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James Baldwin hat in Leukerbad den Rassismus entschlüsselt

Ein afroamerikanischer Mann in einer Stadt (historisch)
James Baldwin in Harlem im Jahr 1963. Keystone / AP 1963

In seinem Werk «Das Schweigen der Alpen» hat er eine der klarsten Analysen über den westlichen Rassismus erarbeitet. Hier fand der Schriftsteller und afroamerikanische Aktivist die Worte, um uns zu sagen, dass Rassismus kein Zufall ist, sondern ein Erbe. Und dass sich niemand – weder er selbst noch das Dorf, noch die Schweiz – wirklich als Unbeteiligter dieser Geschichte bezeichnen kann.

James Baldwin (1924–1987) war eine der klarsten und radikalsten Stimmen des 20. Jahrhunderts. Als Schriftsteller, Essayist und Aktivist erzählte er Amerika aus einer unbequemen Position: der eines schwarzen, homosexuellen Manns, der in Harlem aufgewachsen war – in einem Land, das von ihm Dankbarkeit verlangte und ihn gleichzeitig ausschloss.

Seine Bücher und öffentlichen Auftritte begleiteten die Kämpfe für Bürgerrechte und nahmen oft deren Sprache und Fragen vorweg. Baldwin führte keine Demonstrationszüge an, aber er verstand es, dem Konflikt Worte zu verleihen. Worte, die bis heute nachklingen.

Die Ankunft in Leukerbad

1951 verliess er die Vereinigten Staaten. Nicht aus romantischer Flucht, sondern aus Notwendigkeit. Amerika erstickte ihn, rassistische Gewalt war eine ständige Bedrohung und für das Schreiben blieb kein Raum.

In Paris begegnet er dem Schweizer Maler Lucien Happersberger, der sein Geliebter wird und ihn nach Leukerbad im Kanton Wallis einlädt. So kommt Baldwin in die Schweiz: aus Liebe, aus Erschöpfung, auf der Suche nach einem Ort, an dem er atmen kann.

Leukerbad war damals ein Bergdorf, das im langsamen Rhythmus der Thermen und der Jahreszeiten lebte. Holzhäuser, Schnee, Stille – eine Abwesenheit von Klang, die zugleich eine andere Art des Zuhörens ist.

Für viele im Dorf ist Baldwin der erste Schwarze, den sie je gesehen haben. Die Kinder folgen ihm, berühren ihn und lachen. Die Erwachsenen beobachten ihn mit einer Neugier, die noch keine Feindseligkeit ist, aber auch keine Neutralität.

Baldwin registriert alles: die Blicke, die Zögerlichkeiten, die Abstände. Er versteht, dass dieses Gefühl des «Fehl-am-Platz-Seins» eine Gelegenheit ist, klarer zu sehen.

In dieser schwebenden Landschaft vollendet er seinen ersten Roman «Go tell it on the mountain», in dem er seine Kindheit in Harlem und die religiöse Gewalt, die sie geprägt hat, verarbeitet.

Die geografische Distanz erlaubt es ihm, seine eigene Geschichte mit neuer Klarheit zu betrachten. In Leukerbad zu schreiben bedeutet, nach Hause zurückzukehren, ohne wirklich zurückkehren zu müssen.

Er ist ein «absoluter Fremder»

Doch mit dem Essay «Stranger in the village» tritt die Schweiz in die Geografie der schwarzen Geschichte ein. Baldwin geht von einer konkreten Erfahrung aus: der einzige Schwarze in einem weissen Dorf zu sein.

Er ist kein Fremder wie die anderen. Er ist der absolute Fremde, der Körper, der die Gewohnheit unterbricht. Hieraus entsteht eine seiner stärksten Erkenntnisse: Die Bewohnerinnen und Bewohner von Leukerbad, selbst die bescheidensten, gehören – ob sie es wissen oder nicht – zur kulturellen Tradition, die den Westen geprägt hat.

«Sie können nirgendwo auf der Welt Fremde sein», schreibt er. Sie sind Erben von Dante, Shakespeare und Michelangelo. Er nicht. Nicht, weil er diese nicht kennt, sondern weil ihm die Geschichte das Recht verweigert hat, sich in dieser Genealogie wiederzuerkennen.

So wird Leukerbad zu einem Labor. Ein abgelegener Ort, der jedoch tief mit den Machtstrukturen des Westens verbunden ist. Baldwin erkennt, dass sich Rassismus nicht nur in Beleidigungen oder expliziter Gewalt manifestiert, sondern auch in Gegenständen, Gesten und Gewohnheiten: eine Spendenbox mit der Karikatur einer schwarzen Person, ein Karneval mit Blackface. Es sind diese kleinen Details, die eine grössere Geschichte enthüllen.

Die Dokumentation «Ein Fremder im Dorf» (1962) schildert Baldwins Erfahrungen in Leukerbad (auf Englisch und Französisch):

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Die Schweiz, die über keine eigenen Kolonien verfügt, steht nicht ausserhalb dieses Rahmens. Kaffee, Zucker, Kakao, Baumwolle: Das sind Waren, die seit Jahrhunderten über Routen ankamen, die auf Sklaverei aufgebaut waren.

Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzen sind Sektoren, die von einer ungleichen Weltordnung profitiert haben. Baldwin erkennt dies mit einer «glokal» anmutenden Klarheit: Ausgehend von einem Alpendorf spricht er über den gesamten Westen.

«Stranger in the village» ist nicht nur ein Text über den amerikanischen Rassismus. Es ist ein Text über Rassismus als globale Struktur. Zehn Jahre vor der berühmten «I have a dream»-Rede von Martin Luther King prangert Baldwin die weisse Vorherrschaft nicht als Meinung, sondern als Machtsystem an, das Kontinente, Sprachen und Institutionen durchzieht.

Und er tut dies von einem Ort aus, der sich als neutral und unschuldig am Rand wähnt. Das ist das Paradox: Die Schweiz mit ihrem Bild als friedliche Insel wird für Baldwin zum perfekten Spiegel, um zu zeigen, dass niemand ausserhalb der Geschichte steht.

Im Schweigen von Leukerbad hat Baldwin die Worte gefunden, um uns zu sagen, dass Rassismus kein Zufall ist, sondern ein Erbe. Und dass sich niemand – weder er selbst noch das Dorf noch die Schweiz – wirklich als Fremder dieser Geschichte bezeichnen kann.

Übertragung aus dem Französischen mithilfe der KI Claude: Christian Raaflaub

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