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Gewalttätiger Nihilismus – eine neue Form des Extremismus in der Schweiz

Menschenfiguren
Online radikalisiert, auf der Strasse gewalttätig: Schweizer Behörden warnen vor einer Zunahme davon. Keystone/Johan Nilsson

Eine neue Form des Extremismus bereitet den Schweizer Behörden Sorge. Der gewalttätige Nihilismus verherrlicht Gewalt um der Gewalt willen, ohne dass eine Ideologie dahintersteckt. Diese Bewegung betrifft vor allem junge Menschen, die sich online radikalisieren.

Gewalt als einziges Ziel. Das ist das Kennzeichen des gewalttätigen Nihilismus, einer Form des Extremismus, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Im Gegensatz zu traditionellen Radikalisierungen vertritt diese Bewegung keine politischen oder religiösen Ziele.

«Im Falle des extremistischen Nihilismus ist Gewalt nicht nur ein Mittel, sondern auch ein Selbstzweck», erklärt Géraldine Casutt, Forscherin und Projektleiterin in der Abteilung zur Prävention von Radikalisierungen des Kantons Waadt, in der RTS-Sendung «La Matinale». Diese Gewalt dient der Zerstörung der Gesellschaft, indem sie deren moralische Grundlagen untergräbt.

Den Beitrag in «La Matinale» anhören (auf Französisch):

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Ein Geflecht aus Online-Gruppen

Der gewalttätige Nihilismus besteht aus einer Vielzahl dezentraler, aber miteinander verbundener Netzwerke. Dazu gehören die Gruppen CVLT, 764, No Lives Matter oder Maniac Murder Cult.

Diese Gemeinschaften verherrlichen und fördern alle Gewalt in unterschiedlichen Formen. Einige zielen auf gefährdete Jugendliche ab, um sie dazu zu bringen, sich selbst zu verletzen, Tiere zu quälen oder sexuelle Handlungen zu filmen. Die Gewalt kann bis hin zu Selbstmord oder Mord reichen. Andere verherrlichen die Täter von Massenmorden oder veröffentlichen Anleitungen zur Begehung gewalttätiger Handlungen.

Die Begehung einer Gewalttat und deren Dokumentation verschaffen den Tätern einen bestimmten Status innerhalb der Gruppe. Die Opfer werden dann häufig selbst zu Tätern.

Normalisierung von Gewalt

Das Internet ist das Rekrutierungsfeld dieser Bewegungen. Problematische Inhalte sind leicht zugänglich, selbst auf Mainstream-Plattformen wie TikTok.

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Innerhalb weniger Minuten findet man in diesem sozialen Netzwerk Kleidungsempfehlungen, die von jungen Tätern von Schiessereien inspiriert sind. Fotomontagen preisen deren «Schönheit» und die Anzahl ihrer Opfer an. In Videos wird künstliche Intelligenz eingesetzt, um diese Mörder in Choreografien zu animieren.

«Die Anonymität im Internet erleichtert es, eine gewisse Vorliebe für Gewalt zum Ausdruck zu bringen, ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen», analysiert Ahmed Ajil, Kriminologe an der Universität Luzern und Experte für Extremismus. «Man ist sich der Schwere der Dinge, die man sagt, oder der Inhalte, die man konsumiert, nicht bewusst. Die Anonymität wirkt daher als Katalysator für diese Netzwerke.»

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Ideologie als Fassade

Gewalttätiger Nihilismus kann sich manchmal mit anderen Strömungen überschneiden. «Es gibt Jugendliche, die gleichermassen aus dem ideologischen Fundus des Nationalsozialismus, des Dschihadismus und des Maskulinismus schöpfen», erklärt Géraldine Casutt. «Der rote Faden ist nicht so sehr das Gedankengut, sondern vielmehr die Gewalt.»

In diesen Fällen dient die Ideologie lediglich dazu, die Gewalt zu rechtfertigen und zu rationalisieren. «Dieses Phänomen schafft es, sich opportunistisch an verschiedene Ideologien anzuhängen», sagt Ahmed Ajil. «Von aussen hat man den Eindruck, es mit ideologischem Extremismus zu tun zu haben. Aber es ist das Bedürfnis, Gewalt auszuüben, das überwiegt.»

Eine komplexe Erkennung

Diese Form der Radikalisierung lässt sich nicht automatisch erkennen. Es muss nachgewiesen werden können, dass eine einzelne Straftat Teil eines grösseren Netzwerks ist. Dieser Zusammenhang wird von den Behörden nicht immer hergestellt.

Diese Schwierigkeit erschwert die Dokumentation des Phänomens und verhindert, dass sein tatsächliches Ausmass erfasst werden kann.

Isolierte Jugendliche auf der Suche nach Sinn

Bei den Betroffenen handelt es sich hauptsächlich um junge, sogar sehr junge Menschen. Es sind vor allem Jungen, auch wenn Mädchen nicht fehlen, insbesondere unter den Opfern. Die meisten hatten schon von klein auf unbeaufsichtigten Zugang zum Internet.

Weitere Faktoren begünstigen diese Radikalisierung. Soziale Isolation, das Gefühl von Ungerechtigkeit und das Bedürfnis nach Anerkennung spielen eine wichtige Rolle.

«Die Menschen, die darauf hereinfallen, sind auf der Suche nach etwas», betont Géraldine Casutt. «Man hat ein Unbehagen, ein Fragezeichen mitten im Herzen und im Kopf. Und man muss eine Antwort finden. Das ist die Stärke dieser Netzwerke: Sie geben einem eine Antwort.»

Verstehen, um vorzubeugen

Die Forschung zu diesem Phänomen ist nach wie vor begrenzt. Doch das Verständnis der Mechanismen des gewalttätigen Nihilismus, aber auch der Faktoren, die zur Radikalisierung führen, ist für die Prävention und Aufdeckung solcher Fälle unerlässlich.

Im vergangenen Dezember hat Kanada mehrere mit gewalttätigem Nihilismus in Verbindung stehende Gruppen als terroristische Organisationen eingestuft. In der Schweiz werden sich die Behörden dieser aufkommenden Bedrohung allmählich bewusst.

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