«In ein paar Jahren wird es im Tessin keine Gletscher mehr geben»
Zum ersten Mal sind die Gletscher des Adula und des Grauhorns nicht mehr miteinander verbunden. RSI hat Experten des Kantons begleitet, um die Auswirkungen des Klimawandels zu erfassen.
«In fünf oder sechs Jahren wird es im Tessin keine Gletscher mehr geben, wenn die nächsten Sommer so heiss werden wie der vergangene.» Das ist die Einschätzung von Mattia Soldati, Forstingenieur des Kantons Tessin und Gletscherexperte.
Nach dem heissesten Sommer seit Messbeginn wird geschätzt, dass sich der Adulagletscher gegenüber dem Vorjahr um bis zu zehn Meter verkürzt hat und stellenweise deutlich dünner geworden ist.
Um den Rückgang des Eises konkret zu dokumentieren, stieg ein Team der Sendung «Quotidiano della RSI» Ende September zusammen mit Experten des Kantons auf den höchsten Berg des Tessins, auf über 3000 Meter Höhe. Die gesammelten Daten und Bilder zeigen, dass die Situation besorgniserregend ist.
3000 Meter ohne Schnee
Der Gipfel des Adula präsentiert sich zu Beginn des Herbsts ausgesprochen ungewöhnlich: Es liegt kein Schnee, denn das Wenige, das Anfang Juni gefallen war, ist durch die hohen Temperaturen rasch geschmolzen, und der Gletscher ist im Laufe des Sommers sichtbar zurückgegangen. «An einigen Stellen haben wir zehn Meter verloren», sagt Soldati.
Noch im letzten Jahr, so berichten die Experten, war die Haupteismasse des Adula mit der unter dem Grauhorn verbunden. Dieses Jahr hingegen sind sie durch eine Geröllfläche voneinander getrennt. Das ist noch nie zuvor vorgekommen.
Die graue Farbe und die Geröllansammlungen fallen sofort ins Auge, ebenso wie die Wasserrinnsale, die von der Gletscherfront herabfliessen. Alles Anzeichen dafür, dass das Eis in den letzten Monaten stark gelitten hat.
Mattia Soldati liefert einige konkretere Daten: «Unten reichte das Eis fast bis an die Felswände heran: Als wir es zum ersten Mal massen, standen wir noch 50 Meter tiefer. Und vor allem im oberen Bereich gab es einen sehr starken Rückgang der Dicke.»
Wie misst man den Rückgang eines Gletschers?
Um die Messungen durchzuführen, bewegen sich die Experten entlang der Gletscherfront, also jener Linie, die das Eis vom Fels trennt. Sie tragen einen Pfahl bei sich, an dem ein hochpräzises GPS-Gerät befestigt ist. Bei jeder Richtungsänderung des Gletschers richten sie den Pfahl auf den Boden und erfassen die räumlichen Koordinaten dieses Punktes.
In den folgenden Tagen werden die gesammelten Daten dann mit denen der Vorjahre verglichen, um den Rückgang des Gletschers an jedem Punkt genau zu bestimmen. Das Endergebnis ist ein Mittelwert aus all diesen Werten.
Was den Adula betrifft, so werden die aktualisierten Daten dieses Jahres in Kürze verfügbar sein und können auf GlamosExterner Link eingesehen werden, der von drei Schweizer Universitäten betriebenen Website, die die Veränderungen der Gletscher auf nationaler Ebene überwacht.
Ohne Eis bröckelt der Berg
Das Eis sorgt für Stabilität in den Bergen, da es als natürliche Barriere gegen Steinschlag wirkt. Sein Abschmelzen birgt grössere Gefahren für Bergsteigerinnen und Wanderer. Mitte August traf ein Steinschlag einige Bergsteiger, die gerade einen Gipfel erklommen, und verletzte drei von ihnen.Externer Link
Mehr
Warum die Gletscherschmelze uns alle betrifft
Während unserer Wanderung hörte man in regelmässigen Abständen das Geräusch von Steinschlag in der Ferne. Die Häufigkeit habe im Vergleich zu den vergangenen Jahren zugenommen, sagen uns die Experten, und die Bergführer suchen bereits nach neuen Routen als Alternative zu den traditionellen, die zu gefährlich geworden sind.
