Krieg in Gaza: Die Opfer, über die niemand spricht
Nach Angaben der Vereinten Nationen (UNO) ist das Gesundheitssystem für Mütter und Neugeborene in Gaza «zerstört».
Im Februar wurde die 29-jährige Nagham, die im Flüchtlingslager Al-Mawasi in Khan Younis im südlichen Gazastreifen lebt, mit starken Blutungen und Schmerzen in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort erfuhr sie, dass sie schwanger war.
Sie befindet sich nun im achten Monat ihrer Schwangerschaft, die sie insgesamt als äusserst «schwierig» beschreibt.
«Die Lebensbedingungen hier führen zu körperlicher und seelischer Erschöpfung, insbesondere nach der Hungersnot; der Stress, die Hitze, die Feuchtigkeit und die mangelnde Hygiene», sagt sie.
Nagham konnte keine regelmässigen Kontrolluntersuchungen wahrnehmen, da das nächste Krankenhaus zwei Stunden entfernt lag und sie sich die Fahrtkosten nicht leisten konnteExterner Link. Erst in diesem Sommer eröffnete eine Hilfsorganisation eine Klinik in der Nähe des Lagers, wo sie medizinisch versorgt werden konnte. Auch die Beschaffung lebenswichtiger Vitamine und Medikamente war sehr schwierig und kostspielig.
Kürzlich litt sie unter einer schweren Infektion und benötigte Antibiotika. Die Hitze – durchschnittlich 33°C im August in Gaza – in Verbindung mit extremer Luftfeuchtigkeit erschwerte das Atmen und Schlafen.
Knapp drei Jahre nach den von der Hamas angeführten Angriffen auf Israel und dem Beginn der israelischen Militärkampagne im Gazastreifen wurden laut OCHA, dem Amt der Uno für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, mehr als 73’000 Palästinenser:innen getötet.
Für schwangere und stillende Frauen in Gaza bringt der Krieg besondere Risiken mit sich. Da das Gesundheitssystem weitgehend zerstört ist, bleibt der Zugang zu medizinischer Versorgung schwierig und teuer. Die hygienischen Bedingungen sind minimal. Frauen bleibt oft nichts anderes übrig, als in Zelten oder unter anderen provisorischen Bedingungen zu entbinden.
Laut einer Studie der London School of Hygiene & Tropical Medicine und der Al-Quds-Universität in Gaza-Stadt, die im Juni 2026 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht wurde, lag die Sterblichkeitsrate bei Frauen, die am 8. Oktober 2023, schwanger waren, bei 948 Todesfällen pro 100’000 Schwangerschaften. Die meisten starben an schweren Verletzungen.
Mehr
Ein Augenschein: In Gaza geht es weiterhin ums Überleben
Vor dem Krieg lag die Müttersterblichkeitsrate im Gazastreifen bei 30 Todesfällen pro 100’000 Lebendgeburten. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten betrug sie 17,9, in der Schweiz waren es fünf Todesfälle.
Die in der Studie erhobenen Daten beschreiben eine gesamtheitliche Dynamik auf Bevölkerungsebene und sind nicht direkt mit den üblichen Müttersterblichkeitsraten vergleichbar. Sie geben auch nicht die Ursache jedes einzelnen Todesfalls an.
Ein zerstörtes Gesundheitssystem
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO haben israelische Angriffe in den letzten drei Jahren Berichten zufolge fast alle Krankenhäuser zerstört oder beschädigt, die medizinische Versorgung unterbrochen und inmitten von Massenvertreibung und Hunger zu einem starken Anstieg der Müttersterblichkeit, von Fehlgeburten und der Neugeborenensterblichkeit beigetragen.
Die UNO erklärte im Dezember 2025, das Gesundheitssystem für Mütter und Neugeborene im Gazastreifen sei «zerstört» worden.
«Ende 2024 waren Frauen in Gaza im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg einem dreifach höheren Risiko ausgesetzt, bei der Geburt zu sterben, und einem dreifach höheren Risiko einer Fehlgeburt», berichtete das berichtete das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte.
