Der grosse Tag
Nach dreissig Jahren Diskussionen und drei Jahren Übergangsregelung gelangt der Euro in die Geldbörsen von 300 Millionen Europäern. Einige historische Aspekte zu einem historischen Ereignis.
Schluss mit Lire, Mark, französischem Franc und anderen Währungen: Ab 1.Januar 2002 wird der Euro das neue Zahlungsmittel in 12 Ländern der Europäischen Union (EU): Belgien, Deutschland, Griechenland, Spanien, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Holland, Österreich, Portugal und Finnland. Die verbleibenden drei EU-Staaten Schweden, Dänemark und Grossbritannien stellen vorerst noch nicht auf die Einheitswährung um.
In wenigen Tagen wird die Schweiz folglich von Euro-Ländern umzingelt sein. Die Eidgenossenschaft ist als Export-, Ferien- und Transitland im Herzen Europas direkt von dieser Währungsumstellung betroffen. Und sie bereitet sich darauf vor.
Manche sprechen von einem der grössten Experimente in der Geschichte der Wirtschaftspolitik. Für andere ist der Euro ein fundamentaler Baustein für das gemeinsame europäische Haus. Wieder andere kritisieren, dass der Euro von oben für Staaten verordnet wurde, die untereinander sehr verschieden sind. Doch alle Meinungen eint die Grundüberzeugung, dass sich im Euro das häufig (zu) abstrakte Konstrukt der EU konkretisiert und das Alltagsleben von Millionen von Europäern verändern wird. Teilweise ist dies schon durch die Einführung des Europapasses geschehen.
Die Idee ist 30 Jahre alt
Die Ursprünge des Euro gehen auf das Ende der 60er Jahre zurück, als die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) die Realisierung einer europäischen Währung als ihr Ziel bezeichnete. Nach zehn problematischen Jahren erhielt die Idee durch die Gründung des Europäischen Währungssystems (EWS) 1979 neuen Schwung.
Zwar war das EWS noch keineswegs eine Einheitswährung, doch wurde bereits das Prinzip möglichst fester Wechselkurse zwischen europäischen Währungen eingeführt. In der so genannten Währungsschlange hatten die Wechselkurse eine klar definierte Toleranzgrenze. Dies schuf eine erste Basis für die Konvergenz zwischen den Wirtschaftspolitiken und Währungen der verschiedenen Länder.
1988 beauftragte der Europäische Rat ein Komitee unter Jaques Delors damit, neue Vorschläge auszuarbeiten, um die Diskussion um die Einheitswährung wieder in Gang zu bringen. Der Abschlussbericht Delors schlug dann als Endziel eine Einheitswährung für die EU-Staaten vor sowie die Einrichtung einer europäischen Zentralbank.
Die Wirtschafts- und Währungsunion
Mit dem Maastricht-Vertrag von 1992, der als Meilenstein der europäischen Einigung gilt, ist das Ziel einer Wirtschafts- und Währungsunion formal festgehalten worden. Als Termin für die Einführung der Einheitswährung legte man den 1.Januar 1999 fest. Und in der Tat ist die neue Währung seit Beginn 1999 Realität – zumindest in ihrer abstrakten Form.
Seither besitzt der Euro einen offiziellen Kurs und wird als Devise in Bankkonten, Kreditkaren oder finanziellen Operationen geführt. Ab 1.Januar 2002 wird er auch physisch Realität: mit Münzen und Geldscheinen.
Die Konvergenz-Kriterien
Die Zulassung zum europäischen Wirtschafts- und Währungssystem war nur für Länder möglich, die bestimmte Kriterien in Hinblick auf ihre Inflationsrate, Staatsverschuldung und Zinssätze erfüllten. Dadurch wollte man einen ausreichenden Grad an Stabilität für das ganze Währungssystem sowie eine Konvergenz zwischen den diversen Ländern erreichen.
Von den 15 EU-Ländern erfüllten 12 die Konvergenz-Kriterien. Dänemark, Grossbritannien und Schweden entschieden selber, nicht auf den Euro umzustellen. Einige Experten befürchten allerdings, dass die 12 Teilnehmerländer die Konvergenz-Kriterien des Maastrichter Vertrags nicht wirklich erfüllen. Dies könnte für Euro-Land gravierende Folgen haben.
Zentraler Baustein
Der Euro ist ein notwendiger Baustein für die Errichtung des gemeinsamen europäischen Hauses. Er ist notwendig, um einen effektiven Gemeinschaftsmarkt aufzubauen und die Ungleichheiten zwischen den Ländern etwas auszugleichen. Ein notwendiger Baustein, aber kein ausreichender.
Die Aussen- und Sicherheitspolitik, die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit der EU (gemäss einer kürzlich erstellen Umfrage sind nur 48 Prozent der EU-Büger zufrieden mit der Union), die so genannte Ost-Erweiterung: All dies sind Probleme, die gelöst werden müssen, wenn die EU eine echte Alternative zu den USA darstellen will.
Wer weiss, ob nicht gerade die Einheitswährung zur Aufhellung des Horizonts beiträgt und den Integrationsprozess beschleunigt. Lassen wir uns überraschen.
Marzio Pescia (aus dem Italienischen: G.Lob)
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