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Zurich Film Festival kooperiert mit Tiktok: Das Ende der Filmkritik?

Die neuen Medienstars im Rampenlicht: Model und Influencerin Sara Leutenegger (links) und Model Steven Epprecht (rechts) posieren auf dem Grünen Teppich während der Eröffnungsgala des 22. Zürich Film Festivals (ZFF).
Die neuen Medienstars im Rampenlicht: Model und Influencerin Sara Leutenegger (links) und Model Steven Epprecht (rechts) an der Eröffnungsgala des 22. Zürich Film Festivals (ZFF). Keystone / Claudio Thoma

Das ZFF geht eine Partnerschaft mit Tiktok ein und folgt damit Berlinale, TIFF und anderen Festivals. Doch je stärker Influencer:innen und Plattformen die Filmwelt prägen, desto mehr gerät die professionelle Filmkritik an den Rand.

Jetzt geht auch das Zurich Film Festival (ZFF) eine «strategische Partnerschaft» mit Tiktok ein. Wer folgt als Nächstes? Die chinesische Plattform für Kurzvideos war 2022 Partnerin des Toronto International Film Festival (TIFF).

Seit 2026 arbeitet die Berlinale mit ihr zusammen, und in Cannes wurde Tiktok dieses Jahr von Mark Zuckerbergs Meta verdrängt.

Influencer:innen gehören mittlerweile zu Filmfestivals dazu. Sie verkörpern die neue digitalisierte Medienrealität, in der gilt: Wer auf Social Media nicht stattfindet, existiert nicht.

Klar, auch Filmfestivals sind auf Reichweite angewiesen. Clips von Stars auf dem Teppich sollen Fans und Kundschaft anlocken, vielleicht sogar Sponsor:innen. Und es ist eine Tatsache, dass die Mehrheit sich heute via Social Media informiert.

Aber als Meta im Mai «Eindrücke vom roten Teppich» und «intime Gespräche mit Stars» versprach, da überkam einen als Filmjournalist:in ein schales Gefühl. Influencer:innen, die dafür bezahlt werden, alles super zu finden, sollen einfach so bekommen, was uns von der Fachpresse immer schwerer gemacht wird?

Unserem Beruf wird so langsam die Grundlage entzogen. Die Arbeit, das Kino schreibend, analysierend und diskutierend zu begleiten, verliert im Zeitalter von Social Media, PR und dem Niedergang des Kulturjournalismus immer weiter an Wert.

Das ZFF auf Tiktok: Die US-amerikanische Schauspielerin Julianne Moore und der Regisseur Jesse Eisenberg in Zürich:

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@zurichfilmfestivalExterner Link

What an honor to welcome our Golden Icon Julianne Moore and director Jesse Eisenberg in Zurich for THE DEBUT 🤍

♬ original sound – Zurich Film FestivalExterner Link

Kino ist jetzt Content

Kurzvideos auf Tiktok und Instagram können die Filmkritik nicht ersetzen. Sie dienen der Unterhaltung und haben das Ziel, viral zu gehen. Je mehr Likes und Follower:innen, desto lukrativer für die «Creators». Sie sind für PR zuständig – der Filmjournalismus hingegen für die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Medium Film, für seine Kontextualisierung, weil diese Werke nicht im luftleeren Raum existieren.

Sie stehen immer in Bezug zur filmhistorischen Vergangenheit, zum Zeitgeschehen und zur individuellen Lebensrealität jeder einzelnen Person, die im Kino sitzt. Ein Film ist mehr als eine Aneinanderreihung von Bildern zum Zweck der guten Unterhaltung.

Am vergangenen Locarno Film Festival berief sich Christopher Small, der Leiter der Critics Academy, des Festival-Nachwuchsprogramms für Filmkritiker:innen [und regelmässiger Autor bei Swissinfo], beim Panel «A World Without Film Critics» auf die Analogie eines portugiesischen Kollegen: «In Portugal gibt es diesen berühmten Fussballkommentator, der das Fernsehpublikum immer mit Hintergrundinformationen und Erklärungen versorgt. Wenn man ihm zuhört, sieht man das Spiel mit anderen Augen.»