Israels politische und militärische Führung hat wiederholt betont, die Militäroperationen im Gazastreifen dienten der Selbstverteidigung und dem Ziel, die Hamas und andere palästinensische bewaffnete Gruppen zu besiegen. Sie besteht zudem darauf, dass die israelischen Streitkräfte im Einklang mit dem Völkerrecht handeln und alle möglichen Massnahmen ergreifen, um Schäden für die Zivilbevölkerung zu minimieren.
Israel hat darüber hinaus erklärt, die Hamas nutze Krankenhäuser im Gazastreifen als Unterschlupf und Operationsbasis für ihre Kämpfer. Eine UNO-Untersuchungskommission stellte fest, Israel habe keine Beweise für seine weitergehende Behauptung vorgelegt, wonach mehr als 85% der wichtigsten medizinischen Einrichtungen im Gazastreifen von der Hamas genutzt würden.
Sie bestätigte jedoch das Vorhandensein eines Tunnels und eines Schachts am Al-Shifa-Krankenhaus sowie Hinweise darauf, dass Mitglieder bewaffneter Gruppen das Gebäude betreten hatten.
Wo bleibt der Fokus auf die Frauen?
Seit der Jahrtausendwende widmet die internationale Gemeinschaft den spezifischen Gefahren, denen Frauen im Krieg ausgesetzt sind, vermehrt Aufmerksamkeit. Die im Jahr 2000 verabschiedete Resolution 1325 des UNO-Sicherheitsrats setzte den Schutz von Frauen in Konflikten und ihre Beteiligung an der Friedensstiftung auf die internationale Agenda. Auch das Völkerstrafrecht befasst sich mit sexueller Gewalt im Krieg.
Dennoch erfährt die sogenannte reproduktive Gewalt weltweit weniger Aufmerksamkeit, obwohl das humanitäre Völkerrecht spezifische Schutzbestimmungen für schwangere Frauen und Säuglinge während bewaffneter Konflikte vorsieht.
«Der Krieg im Gazastreifen verdeutlicht, in welchem Masse Gewalt gegen schwangere, gebärende und stillende Frauen sowie gegen Frauen, die darum kämpfen, ihre Neugeborenen am Leben zu erhalten, in den globalen politischen Debatten über die Pflichten der Konfliktparteien völlig ausgeklammert wird», schrieb Fionnuala Ní Aoláin, die ehemalige UN-Sonderberichterstatterin für Terrorismusbekämpfung und Menschenrechte, im Februar 2024 in der Online-Publikation Just Security .
Menschenrechts- und medizinische Organisationen haben sich für eine Verbesserung dieser Situation eingesetzt. Israels Militärkampagne führte laut separater Berichte, die im Januar 2026 von «Physicians for Human Rights» und «Physicians for Human Rights-Israel» (PHRI) veröffentlicht wurden, zu einem Geburtenrückgang von 41% im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2022.
Die Organisationen berichten zudem von einem deutlichen Anstieg der Müttersterblichkeit und Neugeborenensterblichkeit sowie von Fehlgeburten und Frühgeburten.
«Die schwerwiegenden anhaltenden gesundheitlichen und lebensbedrohlichen Risiken, denen schwangere und stillende Frauen und ihre Kinder ausgesetzt sind, sind die logische Folge des Zusammenbruchs des Gesundheitssystems, des Entzugs der absolut notwendigen Lebensgrundlagen und eines endlosen Überlebenskampfs mit dem absoluten Minimum», sagt Lama Bakri, Projektleiterin bei der israelischen Menschenrechtsorganisation PHRI.
Mehr
Ein Frieden, der die Bedürfnisse der Menschen in Gaza ignoriert, ist nicht nachhaltig
Diese Organisationen werfen Israel zusammen mit der Unabhängigen Untersuchungskommission der UNO für das besetzte palästinensische Gebiet nun vor, das reproduktive Gesundheitssystem im Gazastreifen absichtlich zu zerstören.
