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Robert Schiess: Wie ein Maler der Schweizergarde ein Gesicht gab

Fresko mit Soldat
Selbstporträt von Robert Schiess (rechts): Der Künstler beim Trommelspielen in einer der Fresken, die die Wände eines Gebäudes im Vatikan schmücken. tvsvizzera.it

Robert Schiess, ein Schweizer Künstler, der einst mit dem Fahrrad nach Rom reiste, diente in der Päpstlichen Schweizergarde. Dank seines aussergewöhnlichen Talents als Maler und seiner Ausbildung beim berühmten Porträtisten Philip de László gelang es ihm, Militärdienst und Kunst auf einzigartige Weise miteinander zu verbinden.

Wer das Büro des Kommandanten der Päpstlichen Schweizergarde im Herzen der Vatikanstadt betritt, unternimmt eine Reise durch die Jahrhunderte. Entlang der Wände reiht sich eine stille und würdige Chronik: die Porträts aller Kommandanten, die das Korps seit seiner Gründung im Jahr 1506 geführt haben. 

Doch ein Detail macht diese Galerie besonders bemerkenswert. Viele dieser Gemälde stammen nicht von einem externen Künstler, sondern von einem Mann, der diese Welt aus eigener Erfahrung kannte und dieselbe Uniform trug wie die Männer, die er porträtierte: Robert Schiess.

Mit dem Velo in die Ewige Stadt 

Die Geschichte von Robert Schiess beginnt nicht im Vatikan, sondern auf den Strassen zwischen der Schweiz und Rom.

Schiess wurde 1896 in Cham im Kanton Zug geboren. Über seine Familie ist wenig bekannt. Sicher ist jedoch, dass der junge Robert in Altdorf Malerei studierte und einige Monate als Künstler in Luzern und Lausanne arbeitete.

Schon früh trieb ihn eine grosse Neugier und der Wunsch, die Welt zu entdecken. Mit gerade einmal sechzehn Jahren machte er sich deshalb mit dem Velo auf den Weg nach Rom. Die Reise war mehr als ein Abenteuer: eine Art künstlerische Pilgerfahrt, auf der er Landschaften und Kunstwerke Italiens entdecken wollte.

>>> Interview mit Christian Kühne (auf Italienisch):

In der Ewigen Stadt angekommen, begann Schiess regelmässig die Kaserne der Schweizergarde zu besuchen, wo bereits einige Bekannte von ihm Dienst leisteten. Der junge Mann war lebensfroh, spielte gern Zither und brachte mit seiner offenen Art schnell gute Stimmung in die Kaserne.

Seine Freunde waren es schliesslich, die ihm vorschlugen, sich der Garde anzuschliessen.

«Als er in Rom ankam, hatte er eigentlich nicht vor, sich zu verpflichten», erklärt Hauptmann Christian Kühne, Leiter der Personalabteilung der Päpstlichen Schweizergarde. «Er war aus persönlichem Interesse gekommen, um das Land zu entdecken, und wollte danach wieder in die Schweiz zurückkehren.»

Fresko
Ein weiteres Fresko von Robert Schiess im Vatikan. tvsvizzera.it

Ein Talent wird entdeckt 

Schliesslich folgte Schiess dem Rat seiner Landsleute und trat der Schweizergarde bei. Entscheidend für seinen weiteren Weg wurde der damalige Kommandant Alois Hirschbühl. Der kunstbegeisterte Kommandant erkannte schnell das aussergewöhnliche Talent des jungen Gardisten und förderte es gezielt.

Damals – noch vor den Lateranverträgen – beschränkte sich der Dienst der Garde auf den Apostolischen Palast. Der Dienstplan liess daher Freiräume, die heute kaum mehr vorstellbar sind. Hirschbühl ermutigte Schiess, seine künstlerische Ausbildung weiterzuverfolgen, Kurse zu besuchen und sich ernsthaft auf eine Karriere als Maler vorzubereiten.

Nach vier Jahren Dienst verliess Schiess die Garde, um den renommierten österreichisch-ungarischen Porträtisten Philip de László auf einer längeren Reise zu begleiten. De László hatte die bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit porträtiert – von Mitgliedern europäischer Königshäuser bis zu Papst Leo XIII.Diese Lehrjahre prägten Schiess nachhaltig und verfeinerten seinen Stil.

Rückkehr mit Sonderstatus 

1933 kehrte Schiess erneut in den Dienst des Papstes zurück. Inzwischen hatte sich vieles verändert: Die Vatikanstadt war gegründet worden und die Aufgaben der Schweizergarde hatten zugenommen.

Doch Schiess’ Talent war inzwischen zu einem wertvollen Bestandteil des Korps geworden. Deshalb erhielt er einen besonderen Status: einen reduzierten Dienst, der es ihm erlaubte, sich weiterhin der Malerei zu widmen, während er gleichzeitig an wichtigen Zeremonien und besonderen Diensten teilnahm.

In dieser Zeit erhielt er auch seinen bedeutendsten Auftrag: allen Kommandanten der Schweizergarde ein Gesicht zu geben.

Porträt eines Papstes
Das Porträt von Papst Pius XII., das im Kloster Einsiedeln aufbewahrt wird. wikipedia

Eine anspruchsvolle Aufgabe

«Es war eine grosse Herausforderung», sagt Kühne. «Er musste Informationen über jeden einzelnen Kommandanten zusammentragen. Dafür reiste er häufig in die Schweiz, durchsuchte Archive und Bibliotheken und suchte nach Bildern oder früheren Darstellungen, um die Gesichter möglichst authentisch rekonstruieren zu können.»

Das Ergebnis war eine Serie von 27 Porträts – von Kaspar von Silenen, dem ersten Kommandanten der Garde, bis zu den Kommandanten seiner eigenen Zeit.

Heute sind diese Werke an zwei Orten zu sehen: im Büro des Kommandanten im Vatikan sowie im Museum der Schweizergarde in Naters im Kanton Wallis.

Ein Vermächtnis aus Licht und Farben 

Robert Schiess war jedoch weit mehr als der offizielle Porträtist der Kommandanten. Er war ein vielseitiger Künstler, der ebenso präzise militärische Porträts wie poetische Landschaftsbilder schuf.

Besonders bekannt ist sein Porträt von Papst Pius XII., das im Kloster Einsiedeln aufbewahrt wird. Der Papst, der normalerweise ungern lange Modell sass, soll zwei Stunden still gesessen haben, damit Schiess sein Wesen auf der Leinwand festhalten konnte.

1952 verliess Schiess die Schweizergarde endgültig altersbedingt. Für den letzten Abschnitt seines Lebens zog er nach Ischia im Golf von Neapel.

Dort heiratete er Frau Hauser und widmete sich der Führung des Familienhotels – stets begleitet von jenem künstlerischen Talent, das ihn weit über die Mauern des Vatikans hinaus bekannt gemacht hatte.

Als er 1956 starb, blieb seine Verbindung zur Schweizergarde bestehen – verewigt in den Gesichtern der Kommandanten, die er mit Pinsel und Farbe unsterblich gemacht hatte.

Editiert von Daniele Mariani; Übertragung aus dem Italienischen mit Hilfe von KI: Camille Kündig

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