Die Schweiz ist das attraktivste Land für Hochqualifizierte – auch aus einem kaum bekannten Grund
In vielen reichen Ländern verdienen Zugewanderte trotz vergleichbarer Qualifikation weniger als Einheimische. Warum die Lohnlücke ausgerechnet in der Schweiz erstaunlich klein ausfällt.
Wer als Ausländer in die Schweiz kommt, kann in der Regel mit einem im weltweiten Vergleich hohen Lohn rechnen. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist ein anderer Vorteil: Ein ausländischer Pass scheint den Lohn kaum zu drücken.
In vielen einkommensstarken Ländern verdienen Zugewanderte weniger als einheimische Arbeitskräfte. Selbst wenn Ausbildung, Berufserfahrung, Alter, Branche und Arbeitsort berücksichtigt werden, bleibt häufig eine beträchtliche Differenz. In der Schweiz dagegen ist diese bereinigte Lohnlücke insbesondere bei EU-/Efta-Zuwanderern kaum messbar.
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Schweiz zu den Ländern gehört, die weltweit besonders erfolgreich um hochqualifizierte Arbeitskräfte konkurrieren. Im IMD World Talent Ranking liegt sie seit Jahren auf dem ersten Platz. Im Global Talent Competitiveness Index belegt sie Rang zwei. Und auch die OECD zählt die Schweiz in ihren Indicators of Talent Attractiveness zu den attraktivsten Ländern für hochqualifizierte Arbeitskräfte.
Der unsichtbare Lohnabschlag
Wie gross der Unterschied zur internationalen Konkurrenz ist, zeigt ein Bericht Externer Linkder Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). In zahlreichen hochentwickelten Volkswirtschaften besteht demnach eine systematische Lohnlücke zwischen Einheimischen und Zugewanderten.
Selbst nach der Bereinigung um erklärbare Unterschiede bleiben im Mittel rund zehn Prozentpunkte der Lohnlücke bestehen. Frauen sind davon überdurchschnittlich stark betroffen. Besonders auffällig ist dieser Umstand bei Berufen mit Fachkräftemangel: So verdienen zugewanderte Pflegekräfte in einkommensstarken Ländern laut ILO im Schnitt 19,6% weniger als ihre nicht-migrantischen Kolleginnen und Kollegen.
Die Schweiz fällt aus diesem Muster heraus. Gerade im Vergleich mit Ländern, die bei der Anwerbung von Top-Talenten direkt mit ihr konkurrieren, wie Dänemark, den Niederlanden, Irland oder Schweden, sticht der Lohnunterschied von Zugewanderten in der Schweiz als de facto inexistent (oder gar positiv) heraus.
Der Befund hat allerdings eine wichtige Einschränkung: Die ILO-Daten stammen aus den Jahren 2015 bis 2020. Neuere, international vergleichbare Berechnungen liegen der Organisation nach eigenen Angaben derzeit nicht vor.
Was die jüngsten Schweizer Zahlen zeigen
Für die Schweiz gibt es jedoch aktuellere Daten. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat die Lohnunterschiede zwischen Schweizerinnen und Schweizern und ausländischen Arbeitskräften untersucht.
Bei Zugewanderten aus EU-/Efta-Staaten beträgt der bereinigte Unterschied demnach aktuell minus 1,1%. Das liegt im statistischen Unschärfebereich. Das Seco schreibt dazu auf Anfrage: «Es ist auf dieser Grundlage davon auszugehen, dass Freizügigkeitszugewanderte grundsätzlich ähnliche Lohnforderungen stellen wie Schweizerinnen und Schweizer und diese auch erfolgreich durchsetzen.»
Bei Drittstaatsangehörigen fällt der Unterschied mit minus 4,5% grösser aus. Das Seco führt dies vor allem auf strukturelle Faktoren zurück. Ausbildungsabschlüsse aus Drittstaaten seien etwa nicht immer gleich gut mit Schweizer Abschlüssen vergleichbar oder könnten auf dem Schweizer Arbeitsmarkt nicht im gleichen Masse eingesetzt werden. Auch schlechtere Sprachkenntnisse dürften eine Rolle spielen.
Der entscheidende Befund aber ist: Für die Gruppe der EU-/Efta-Zuwanderer lässt sich kaum ein systematischer Lohnabschlag nachweisen.
Warum die Schweiz anders ist
Bemerkenswert ist, dass dahinter kein besonders strenges Schweizer Gesetz gegen Lohndiskriminierung steht. Zwar gibt es ein GleichstellungsgesetzExterner Link, dieses schützt aber nur vor geschlechtsspezifischer Lohndiskriminierung. Ein vergleichbares Spezialgesetz für Benachteiligungen aufgrund von Herkunft oder Nationalität gibt es im Schweizer Arbeitsrecht nicht.
Die Erklärung liegt vielmehr in der Zusammensetzung der Zuwanderung: Rund 77% der dauerhaften Zuwanderung der vergangenen 15 Jahre erfolgte über die Personenfreizügigkeit mit der EU/Efta. Viele dieser Arbeitskräfte verfügen über ein hohes Bildungsniveau und Qualifikationen, die auf dem Schweizer Arbeitsmarkt relativ gut vergleichbar sind. Ein Teil spricht zudem bereits eine Landessprache. Andere arbeiten in internationalen Unternehmen, in denen Englisch die wichtigste Arbeitssprache ist.
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Die geringe Lohnlücke ist damit weniger Ausdruck einer besonderen Schweizer Antidiskriminierungstendenz als das Ergebnis einer hochqualifizierten, europäisch geprägten Zuwanderung und eines Arbeitsmarktes, auf dem diese Qualifikationen vergleichsweise gut genutzt werden können. Eine Rolle dürften auch Spitzengehälter für hochspezialisierte Fach- und Führungskräfte spielen, welche den Durchschnitt nach oben drücken.
Der Schweizer Vorteil ist kaum bekannt
Für die Standortwahl spielt dieser Faktor allerdings kaum eine Rolle, sagt Christian Atkinson, Country Director des auf Führungskräfte und Hochqualifizierte spezialisierten Personaldienstleisters Robert Walters in Zürich.
Ausländische Bewerberinnen und Bewerber wüssten in der Regel nichts von der geringen bereinigten Lohnlücke. Entscheidend seien für sie die tatsächlichen Gehälter.
Und genau dort zeigt sich die Kehrseite der Schweizer Attraktivität. Die Löhne sind hoch – aber auch die Lebenshaltungskosten.
«Die hohen Gehälter spielen eine Rolle, aber sie werden oft durch die extrem hohen Lebenshaltungskosten relativiert», sagt Atkinson. «Am Ende bleibt zwar meist mehr frei verfügbares Einkommen für Investitionen oder die Rente übrig, aber wer nur wegen des Geldes kommt, erlebt oft eine Enttäuschung.»
Wenn ein Kandidat sage, er wolle nur wegen des Geldes in die Schweiz wechseln, sei das für ihn «ein Warnsignal». Für die Standortwahl müsse das «Gesamtpaket» stimmen, sagt Atkinson. Dazu gehörten Sicherheit, Natur, Seen, Berge und die Lebensqualität für Kinder.
Die geringe Lohnlücke zwischen Einheimischen und EU-/Efta-Zuwanderern ist also kein Faktor, der Hochqualifizierte scharenweise in die Schweiz lockt – aber ein weitgehend unsichtbarer Grund dafür, dass die hohen Schweizer Löhne für ausländische Fachkräfte das wert sind, was sie versprechen.
Lesen Sie unser Interview mit dem Zürcher Headhunter Christian Atkinson hier:
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