UNO-Ermittler:innen und Menschenrechtsgruppen erklären, dass diese Demontage der Versorgung Fragen im Hinblick auf das Völkerrecht aufwirft. Einige argumentieren, dass Gewalt gegen schwangere Frauen und Kinder im Gazastreifen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen könnte. Es handelt sich dabei um rechtliche Einschätzungen der betroffenen Organisationen, nicht um endgültige gerichtliche Feststellungen.
Die UN-Untersuchungskommission kam beispielsweise im März 2025 zu dem Schluss, dass israelische Streitkräfte systematisch Entbindungsstationen und Einrichtungen der reproduktiven Gesundheitsversorgung zerstört und im Dezember 2023 die Al-Basma-Kinderwunschklinik vorsätzlich angegriffen hatten. Diese Taten wurden von Menschenrechtsgruppen und UNO-Ermittler:innen als reproduktive Gewalt und Gewalt in der Geburtshilfe bezeichnet.
In einem Bericht an den UNO-Menschenrechtsrat erklärten unabhängige UNO-Expert:innen, die Zerstörung von Geburtsstationen in Gaza und von in einer Fertilitätsklinik gelagerten Embryonen könne auf eine Strategie zur Verhinderung von Geburten innerhalb einer bestimmten Bevölkerungsgruppe hindeuten. Gemäss der Völkermordkonvention kann dies einen Völkermord darstellen, wenn es mit der Absicht erfolgt, die Gruppe zu vernichten.
Israel weist den Vorwurf, es verfolge eine Politik zur Verhinderung palästinensischer Geburten, kategorisch zurück und erklärt, eine solche Politik existiere nicht. Israel betont, sein Ziel sei die Niederlage der Hamas und nicht die Vernichtung des palästinensischen Volks. Die Hamas führte den Überfall vom 7. Oktober 2023 an, bei dem 1200 Menschen getötet wurden, und erkennt Israel nicht an.
Im September 2025 ging dieselbe Kommission noch einen Schritt weiter und erklärte, es gebe hinreichende Gründe für die Schlussfolgerung, dass Israel in Gaza Völkermord begangen habe. Bei den Feststellungen der Kommission handelte es sich um die Ergebnisse eines UN-Untersuchungsgremiums, nicht um ein rechtsverbindliches Urteil des Gerichtshofs. Ihre Feststellungen beweisen nicht, dass ein Völkermord stattgefunden hat. Israel wies diese Schlussfolgerung zurück.
Der Kommission wurde seit ihrer Gründung im Jahr 2021 kein Zugang zu Israel oder den palästinensischen Gebieten gewährt. Seit den Angriffen im Oktober 2023 hat Israel zusätzliche Beschränkungen für den Zugang und die Aktivitäten anderer UN-Organisationen und humanitärer Helfer:innen verhängt.
Anhaltende Verschlechterung trotz Waffenstillstand
Trotz des seit Oktober 2025 geltenden Waffenstillstands haben sich die Indikatoren für reproduktive Gesundheit im Gazastreifen weiter verschlechtert.
Laut dem OCHA wurden zwischen Januar und Juni 2026 3958 Fehlgeburten registriert. Dies entspricht 208,5 Fehlgeburten pro 1000 Lebendgeburten, ein 3,3-facher Anstieg im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2025.
Die Zahl der Geburten ging im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres ebenfalls um 3,2% zurück.
Nagham sagt, sie sehe in den letzten Monaten keine Veränderung, was ihren Zugang zur medizinischen Versorgung betrifft. «Wir sind immer noch am selben Ort, in denselben Zelten, unter denselben hygienischen Bedingungen.»
Selbst wenn Frauen in Krankenhäuser gehen, wird ihnen gesagt, dass andere Fälle dringlicher seien. «Es gibt einfach keine ausreichende Versorgung für schwangere Frauen.»
Die WHO berichtete Anfang August, dass es seit Jahresbeginn 45 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen im Gazastreifen gegeben habe.
Mehr
Neun Monate Waffenstillstand haben die humanitäre Krise in Gaza nicht beendet
Berichterstattung aus Gaza von Hassan Herzallah / Editiert von Virginie Mangin und Dominique Soguel/ds-ml, Übertragung aus dem Englischen: Petra Krimphove/jg
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch