schweiz»: Abstimmen mit Poststempel Sydney

Aufnahme des Podcasts "Ade merci, Schweiz" - Claire Micaleff und Camille Kündig
Der Politologe Marc Bühlmann (links) betont den Wert der Aussensicht: Auslandschweizer:innen könnten neue Möglichkeiten aufzeigen. Swissinfo

Das Abstimmungscouvert liegt im Briefkasten. Doch reicht die Zeit für den Weg zurück in die Heimat? In dieser Folge von «Ade merci, Schweiz» geht es um das Stimm- und Wahlrecht von Auslandschweizer:innen und darum, warum viele ihre Stimme gar nicht erst abgeben.

In keinem anderen Land gibt es so viele Volksabstimmungen wie in der Schweiz. Viermal im Jahr werden die Stimmberechtigten an die Urne gerufen, um allein über durchschnittlich 10 bis 15 eidgenössische Vorlagen abzustimmen.

Auch Auslandschweizer:innen können an eidgenössischen Wahlen und Abstimmungen teilnehmen, und teilweise auch an Entscheiden auf Kantons- und Gemeindeebene.

«Ich interessiere mich immer noch sehr für die grossen Grundsatzfragen, die die künftige Richtung der Schweiz bestimmen», sagt Sandra Buol. Vor neun Jahren ist die Bernerin der Liebe wegen nach Sydney ausgewandert. Heute arbeitet sie dort als Verantwortliche für Rechte und Lizenzen im Buchwesen.

Ihr Interesse an der Schweizer Politik nahm Buol in die neue Heimat am anderen Ende der Welt mit. Bei lokalen Vorlagen, «etwa bei einer Budgetabstimmung in der Stadt Bern», ist sie heute weniger involviert als früher. Trotzdem sagt Buol: «Solange ich eine Staatsbürgerschaft habe, gehört das Recht der politischen Teilhabe für mich dazu.»

Schauen Sie die Folge des Podcasts «Ade merci, Schweiz» zum Stimm- und Wahlrecht aus der Ferne:

00:00 Einleitung

01:33 Das Recht auf Mitbestimmung

08:31 Zwei Sichtweisen

12:03 Eintrag ins Stimmregister

16:29 Verspätete Abstimmungsunterlagen

22:10 Portokosten

26:39 Die Idee vom 27. Kanton

33:46 Heimweh-Playlist

36:39 E-Voting: Warum es stockt

42:12 Sicherheit beim E-Voting

49:10 Ausblick

Seit 1977 haben Schweizer:innen, die ihren Wohnort ins Ausland verlegen, dieses Recht. Bis 1992 erforderte der Wunsch nach politischer Teilhabe eine Reise in die Schweiz, seither können Auslandschweizer:innen ihre Stimme per Post abgeben. Einzige Voraussetzung: Sie müssen bei einer Schweizer Vertretung im Ausland angemeldet sein und sich im Stimm- und Wahlregister eintragen lassen.

Allerdings machen wenig Auslanschweizer:innen von diesem politischen Recht Gebrauch: Ende 2025 lebten 838’600 Schweizer:innen im Ausland, mehr als 10% der Menschen mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Rund 662’500 von ihnen sind volljährig und damit stimm- und wahlberechtigt, doch im Stimm- und Wahlregister eingetragen sind lediglich rund 246’000 Personen. Noch weniger beteiligen sich tatsächlich an Wahlen und Abstimmungen.

Konkret: Bei der eidgenössischen Abstimmung vom 27. September 2026 über die Neutralitätsinitiative und die Ernährungsinitiative lag die Stimmbeteiligung der Auslandschweizer:innen bei 24%, ein üblicher Wert.

Warum stimmen nicht mehr Auslandschweizer:innen ab? «Das ist eigentlich ein bisschen das Schöne an der Demokratie», sagt der Politologe Marc Bühlmann. «Wenn man ein Recht hat, hat man auch das Recht, dieses nicht wahrzunehmen.» Demokratie bedeute: Man muss nicht, man darf.

Wenn das Couvert zu spät kommt

Doch auch wenn man nicht muss, sondern einfach darf – das Wählen und Abstimmen aus der Ferne hat seine Tücken. Nicht immer läuft alles, wie es soll. Auslandschweizer:innen beklagen regelmässig, dass die Abstimmungsunterlagen zu spät eintreffen, manchmal erst nach dem Abstimmungstermin.

Buol erhielt ihr Stimmcouvert für die Abstimmung im September dieses Jahres drei Wochen vor dem Termin, also noch rechtzeitig. Doch: «Ich muss es so schnell wie möglich zurückschicken. Das heisst, ich muss wissen, was ich abstimmen will, damit es dann zackig geht.»

Den Schlussspurt und die letzten Diskussionen in den Schweizer Medien verpasst sie. «Das hat dann einfach keinen Einfluss mehr auf meine Meinung», sagt Buol.

Da würde es doch auf der Hand liegen, die Abstimmungscouverts früher zu versenden.

So naheliegend ist diese Lösung allerdings nicht: «Laut einer Verordnung darf das Stimmmaterial in der Schweiz nicht mehr als fünf Wochen vor dem Abstimmungsdatum zu den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern gelangen. Im Ausland sind es sechs Wochen», sagt Bühlmann.

