Farblos zu mehr Aussagekraft: «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?»
Mit "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?" kommt ein Film in Schwarz-Weiss ins Kino. Warum greifen Filmschaffende heute noch gerne zu dieser Bildsprache? Der Walliser Regisseur Nicolas Steiner und sein Kameramann sprechen über die Gründe für diese Wahl.
(Keystone-SDA) Hugo Drowak ist ein Grantler, ein überzeugter Misanthrop. Doch er soll, so will es das Amt, in der Person der Schreibtrainerin Lena zu einem besseren und freundlicheren Menschen werden. Und Lena ist hartnäckig.
Der Österreicher Karl Markovics in der Rolle von Hugo Drowak und die Zürcherin Luna Wedler als Lena harmonieren in herrlicher Weise, dazu kommen surrealistische Einsprengsel und jede Menge überraschender Ideen. Daraus ist ein ebenso zärtlicher wie widerspenstiger Film geworden, oszillierend zwischen Sehnsucht und Desillusionierung, expressionistisch und doch immer mit einem Bein fest in der Realität – und dies grösstenteils in Schwarz-Weiss.
Nach mehreren Dokumentarfilmen ist «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» das Langspielfilmdebüt des Walliser Regisseurs Nicolas Steiner («Kampf der Königinnen», «Above and Below»). Die internationale Premiere hatte der Film im Juni 2025 am Festival in Shanghai, die schweizerische im Januar an den Filmtagen in Solothurn. Am heutigen Mittwoch kommt das Werk in die Deutschschweizer Kinos.
Wahrnehmung verdichten
«Mich fasziniert an Schwarz-Weiss die Möglichkeit, die Welt auf eine sehr klare Form einzugrenzen, die gleichzeitig offen ist», sagt Steiner gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Farbe falle als Information weg, und dadurch würden sich Aufmerksamkeit und Bedeutung verschieben.
«Licht, Kontrast, Textur, Rhythmus und Komposition treten stärker hervor», so der 42-jährige Regisseur, der derzeit an seinem neuen Werk «Der fliegende Berg» arbeitet, das voraussichtlich im Herbst 2027 fertig sein soll. «Schwarz-Weiss ist für mich weniger eine rein ästhetische Entscheidung als eine Möglichkeit, Wahrnehmung zu verdichten – und damit die Aussage eines Bildes zu schärfen.» Dabei solle diese Entscheidung kein Selbstzweck sein, sondern das Aufeinandertreffen der Figuren, ihrer Welten und ihrer Gegensätze spürbar machen.
Vor dem Drehstart hat sich Steiner überlegt: Wie können wir das Universelle und Archaische, das in der Figur des Herrn Drowak und in dieser Geschichte steckt, mit unseren filmischen Mitteln bestmöglich auf der Leinwand zum Leben erwecken? «Schwarz-Weiss gab uns die Möglichkeit, die Welt von Drowak auf das Wesentliche zu reduzieren und dabei auch ihre Widersprüche stärker hervortreten zu lassen.» Das Schwarz-Weiss entziehe der Welt einen Teil ihrer Realität – «und bringt sie dadurch vielleicht näher an das Innere dieser Figur», so Steiner.
Fehlende Farbe als stilistischer Trick
Die Geschichte fotografiert hat der österreichische Kameramann Markus Nestroy («Above and Below», «Fack ju Göhte 3», «Freud»). «Wir haben eine ganz spezielle Farbdramaturgie gewählt, um die unterschiedlichen Stadien der Beziehung der beiden Figuren darzustellen», sagt er. Diese Veränderung fand nicht nur in der Farbkorrektur, sondern auch in der Lichtsetzung, Farbgestaltung und überhaupt der Ausstattung statt. Das Fehlen von Farbe habe geholfen, diese surreale Welt zu erschaffen – sozusagen ein stilistischer Trick, sagt Nestroy.
«Die Entscheidung für Schwarz-Weiss war letztlich eine Entscheidung für die Verdichtung. Wir haben eine Bildsprache gewählt, die das Archaische und das Emotionale sichtbar macht», sagt Regisseur Steiner. Schwarz-Weiss sei nicht gewählt worden, um historisch zu erzählen. «Im Gegenteil: Es hilft mit, uns von einer konkreten zeitlichen Verortung zu lösen.»
Schwarz-Weiss bringt Freiheiten
Ob er in Schwarz-Weiss oder Farbe drehe, sei abhängig von der Geschichte. Aber: «Eine grundsätzliche Affinität zur Schwarz-Weiss-Fotografie ist da», so Steiner. Das Entwickeln von Schwarz-Weiss-Fotografien in seiner Badewanne während seines Stipendiums in den USA, diese unmittelbare, handwerkliche Erfahrung, habe ihn geprägt.
Nestroy sieht das ähnlich: «Was Filme und Serien betrifft, habe ich keine besondere Vorliebe für Schwarz-Weiss gegenüber Farbe – das hängt für mich immer von der jeweiligen Geschichte ab.»
Für die konkrete Umsetzung spiele es eine entscheidende Rolle, ob er in Farbe oder Schwarz-Weiss arbeite, so Nestroy. «Neben all den offensichtlichen Unterschieden erlebe ich in Schwarz-Weiss eine besondere Freiheit, was die Arbeit mit Kontrasten und Formen, Licht und Schatten betrifft. Das inspiriert mich auch für meine Farbarbeiten.»
Nestroy fühlt sich in Schwarz-Weiss auch deshalb etwas freier, weil er nicht so stark in Konventionen denkt wie bei Farbe. «Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ein Schwarz-Weiss-Film eher selten für den Mainstream produziert wird und allein dadurch schon wilder sein darf.»
Und wild ist «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» definitiv geworden. Eine Neunjährige zitiert darin Pablo Neruda, Lars Eidinger spielt sich als Amtsleiter in eine grossartige Rage und der Teufel kickt den Erdball ins Universum.*
*Dieser Artikel von Raphael Amstutz, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.