Der Berg wird instabil.
«Von der klassischen Route auf den Adula wird abgeraten, da man sehr nah am Grat entlanggeht, wo oft Steine herunterfallen», sagt Soldati.
«Ich denke, die Saison für den Aufstieg auf den Adula wird sich nach vorne verlegen. Wenn man bisher von Juni bis September hinaufstieg, wird man in Zukunft wohl schon ab Ende Mai bis Juli hinaufsteigen. Danach wird es zu gefährlich.»
Die Art und Weise, wie man den Berg erlebt, ändert sich
Nicht nur das Erscheinungsbild der Berge verändert sich, sondern auch die Gewohnheiten derer, die dort arbeiten. Für die Hüttenwart:innen der Capanna Adula CAS auf 2000 Metern könnte das Verschwinden des Gletschers zu einem Rückgang der Gästezahlen führen. Denn einerseits verliert die Region damit eine Attraktion, andererseits nehmen die Gefahren im Gebirge zu.
«Wie viel haben wir dieses Jahr gearbeitet? Eigentlich wenig, weil es zu heiss war», erklärt Mirella Rizzi, Hüttenwartin der Hütte, gegenüber RSI.
Für Hüttenwart Raffaele Demaldi lebt die Hütte vor allem vom Tagestourismus, von denjenigen, die zum Mittagessen vorbeikommen oder andere Wanderwege erkunden, die nicht auf den Gipfel des Adula führen. Das Betreiberpaar macht sich daher keine Sorgen um die Zukunft, erkennt aber an, dass sich auch die Gewohnheiten der Bergsteiger:innen verändern.
Das Abschmelzen der Gletscher in der Schweiz
Der auf Gletscher spezialisierte Forstingenieur Soldati erklärt, dass seine ersten Schätzungen zum Rückgang des Gletschers sich nicht wesentlich von den per GPS erfassten Daten unterscheiden werden. Und auch diese bestätigen nur den besorgniserregenden Trend, den ein Bericht der Schweizerischen Akademie der NaturwissenschaftenExterner Link Anfang Oktober aufgezeigt hat.
Im Vergleich zum Vorjahr haben die Schweizer Gletscher im Durchschnitt 5,5% ihres Volumens verloren. Fast ein Fünftel allein in den letzten fünf Jahren.
Der Bericht spricht von einem «extremen» Verlust, verursacht durch die geringen Schneefälle des vergangenen Winters und die extrem hohen Temperaturen dieses Sommers. Bei diesem Tempo hätten die Alpengletscher langfristig keine Überlebenschance, heisst es darin. Nicht einmal die grössten Gletscher, wie der Aletschgletscher zwischen den Kantonen Bern und Wallis.
Diese Nachricht regt zum Nachdenken über die Folgen der Klimaerwärmung an, und in den letzten Tagen hat das Ausmass des Phänomens die Aufmerksamkeit vieler internationaler Medien auf sich gezogen, die darüber sogar auf der Titelseite berichteten.
Das zurückweichende Eis ist in der Schweiz das greifbarste Symbol für den Klimawandel. Und wer in den Bergen lebt oder sich dort aufhält, passt sich bereits an die Folgen dieses Wandels an.
Der Weg zum Gipfel des Adula war in den vergangenen Jahrzehnten grösstenteils vom Gletscher bedeckt. Nun wandert man über weite Strecken zwischen Felsen hindurch, in einer fast mondähnlichen Landschaft, im Bewusstsein, dass die Gletscher in einigen Jahren nicht mehr Teil der Tessiner Alpenlandschaft sein werden.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch