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«Wer nur wegen des Geldes in die Schweiz kommt, wird enttäuscht»

Eine Brieftasche mit einem Bündel 200er-Noten.
In der Schweiz locken hohe Löhne – es warten aber auch hohe Lebenskosten. Keystone / Christian Beutler

Die Schweiz ist bei internationalen Talenten sehr begehrt. Doch astronomische Mieten, Wohnungsnot und die Hürden der Integration fordern ihren Preis. Headhunter Christian Atkinson erklärt, warum 80% aller offenen Stellen lokal besetzt werden und weshalb Schweizer Kindergärten Zugewanderte erst einmal schockieren.

Swissinfo: In globalen Ranglisten zur Attraktivität für Hochqualifizierte belegt die Schweiz regelmässig einen der vordersten Plätze – aber suchen Sie für hiesige Firmen tatsächlich vor allem im Ausland?

Christian Atkinson: Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Wenn Schweizer Unternehmen eine Stelle besetzen, suchen sie in erster Linie lokal – also nach Fachkräften, die schon im Land verankert sind und die hiesige Arbeitskultur kennen. Der Anteil der Direktrekrutierungen aus dem Ausland liegt bei vielleicht 20%.

Das Risiko für Arbeitgeber ist schlicht zu hoch: Kandidaten springen kurzfristig ab, Visaprozesse stocken, oder Zuzüger scheitern schlicht an der Integration und reisen rasch wieder ab.

Was macht die Schweiz für die verbleibenden 20% dennoch so verlockend? Ist es primär das Geld?

Das hohe Salär spielt natürlich eine Rolle, wird aber oft durch die enormen Lebenshaltungskosten relativiert. Am Ende bleibt zwar netto meist mehr frei verfügbares Einkommen für Investitionen oder die Rente übrig – wer aber nur wegen des Geldes kommt, erlebt oft eine Enttäuschung. Wenn mir ein Kandidat sagt, er wechsele ausschliesslich wegen des Gehalts, ist das für mich ein Warnsignal.

Christian Atkinson, Country Director beim Personalvermittler Robert Walters
Christian Atkinson, Country Director beim Personalvermittler Robert Walters. zVg

Christian Atkinson ist Country Director der Personalberatung Robert Walters in der Schweiz. Der 46-Jährige ist in Grossbritannien aufgewachsen. Er hat unter anderem an der University of Westminster, der London Business School sowie der Harvard Business School studiert. Atkinson lebt mit seiner Familie in Zürich.

Warum?

Weil der Wechselwunsch rasch zusammenbricht, wenn die erste Abrechnung für Miete und Krankenkasse vorliegt und die effektive Ersparnis kaum höher ist als etwa in Grossbritannien.

Es braucht eine tiefere Motivation: das Gesamtpaket aus Sicherheit, Natur, Lebensqualität und einem guten Umfeld für Kinder. Hinzu kommt die sprachliche Offenheit: In vielen internationalen Konzernen reicht Englisch völlig aus.

Die Wohnungsnot ist eines der dominantesten Themen in der Schweiz. Was die Zahlen über den ernst der Lage aussagen:

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Ein zentraler Flaschenhals bei der Zuwanderung ist das Thema Wohnen. Wie gravierend ist die Lage für Expats?

Das ist aktuell die grösste Sorge der Unternehmen und der stressigste Faktor für Kandidaten. Die Leerstandsquote in den Zentren ist extrem niedrig. Viele Expats müssen in den ersten Monaten mehrfach umziehen. Wer sieht, dass eine familiengerechte Wohnung mit Platz für Homeoffice schnell 6000 Franken im Monat kostet, ist schockiert.

Ohne lokale Orientierung trifft man zudem rasch Fehlentscheidungen. Ich habe das bei meiner eigenen Ankunft erlebt: Vor den Zeiten von KI buchte ich uns ein Airbnb an der Zürcher Langstrasse – mit einem Neugeborenen mitten im Partyviertel.

Gibt es je nach Branche und Alter unterschiedliche Erwartungen an den Arbeitsort Schweiz?

Eklatante Unterschiede sogar. Im IT-Sektor fordern Spezialisten heute ein hohes Mass an Remote-Work. Die Schweiz tickt hier oft noch traditioneller und pocht auf Präsenz im Büro, was die Rekrutierung im Ausland erschwert. Länder wie Deutschland bieten zwar geringere Gehälter, aber oft flexiblere Modelle.

Im Finanzbereich reizen dagegen die agileren Firmenstrukturen im Vergleich zu London, und die Pharma rund um Basel zieht Fachkräfte ohnehin organisch an. Bei den Altersgruppen gilt: Jüngere sorgen sich mehr um politische Freizügigkeit und gesellschaftliche Stimmung, Ältere fokussieren auf Schulen und die Familie.

Apropos Schule: Das Schweizer System unterscheidet sich stark von Asien oder Grossbritannien. Wie haben Sie das persönlich erlebt?

Das ist eine reine Frage der Lernphilosophie. Im UK liegt der Fokus schon im Kindergarten extrem auf akademischem Lernen. Als mein Sohn aus dem Schweizer Kindergarten kam und erzählte, er habe gelernt, wie man Streichhölzer anzündet und Unabhängigkeit im Wald lernt, war ich zuerst schockiert.

Heute liebe ich es. Es fördert Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Das akademische Niveau gleicht sich später mühelos an – meine Kinder sind hier glücklich, gesund und extrem selbstständig aufgewachsen.

Studien zeigen eine gewisse Skepsis der Schweizer Bevölkerung gegenüber Zuwanderung. Spüren ausländische Fachkräfte Diskriminierung, etwa beim Lohn?

Im Executive Search, in dem wir uns bewegen, sehe ich das überhaupt nicht: Es gibt keine Gehaltsunterschiede zwischen Schweizern und Expats auf derselben Stufe. Allerdings existiert eine politisch aufgeladene Debatte über Einwanderung. Manche Expats verlassen das Land wieder, weil sie sich nie richtig willkommen gefühlt haben.

Das Schweizer System basiert stark auf Regeln und Pflichten. Das kann anfangs einengend wirken – wer aber länger bleibt, erkennt, dass genau diese Regeln zu der Sicherheit, Sauberkeit und Lebensqualität beitragen, von der alle profitieren.

Die Lohnlücke zwischen Zugewanderten und Einheimischen ist de facto inexistent. Damit sticht die Schweiz international heraus, auch gegenüber direkten Konkurrenten. Lesen Sie dazu auch:

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