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Späte Rehabilitierung für Schweizer Helfer der Partisanen

bewaffnete Männer
Die Partisanen aus dem Ossola, hier auf einem Foto vom September 1944, konnten auch im benachbarten Tessin auf ein Unterstützungsnetzwerk zählen. Keystone-SDA

Das Parlament hat Personen rehabilitiert, die von der Schweizer Justiz verurteilt worden waren, weil sie während des Zweiten Weltkriegs die französische und italienische Résistance unterstützt hatten. Eine neue Publikation beleuchtet den Partisanenkampf im Ossolagebiet und zeigt die Rolle der Tessiner Bevölkerung auf.

Tagsüber arbeitete Silvio Baccalà als Gärtner im Hotel Brenscino in Brissago, nachts half er italienischen Partisanen, die Grenze zu überqueren, indem er sie über Schmugglerpfade führte.

Gabriella Antognini aus Locarno gewährte ihrerseits Partisanen, die aus Schweizer Internierungslagern geflohen waren, Unterschlupf und begleitete sie zurück nach Italien, damit sie den Kampf gegen die Besatzungstruppen fortsetzen konnten. Gemeinsam mit ihrer Schwester Maria fungierte sie zudem als Kurierin und übermittelte Nachrichten zwischen Kämpfern in Italien und Internierten in der Schweiz.

Ihr Engagement für die italienische Résistance war nicht ohne Risiko: Es drohten Geldstrafen oder HaftExterner Link. «Vincenzo Martinetti, der Vater der Sängerin Nella Martinetti, war ein Tessiner Partisan», erklärt der Tessiner Historiker Raphael Rues, Mitautor des neuen Buchs Ossola in guerraExterner Link.

«Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er wegen Verletzung der Neutralität zu vier Monaten Haft verurteilt – die Strafe wurde bedingt ausgesprochen.»

Die Kommunistin Antognini verbrachte eine Woche im Gefängnis, nachdem sie beim illegalen Grenzübertritt mit Nachrichten für die Résistance aufgegriffen worden war. Nach Kriegsende wurden rund zehn Tessinerinnen und Tessiner von der Schweizer Justiz verfolgt und verurteilt, weil sie den Ossola-Kämpfern geholfen hatten.

In der Frühjahrssession 2026 hat der Nationalrat nun eine parlamentarische InitiativeExterner Link angenommen, die unter anderem vom Tessiner Nationalrat Simone Gianini eingereicht worden war.

Sie zielt darauf ab, Schweizerinnen und Schweizer zu rehabilitierenExterner Link, die wegen ihrer Unterstützung der französischen oder italienischen Résistance zu Haft- oder Geldstrafen verurteilt worden waren. Der Ständerat muss sich noch mit dem Geschäft befassen.

Im April 1945, als sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende näherte, arbeiteten die Schweizer Nachrichtendienste mit den Partisanen des Ossolatals zusammen, um zu verhindern, dass die Nationalsozialisten das südliche Portal des Simplon-Eisenbahntunnels bei Iselle sprengen.

Am 21. April 1945 gelang es rund hundert Kämpfern, die in Varzo platzierten 32 Tonnen Sprengstoff zu zerstören und damit die Pläne der Nazis zu vereiteln.

Im Dezember 1945 fand in Brig eine Zeremonie zu Ehren der «Retter des Simplontunnels» statt. Die eingeladenen Partisanen erhielten eine Schweizer Uhr als Geschenk.

Dieses Beispiel veranschaulicht die ambivalente Haltung der Schweiz während des Krieges: Einerseits setzte sie die Neutralitätsbestimmungen strikt durch und verfolgte Helfer der Résistance, andererseits ermöglichte sie – besonders in Grenzregionen – Kämpfern die Flucht in die Schweiz sowie medizinische Versorgung, bevor sie wieder in den Kampf zurückkehrten.

«Die vom eidgenössischen Parlament beschlossene Rehabilitierung schliesst formal ein Kapitel, das menschlich nie abgeschlossen war. Jahrzehntelang blieben die Urteile als dunkler Fleck in den Archiven bestehen: Die Schweiz hatte jene Männer und Frauen verfolgt, die nur wenige Kilometer jenseits der Grenze ihr Leben im Kampf gegen die nationalsozialistische und faschistische Besatzung riskierten», sagt Rues.

«Der Entscheid aus Bern beseitigt diesen Widerspruch nicht, aber er anerkennt ihn. In einer Zeit, in der extremistische Ideologien auch in Europa wieder an Boden gewinnen, ist dieser Schritt nicht nur eine verspätete Würdigung. Er ist auch ein Bekenntnis zu den Werten der Demokratie. Das ist bereits etwas.»

