Wim Wenders’ 3D-Reise in die stille Monumentalität von Peter Zumthor
In seinem neuen Dokumentarfilm bietet der deutsche Regisseur Wim Wenders Einblick in das bemerkenswerte Werk des Schweizer Architekten Peter Zumthor. Nach der Premiere des Films an den Filmfestspielen von Venedig traf sich Swissinfo mit Zumthor und Wenders, um über diese einzigartige Zusammenarbeit an der Schnittstelle von Kino und Architektur zu sprechen.
Auf den ersten Blick wirkt Peter Zumthor nicht wie ein typischer Protagonist für einen Dokumentarfilm: So betont der aus Basel stammende Architekt schon ganz zu Beginn unseres Gesprächs, dass er sich ausschliesslich für das Bauen von Gebäuden interessiert. Ein offensichtlich bescheidener, zurückhaltender und aufmerksamer Handwerker.
Doch wenn man sich Wim Wenders’ neuen 3D-Film «From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor» ansieht, erscheint er als ein Alchemist unserer Zeit, der aus schlichtem Holz, Beton und Stein transzendente Raumerlebnisse schafft.
In dem Film gibt Wenders einen Einblick in Zumthors Visionen und Arbeitsweisen innerhalb der bescheidenen Räumlichkeiten von dessen Atelier in Haldenstein im Kanton Graubünden. Mit «From Inside Out» setzt der Regisseur seine Erkundung nun fort.
Über 14 Jahre drehte Wenders den Film – mit einer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, die jener des Architekten in nichts nachsteht, wenn er die Umsetzung seiner Entwürfe überwacht.
Fiktive Einwohner:innen
In der Dokumentation folgt Wenders in groben Zügen der Chronologie von Zumthors Karriere. Dieser sei, so Wenders, «ein grossartiger Partner, um Architektur zu betrachten, da er ein Perfektionist ist, der viel Zeit darauf verwendet, den Zweck eines Orts zu ergründen».
Ausgehend von dem Schutzbau, den Zumthor für die römischen Ausgrabungen in Chur entworfenen hatte, spannt der Film einen Bogen über seine jahrzehntelange Karriere, zunächst über frühe Meisterwerke im Kanton Graubünden wie die Benediktuskapelle in Sumvitg – die durch ihre Holzkonstruktion traditionelle Schlichtheit verkörpert – und die Therme Vals, ein berühmtes Thermalbad, das in exquisiter Harmonie mit der umgebenden Berglandschaft in den Fels gehauen wurde.
Mit seiner aufmerksamen Kameraführung schafft es Wenders, den Zuschauer:innen deutlich zu machen, wie tief Zumthors Entwürfe in der alpinen Landschaft und Kultur der Schweiz verwurzelt sind.
«Es fällt mir nicht schwer, Orte zu verstehen; ich finde leicht etwas, womit ich mich identifizieren kann», sagt Zumthor.
Doch er fügt hinzu: «Manche Menschen können in verschiedenen Wohnungen auf der ganzen Welt leben, aber ich nicht! Ich bin gerne dort, wo meine Wurzeln liegen. Und weisst du, was mir ausserdem gefällt? Zu reisen! Reisen zu können und einen Ort zu haben, an den ich zurückkehren kann.»
Zumthors spätere Werke, die im internationalen Kontext entstanden sind, eröffnen den Betrachter:innen eine Vielzahl sinnlicher Erlebnisse.
Die elegante Schlichtheit der Bruder-Klaus-Feldkapelle in Deutschland, die dunklen und imposanten Innenräume des Zinkbergwerkmuseums trotz der kompakten Grösse des Gebäudes und – vielleicht am eindrucksvollsten und eindringlichsten von allen – das Steilneset-Denkmal, das an die Opfer der Hexenprozesse auf der norwegischen Insel Vardø erinnert. All dies steht in engem Dialog mit der Geschichte der jeweiligen Orte, die bis in die Gegenwart nachhallt.
Wenders durchstreift die stimmungsvollen architektonischen Schauplätze anhand von Erzählfragmenten, in deren Mittelpunkt Gäste, Handwerker:innen, Kunstschaffende und imaginäre Bewohner:innen aus der Vergangenheit stehen, deren Präsenz fast wie Volksmärchen wirkt, die uns die Gebäude anvertrauen.
In Vollbild
Einer der auffälligsten ästhetischen Aspekte des Films ist das gesteigerte Raumgefühl und das Gefühl des Eintauchens in die Handlung, das durch das 3D-Medium vermittelt wird.
Während Zumthor dieser Technik eher gleichgültig gegenübersteht und sagt, er habe diesen Entscheid einfach Wenders überlassen, betrachtet der Filmemacher selbst – der mittlerweile zehn Filme in 3D gedreht hat – sie weniger als Technologie denn als Mittel der Erzählung.
«Wenn man den Augen etwas mehr Zeit gibt, den Raum zu erfassen, kann 3D meiner Meinung nach ein sehr poetisches und meditatives Medium sein», sagt er.
Dank seiner bisherigen Erfahrungen fiel es ihm zudem leichter, die räumlichen Besonderheiten der einzelnen Drehorte einzuschätzen. «Ich wusste bereits, mit welcher Geschwindigkeit sich eine Kamera durch ein Gebäude bewegen sollte, damit die Bewegungen eher entspannend als anstrengend wirken und der 3D-Effekt natürlich statt aufdringlich erscheint.»