Was dieser Kommentator tut, das leiste die Filmkritik fürs Kino. Kritik reichert Filme an. Selbst wenn sie negativ ausfällt, ist sie eine Würdigung. Warum sonst sollte sich jemand die Zeit nehmen, um ausführlich über ein Werk nachzudenken und diese Gedanken dann aufzuschreiben oder in ein Mikrofon zu sprechen?

Die US-Schauspielerin Amanda Seyfried, umringt von Fans (oder "Content-Creators“?) auf dem Green Carpet während des ZFF 2025.
Die US-Schauspielerin Amanda Seyfried, umringt von Fans («Content creators»?) auf dem Green Carpet während des ZFF 2025. Keystone / Walter Bieri

Wenn PR wichtiger wird als Kritik

Produktionshäuser und Festivals scheint jegliche Kritik aber nur noch zu nerven. Sie bremst die PR-Maschine, die mittlerweile das ganze Geschäft beherrscht. Daher die Liebe zu Influencer:innen. Als diese 2023 in Paris noch vor der Presse zum Screening von BarbieExterner Link eingeladen wurden, gab es Proteste.

Inzwischen hat man sich daran gewöhnt, dass Tiktoker:innen und Youtuber:innen Spezialeinladungen erhalten und «verwöhnt werden», wie der französische Filmverleih von The Drama mit Zendaya und Robert Pattinson der Zeitung Le Monde zu Protokoll gab.

Bis vor Kurzem waren die Filmfestivals für die Fachpresse ein Zuhause für seriöse, leiden-schaftliche und kritische Auseinandersetzung mit Filmen. Doch da hat sich etwas verschoben.

Wenn man jetzt Mitteilungen liest wie jene der Berlinale – «Als offizieller Entertainment Partner bekräftigt Tiktok sein fortlaufendes Engagement für die Filmkultur» –, dann fragt man sich, was «Filmkultur» bedeutet. Reichweite dank lustiger Tiktok-Videos von Stars und 30-Sekunden-«Interviews»? War’s das jetzt mit unserem Beruf?

Das ZFF auf Tiktok (2): Als Naomi Watts in Zürich ganz beiläufig Julianne Moore trifft:

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@zurichfilmfestivalExterner Link

Only at ZFF: Julianne Moore and Naomi Watts casually crossing paths at @zurichairport ✨

♬ original sound – Zurich Film FestivalExterner Link

Das Kino der Zukunft scrollt weiter

Wie die Zukunft der Kritik aussehen soll, wusste man am Panel in Locarno zwar noch nicht, aber ihre Bedeutung bestreitet niemand. «Kritik ist dazu da, uns eine Sprache zu geben», meinte die britische Filmwissenschaftlerin Laura Staab.

Sie finde es bedenklich, wenn junge Menschen im Kino gewesen sind, aber nicht sagen können, warum sie einen Film gut oder schlecht fanden.

Tiktok-Videos können die Leistung nicht erbringen, das Medium Film, dieses komplexe Gebilde aus Bild, Sprache, Text, Ton und Musik, zu ergründen.

Was sie vielleicht könnten, so diskutiert man am Panel, ist, die Clips schauende Jugend dazu zu inspirieren, selbst kreativ zu werden oder mehr über die promoteten Filme wissen zu wollen. Aber wo sollen sie weiterführende Informationen finden, wenn vertiefender Filmjournalismus immer rarer wird?

Tiktok-Videos und mit Meta-Brillen gefilmte «Eindrücke vom roten Teppich» mögen für Festivals und «Creators» lukrativ sein. Gleichzeitig forcieren sie damit selbst die Abwertung des Mediums Film als Kunstform und beschleunigen den Niedergang der professionellen Filmkritik, ihrer früheren Verbündeten. Das stets feierlich von ihren Bühnen gerufene «Vive le cinéma!» ist bald nur noch eine Floskel. Aber sie macht sich gut auf Tiktok.

Denise Bucher ist Filmkritikerin in Zürich und Feuilletonredaktorin bei der Republik.ch. Dieser Beitrag erschien zuerst im FilmbulletinExterner Link (Ausgabe Oktober/November 2026).

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