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Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland

In unserem täglichen Briefing für die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer liefern wir immer am Wochenende eine Lese-Empfehlung. Diesmal eine Fotoreportage von ganz unten. Wie überleben Obdachlose in der Schweiz die Coronavirus-Krise? Ein Fotograf ist der Frage nachgegangen.

Herzliche Grüsse

Klaus Petrus

400 sind es angeblich allein in der Stadt Bern, wie viele in der gesamten Schweiz, das weiss niemand so genau. Menschen ohne feste Bleibe, Abhängige, Sexarbeiterinnen, sie alle sind betroffen – weniger vom Virus, sagen sie, als von den Massnahmen, die der Bund bis auf Weiteres verhängt hat. Manche können nicht daheimbleiben, auch wenn sie es möchten, denn sie haben kein Zuhause.

Klaus Petrus

«Ich habe mein Leben gelebt, ich war mal oben, mal unten. Diese verfluchten Drogen, der Alkohol, der Strich, das setzt einem zu. Doch ich bin immer noch am Leben, still alive. Ich glaube fest an mich. Und dass alles einen tieferen Sinn hat. Und es am Ende vielleicht gut ist so, wie es ist.»

L., 35, ein Kind, ohne Arbeit, obdachlos

Klaus Petrus

«Ich stehe hier und bettle, ich brauche 25 Franken am Tag, die Leute bringen mir manchmal Essen, sie drücken mir eine Dose Bier in die Hand, ein paar Zigis. Es gibt Zeiten, da hoffe ich auf ein Wunder, auf ein kleines wenigstens. Doch auch Wunder sind am andern Tag wieder verflogen. Heute Abend schlafe ich draussen, wo, das weiss ich noch nicht.»

P., 49, drei Kinder, Sexarbeiterin

Klaus Petrus

«Normalerweise habe ich fünf bis sechs Freier pro Nacht, jetzt sind es vielleicht zwei. Klar, dass die Preise so gedrückt werden. Ich weiss von Mädchen, die machen es für 30 Franken, alles inklusive. Schlimm ist das. Zum Glück habe ich Stammkunden. Die kommen auch jetzt, Corona hin oder her.»

N., 36, ohne Arbeit, obdachlos

Klaus Petrus

«Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit, das alles kannte ich nicht. Meine Eltern waren süchtig, sie hatten andere Sorgen und nie Zeit für mich. Zum ersten Mal Drogen nahm ich mit 14, aber so richtig rutschte ich erst später rein, mit Mitte zwanzig. Natürlich ist es besonders hart als Frau auf der Gasse, du musst dich immer in Acht nehmen. Prostituieren würde ich mich niemals, das ist nicht nur eine Frage der Hygiene und Gesundheit, sondern auch der Würde. Lieber bettle ich auf der Strasse, viele sind freundlich. Jetzt, wegen Corona, ist es schwieriger, die Leute bleiben zuhause, es fehlt mir permanent an Geld. Vor einigen Tagen musste ich meinen Hund weggeben, das war schlimm. Doch noch schlimmer war für ihn dieses Leben auf der Strasse. Eigentlich bin ich zuversichtlich: ich bin erst Mitte Dreissig, habe mein Leben noch vor mir. Oder?»

D., 34, ohne Arbeit, obdachlos

Klaus Petrus

«Ja, ich knie mich vor den Leuten nieder, wenn ich um Geld bettle. Ich weiss, das ist eine krasse Geste, nur: Für mich hat Betteln nichts Unwürdiges. Ich zwinge keinen, ich tue niemandem etwas zu leide, bin nicht kriminell. Ich bettle, das ist alles. An guten Tagen mache ich 100 bis 120 Franken, seit der Corona-Pandemie sind es vielleicht noch 40.​​​​​»

Um die Abstandsregeln des Bundes einzuhalten, mussten die Notschlafstellen in verschiedenen Schweizer Städten ihre Plätze minimieren. In 4-Bett-Zimmern darf jetzt nur noch eine Person schlafen, in 6-Bett-Zimmern sind es deren zwei. Entsprechend müssen Betroffene abgewiesen werden, eine für diese Institutionen unhaltbare Situation. Hilfe kommt von unterschiedlicher Seite. So stellten in verschieden Städten Stiftungen und kirchliche Verbände Geld zur Verfügung, um Hotelzimmer zu mieten, Container aufzustellen und Gebäude umzunutzen, damit wieder mehr Betten vorhanden sind.

Die Solidarität ist gross

Auch die Essensversorgung wurde aufgrund der Covid-19-Verordnung des Bundes eingeschränkt. So musste die Tafel «Tischlein deck dich», von der in der Schweiz jede Woche 20 000 Personen profitieren, teilweise eingestellt werden, weil der Sicherheitsabstand bei der Essensausgabe nicht eingehalten werden kann und viele Freiwillige aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören.

Organisationen aus der Zivilgesellschaft versuchen diese Lücken zu füllen – indem Essen in öffentlich zugänglichen Kühlschränken gelagert oder an öffentlichen Plätzen verteilt wird. Diese Hilfe, sie soll unkompliziert und direkt erfolgen, ist nur mit finanzieller Unterstützung möglich. Eine wohl beispiellose Aktion lancierte Ende März die Katholische Kirche Region Bern: Innert kurzer Zeit beschloss sie eine Soforthilfe in Höhe von einer Million Franken. Ein Grossteil des Geldes kommt sozialen Institutionen zugute, die sich für Armutsbetroffene und andere Personen am Rande der Gesellschaft einsetzen.


Klaus Petrus

In den meisten Schweizer Städten wurden Gabenzäune errichtet, an denen man Säcke mit Lebensmitteln, Kleidern oder Hygieneartikeln aufhängen und abholen kann. 

Mit dem schwindenden Angebot bricht den Betroffenen die Tagesstruktur weg, der soziale Kontakt wird rar und beschränkt sich aufs Mischen und Mauscheln auf der Gasse. Treffpunkte, Anlaufstellen und Gassenarbeit wurden massiv eingeschränkt. Viele der Obdachlosen gehören zur Risikogruppe, nicht so sehr aufgrund des Alters, sondern wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit.

Rahel Gall Azmat, Geschäftsleiterin der Stiftung für Suchthilfe Contact rechnet zudem damit, dass weniger Drogen im Umlauf sein werden: «Sind Drogen knapp, werden sie eher gestreckt, und das kann fatale gesundheitliche Folgen haben – im schlimmsten Fall den Tod durch Überdosis.»

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