Beim Dreh besichtigten Wenders und sein Kameramann zunächst die Gebäude und verglichen die Lichtverhältnisse am Morgen und am Abend. Die Methode veranlasste ihn dazu, Zumthors Gebäude entweder als «Morgengebäude» oder als «Abendgebäude» einzustufen.
Doch so sehr sie sich auch bemühten, den richtigen Moment zu finden, brachte der Dreh doch ein paar unangenehme Überraschungen mit sich.
Zum Beispiel das Wyss-Museum der Beyeler-Stiftung, das erst kürzlich, am 26. September 2026, seine Pforten für die Öffentlichkeit geöffnet hat. «Das Gebäude besteht aus Kalkstein. Wenn die Sonne darauf scheint, strahlt es so hell, dass man fast die Augen zusammenkneifen muss», sagt er.
Zu seiner Enttäuschung war der einzige Tag, an dem er dort drehen konnte, trüb und regnerisch. Doch Zumthors Vision habe den Dreh gerettet: «Fast wie ein kleines Wunder sagte Peter: ‹Nun, das ist meine Kindheit. Siehst du all diese Vögel, den kleinen Teich im sanften Regen und die Flugzeuge über unseren Köpfen? Das ist die Klanglandschaft meiner Kindheit.›», erzählt Wenders.
Die Architektur der Gefühle
Zumthor war überrascht, wie persönlich der Film letztendlich geworden ist. «In gewisser Weise habe ich dabei mein eigenes Leben betrachtet», sagt er.
Zudem freue er sich auch darüber, dass der Film zu einer Liebeserklärung an seine Frau Annalisa Zumthor-Cuorad geworden ist, die Anfang dieses Jahres verstorben ist.
Als Beispiel nennt Wenders die Aufnahmen in den Leis-Häusern in Vals: drei Ferienhäuser, von denen eines der Architekt für seine Frau entworfen hatte.
«Das Haus stand leer, nachdem seine Frau einen Schlaganfall erlitten hatte, aber Peter wollte, dass ich es filme, weil noch niemand in der Schweiz zuvor ein solches Haus gebaut hatte.»
Der Dokumentarfilm konzentriert sich vor allem auf Zumthors Werke, darunter sein jüngstes und bislang grösstes Projekt, das Los Angeles County Museum of Art (LACMA).
Doch Wenders greift auch Zumthors nicht realisiertes Projekt für das Dokumentationszentrum «Topografie des Terrors» wieder auf, das die Stadt Berlin nach Baubeginn aufgegeben hatte.
Was seinen verworfenen Entwurf angeht, wiederholt Zumthor lediglich, was er bereits im Film gesagt hat: dass sein Projekt gut für Berlin gewesen wäre – und dass es ein rein politischer Entscheid gewesen sei.
Der mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete Architekt ist weithin bekannt für seine strengen ethischen und moralischen Grundsätze. «Ich kann nicht einfach Gebäude als blosse Zierde entwerfen», sagt Zumthor.
Einmal, erzählt er, habe er ein Angebot auf «freie Hand» abgelehnt, das ihm von einer Gruppe «reicher und gebildeter» Koreaner:innen unterbreitet wurde: «Ich bin Architekt. Ich brauche einen guten Zweck. Wenn sie mir sagen würden, ich solle ein Haus für Flüchtlinge bauen, würde ich mich morgen daran machen.»
Wenders’ politische Haltung
Zumthors Beharren auf der Funktion und dem Wert der Architektur ist der Grund, warum Wenders «From Inside Out» als politischen Film betrachtet.
Der deutsche Filmemacher war in seiner diesjährigen Funktion als Juryvorsitzender bei der Berlinale mit seiner Erklärung, er müsse sich aus der Politik heraushalten, heftiger Kritik ausgesetzt.
Er erklärt, warum Zumthors moralische Haltung entscheidend ist: «Die meisten Gebäude, die wir heute sehen, sind politisch, weil sie feindselig sind und kein gesundes Umfeld zum Arbeiten oder Wohnen bieten. Peter trifft politische Entscheide. Er will nur das bauen, was er für notwendig hält – was 90 Prozent der Angebote, die er erhält, ausschliesst.»
Trotz der Betonung des Gemeinwohls in Zumthors Entwürfen fragt man sich dennoch, ob der Film in Bezug auf Architektur unter einer gewissen Klassenblindheit leidet, da viele dieser Orte vor allem privilegierten Bürger:innen in reichen Ländern zugänglich sind.
Ohne uns wirklich vom Gegenteil überzeugen zu wollen, verweist Wenders auf Zumthors «Secular Retreat» in Devon als Alternative, das für Aufenthalte von drei Tagen bis zu einer Woche gemietet werden kann.
«Es bietet den Gästen die Möglichkeit, die Landschaft und die Architektur auf einzigartige Weise zu erleben», sagt Wenders. «Es ist eine wunderbare Idee, Menschen zeitgenössische Architektur erleben zu lassen, auch wenn sie niemals ein solches Haus bauen oder darin wohnen könnten.»
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Editiert von Catherine Hickley/ac, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/raf
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