Ein Argument, das zu dieser Verordnung geführt hat, stammt von den Komitees, die hinter den Initiativen und Referenden stehen. Diese wollen aus Kostengründen keinen Abstimmungskampf über 15 Wochen führen, weswegen die Unterlagen nicht früher bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen sollen, wie Bühlmann erklärt.

Hinzu kommt ein administrativer Grund: Die Unterlagen müssen zuerst hergestellt werden. Der Bundesrat bestimmt rund sechs Monate vor einer Abstimmung, welche Themen der Stimmbevölkerung vorgelegt werden. Danach geht «ein Riesenstress los für jene, die das Abstimmungsbüchlein produzieren müssen».

Im Audio- und Video-Podcast «Ade merci, Schweiz» erhalten Sie authentische Einblicke in das Leben und die Erfahrungen von Auslandschweizer:innen. Gemeinsam mit Fachleuten beleuchten wir Herausforderungen und Höhepunkte rund ums Auswandern und Leben im Ausland, vom Auswandern mit Kindern bis hin zum Ankommen in einer neuen Sprache und Kultur. Den Podcast «Ade merci, Schweiz» gibt es auch auf Französisch.

Buol kennt die Problematik verspäteter Abstimmungsunterlagen. Bei der Abstimmung über die «Ehe für alle» 2021 wollte sie deshalb auf Nummer sicher gehen: «Ich habe mein Stimmcouvert mit einem Dokumentencouvert der Australischen Post, was wie ein Expressbrief oder ein eingeschriebener Brief ist, an das Abstimmungsbüro in Bern geschickt.»

Eine Garantie, dass ihre Stimme angekommen ist und gezählt wurde, hat sie trotzdem nicht. Buol sieht es pragmatisch: «Es war letztendlich eine Stimme von vielen und nicht ausschlaggebend für das Endresultat.»

Neben den verspäteten Abstimmungsunterlagen geben auch die teils hohen Portokosten zu reden. Lesen Sie dazu folgenden Artikel:

Mehr

E-Voting: Erst Euphorie, dann Bremse

Derzeit bieten sechs der 26 Kantone der Schweiz die elektronische Stimmabgabe, also das sogenannte E-Voting, an, darunter St. Gallen, Luzern und Neuenburg. Warum sind es nicht mehr?  

Bühlmann schlägt den Bogen in die Vergangenheit: Zu Beginn der E-Voting-Diskussion vor 20 Jahren habe Euphorie geherrscht, Parlamentarier:innen wollten den Prozess mit Motionen und Vorstössen beschleunigen.

«Dann begann es mit ersten kritischen Stimmen zu drehen», sagt Bühlmann. Fragen nach der Sicherheit rückten in den Fokus, und wieder gab es Motionen – dieses Mal, um auf die Bremse zu treten.

«Das ist typisch Schweiz», sagt der Politologe und zieht den Vergleich zur Geschichte der Briefwahl. «Es hat 100 Jahre gedauert, bis sie flächendeckend eingesetzt wurde – ebenfalls wegen der Sicherheit.»

Diese Bedenken beim E-Voting waren nicht unbegründet: 2019 stoppte der Bundesrat das in einigen Kantonen laufende Pilotprojekt aus Sicherheitsgründen. Nun kehrt der (verbesserte) digitale Abstimmungskanal schrittweise zurück.

Hier finden Sie alle bisherigen Folgen von «Ade merci, Schweiz»:

Buol nutzte in ihren ersten Jahren in Australien das mittlerweile gestoppte Pilotprojekt des Kantons Bern. «Vielleicht habe ich mich nicht bei jeder einzelnen Abstimmung beteiligt, aber ich gab bei jedem Abstimmungstermin alle vier Monate meine Stimme für mindestens eine Vorlage ab.» Ohne E-Voting sei die politische Teilhabe für sie schwieriger geworden.

Sicherheitsbedenken hatte sie damals keine, heute sieht sie es kritischer. «In den letzten fünf bis zehn Jahren ist viel passiert auf der Welt, etwa mit missbrauchten Daten», sagt sie. Daher: «Lieber vorsichtig sein und noch etwas warten.» Trotzdem würde die Bernerin es begrüssen, wenn E-Voting irgendwann reibungslos funktioniert.

Möglicherweise nähert sich die Stimmbeteiligung der Auslandschweizer:innen mit flächendeckendem E-Voting künftig jener der Schweizer:innen im Inland an. Bühlmann betont den Wert der Aussensicht: Auslandschweizer:innen können neue Möglichkeiten aufzeigen. «Ich fände es extrem schade, wenn man diese Perspektive verschenkt.»

Welche Songs verbinden Sie mit der Schweiz? Wir sammeln Songs von Ihnen und unseren Gästen, die Sie an die Schweiz erinnern, und fügen sie in unsere «Heimweh-Playlist»Externer Link ein. Fehlt Ihr Song? Schicken Sie ihn uns via swissabroad@swissinfo.ch.

Externer Inhalt

Lust auf mehr? Hier finden Sie alle Folgen von «Ade merci, Schweiz»:

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft