Reformierte Kirche bald arbeitslos
Die Zahl der kirchlichen Handlungen (Kasualien) hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Es wird weniger getauft, kirchlich geheiratet oder bestattet.
Der Kirche geht die Arbeit aus: Seit 1970 haben die Taufen in den reformierten Kirchen der Schweiz um 45 Prozent abgenommen. Bei den Konfirmationen lag die Abnahme bei 34 Prozent, bei den Hochzeiten waren es 66, bei den Bestattungen 9 Prozent.
Gravierende Veränderungen
Eine Studie des Zürcher Sozialpsychologen Charles Landert kommt zum Schluss, dass den reformierten Kantonal-Kirchen angesichts dieser Entwicklung «gravierende Veränderungen» bevorstehen. Die Nutzung der Kasualien nehme im Verhältnis zur allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung überproportional ab.
Distanzierung bei den Jungen
Laut Landert hat die innere Distanzierung von der Kirche vor allem bei der jüngeren Generation zugenommen. Dies heisse, dass bei der nun heranwachsenden Generation die Distanz zur Kirche und die Austrittsbereitschaft grösser sein dürfte als bei ihrer Elterngeneration. Bei der jüngeren Bevölkerung greife die Meinung um sich: «Es geht auch ohne Kirche.»
Druck ist nicht da
Ulrich Frei, Verlagsleiter der «Reformierten Presse», der Wochenzeitung der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschen Schweiz, nimmt die Ergebnisse der Studie ernst. Grund für eine Dramatisierung sieht er aber nicht. Es sei heute eben nicht mehr selbstverständlich, Mitglied der Kirche zu sein. Es gebe «nicht den sanftesten Druck» dafür.
Fachleute haben die Studie bereits begutachtet und Schlüsse gezogen. Der Basler Theologieprofessor Albrecht Grözinger wies darauf hin, die Kirche müsse auf die Qualität der Kasual-Handlungen achten.
Botschaft wichtiger als Rituale
Die Genfer Kirchenhistorikerin Irena Backus relativiert die Tragweite der Entwicklung damit, dass das Wesentliche am Christentum nicht seine Ritualien und Praktiken seien, sondern die Verkündigung.
Die Herausforderung bestehe darin, die Botschaft des Evangeliums «für die heutige Welt verständlich und relevant wiederzugeben».
Erneuerung nötig
Es gibt aber auch Stimmen, die in die andere Richtung gehen. Die Genfer Pfarrerin Isabelle Graesslé glaubt, «dass unsere Tradition früher oder später dem Untergang geweiht ist, wenn sich nicht bald eine der Reformation vergleichbare Bewegung bemerkbar macht». Diesen Wunsch stelle sie bei Laien und Amtsträgern fest.
swissinfo und Agenturen
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