Die Entstehung der Partisanenbewegung im Ossolagebiet

Nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 zwischen der italienischen Regierung unter Marschall Badoglio und den Alliierten wurde das Tessin zu einem wichtigen Knotenpunkt der italienischen Résistance.

Der Kanton bot Zivilisten und Partisanen Zuflucht, leistete medizinische Hilfe und diente mehreren Kampfgruppen als Operationsbasis. Das zwischen Wallis und Tessin gelegene Ossolagebiet bot ideale Bedingungen für den bewaffneten Widerstand.

«Die zahlreichen tief eingeschnittenen Täler, dichten Wälder und abgelegenen Alphütten waren ideal für den Guerillakampf. Die Nähe zur Grenze ermöglichte den Partisanen zudem nach Angriffen den Rückzug in die Schweiz.

Ausserdem war die Bevölkerung des Ossolatals stark antifaschistisch eingestellt», so Rues. «Im Spätherbst 1943 formierte sich der Widerstand nur langsam, und die Anfangsphase war besonders schwierig, da es an Waffen, Munition und vor allem an Kämpfern mangelte.»

bewaffneter Mann
Fotoreportage über die Republik Ossola, veröffentlicht in der Wochenzeitschrift „Illustrazione Ticinese“ am 4. November 1944 «Illustrazione Ticinese», Archivio Quotidiani Canton Ticino

Nach der Verkündung des Waffenstillstands besetzten deutsche Truppen Nord- und Mittelitalien. Italienischen Soldaten blieben drei Optionen: der Beitritt zu den Streitkräften der faschistischen Republik von Salò (RSI), die Deportation in Arbeitslager des Dritten Reichs oder der Eintritt in den Widerstand.

«Die Mehrheit, rund 700’000 Soldaten, wurde innerhalb weniger Wochen deportiert», sagt Rues. «Weitere 100’000 schlossen sich der RSI an, und eine ähnliche Zahl ging in den Untergrund und kämpfte als Partisanen.»

Im Ossolagebiet entstanden verschiedene Partisanengruppen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen. «Für die Tessiner Bevölkerung war es nahezu unmöglich, gegenüber dem Widerstand jenseits der Grenze gleichgültig zu bleiben», sagt der Historiker.

«Immer wieder mussten Partisanen in die Schweiz fliehen. Zudem bestanden seit Jahrhunderten enge kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen zwischen den Regionen – etwa durch Schmuggel. Viele Familien hatten Verwandte und Bekannte im nahen Italien.»

Die Freie Republik Ossola

Zunächst beschränkten sich die Widerstandsgruppen auf kleinere Anschläge oder die Gefangennahme deutscher und faschistischer Soldaten, die als Austauschmittel dienten. Mit der Zeit wurden die Aktionen mutiger – auch dank der Unterstützung aus dem Tessin.

«Diese Hilfe war entscheidend», betont Rues. «Nur etwa ein Drittel der Partisanen verfügte über Schusswaffen, und oft fehlte Munition. Gewehre, Pistolen, aber auch Lebensmittel und Kleidung wurden über Schmugglerpfade aus dem Tessin gebracht. Teilweise beschafften sich die Partisanen selbst Waffen und andere Güter in der Schweiz. Der Grossteil der Waffen kam jedoch durch alliierte Luftabwürfe.»

Menschenmenge
Die letzten Tage der Republik Ossola: Die Partisanen sind gezwungen, Domodossola zu verlassen und in den Bergen sowie in der benachbarten Schweiz Zuflucht zu suchen. Und Fotografen sind dort nicht immer willkommen. Keystone-SDA

Die Partisanen erzielten ihren grössten Erfolg Anfang September 1944. Nachdem sie die Täler rund um Domodossola befreit hatten, gelang es ihnen am 10. September, die Besatzungstruppen zu vertreiben. So entstand die Partisanenrepublik Ossola – ein kurzer Versuch eines demokratischen Staatswesens, der nach dem Krieg als Vorbild diente.

«Es war ein wichtiger Versuch, eine funktionierende demokratische Struktur zu schaffen, der leider nur rund vierzig Tage dauerte», erklärt Rues und erinnert an die zentrale Rolle des Tessins, das zahlreichen Mitgliedern der Regierung, darunter Präsident Ettore Tibaldi, die Flucht in die Schweiz ermöglichte.

«Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Postdienst mit eigenen Briefmarken eingerichtet, das Schulsystem neu organisiert und der öffentliche Verkehr mit der Schweiz wieder aufgenommen. Zudem wurde die politische Gleichstellung von Frauen und Männern eingeführt – ein Entscheid, der seiner Zeit voraus war.»

In diesem Zusammenhang erinnert der Historiker an ein bekanntes Zitat von Giorgio Bocca: «Das partisanische Ossola erreichte in vierzig Tagen, wofür die Republik Jahre brauchte.»

Zu den prägenden Persönlichkeiten der Regierung gehörte Gisella Floreani, die zur Kommissarin für Sozialhilfe ernannt wurde und als erste Frau in der italienischen Geschichte ein Regierungsamt bekleidete.

Sie koordinierte unter anderem die Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz und ermöglichte die Lieferung von Lebensmitteln, Kleidung und medizinischen Gütern aus dem Tessin und dem Wallis in die Freie Republik Ossola.

Nach dem Krieg wurde Floreani, Mitglied der Kommunistischen Partei, in den Gemeinderat von Domodossola gewählt und zog 1948 ins italienische Parlament ein, wo sie sich für die politischen Rechte der Frauen einsetzte.

«Die Partisanen wagten dieses Projekt eines demokratischen Staates, weil sie vermutlich Zusicherungen der Alliierten erhalten hatten, im Norden eine Front zur Befreiung Italiens zu eröffnen», sagt Rues.

Soldaten
Partisanen und Zivilisten aus dem Ossola-Tal, die in der Schweiz Zuflucht gefunden haben, müssen sich registrieren lassen und sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen. Das Foto wurde am 1. Oktober 1944 in Bern aufgenommen. Photopress-Archiv / Walter Studer

Von den Alliierten im Stich gelassen

Die Partisanen wurden jedoch im Kampf gegen die deutschen Truppen weitgehend allein gelassen. Die Alliierten konzentrierten sich auf die Ereignisse im Osten, besonders auf Warschau, wo sie polnische Kämpfer durch Abwürfe von Material und Waffen unterstützten.

Zudem machten die schlechten Wetterbedingungen im September und Oktober 1944 Überflüge über das Ossolagebiet und den Abwurf von Nachschub nahezu unmöglich.

 «Die Partisanen hatten sogar Abwurfzonen und zwei Landepisten eingerichtet», erinnert sich Rues. «Ohne die dringend benötigten britischen und amerikanischen Lieferungen war die Verteidigung des Ossolatals zum Scheitern verurteilt.»

Menschen in der Schlange
Ein weiteres Bild von Zivilisten und Partisanen aus dem Ossola-Tal, die zur Registrierung nach Bern gekommen sind. Photopress-Archiv / Walter Studer

Wenige Wochen später starteten deutsche Truppen und Einheiten Mussolinis die Rückeroberung der Region. «Während die Freie Republik Ossola politisch gut funktionierte, war sie militärisch äusserst unvorbereitet», erklärt der Historiker. «Erstmals gaben die Partisanen die Guerillataktik auf und versuchten, das Gebiet wie eine reguläre Armee zu verteidigen.»

Innerhalb von zwei Wochen kam es zur Niederlage. Mehr als 500 Partisanen starben, ebenso viele wurden in deutsche Arbeitslager deportiert. Am 23. Oktober brach die Partisanenrepublik zusammen, und über 10’000 Menschen flohen in die Schweiz, darunter 3500 Partisanen.

Laut Bundesarchiv wurden mindestens 1500 Kinder von Familien im ganzen Land aufgenommen, während Erwachsene in Flüchtlings- oder Internierungslagern untergebracht wurden, vor allem in der Deutschschweiz.

«Diese Massenflucht war auch möglich, weil die Schweizer Flüchtlingspolitik gelockert wurde», so Rues. «Im Oktober 1944 war die Niederlage Deutschlands absehbar, und das Risiko deutscher Vergeltungsmassnahmen gering.»

Zwischen 1943 und 1945 kamen im Ossolagebiet mindestens 2000 Menschen ums Leben, darunter 600 Zivilpersonen.

Mit Kriegsende hörte die Gewalt jedoch nicht auf. In den Monaten nach der Befreiung kam es zu zahlreichen Vergeltungsaktionen: Viele Faschisten, besonders Angehörige der besonders brutalen Schwarzen Brigaden, wurden getötet.

Hinzu kamen persönliche Racheakte, die wenig mit dem Partisanenkampf zu tun hatten. Vereinzelte Gewalttaten setzten sich in den folgenden Jahren fort und dauerten bis 1948 an.

Übertragung aus dem Italienischen mithilfe von KI: Camille Kündig

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