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Lawinen, die grosse Gefahr der Schweizer Alpen

Retter bei einem Lawinenkurs im Skigebiet von Les Diablerets, Kanton Waadt, im Dezember 2019. Keystone / Jean-christophe Bott

Die Schweiz schaut zurück auf eine lange Tradition im Lawinenschutz. Sie war das erste Land, das ein zweimal täglich erscheinendes Lawinenbulletin herausgab. Inwieweit ist es heute möglich, die weisse Gefahr vorherzusagen?

Dieser Inhalt wurde am 21. Dezember 2020 - 14:04 publiziert

Seit dem 19. Jahrhundert ziehen die Schweizer Alpen Touristinnen und Touristen aus aller Welt in ihren Bann. Dieses Jahr allerdings bereitet sich die Wintersport-Branche auf etwas andere Festtage vor. Skigebiete, Hotels und Gastrobetriebe sind zu oder wurden ermahnt, strenge Schutzkonzepte einzuführen, um die Verbreitung des Coronavirus zu verhindern.

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Trotz dieser aussergewöhnlichen Bedrohungslage sollte die wichtigste Naturgefahr nicht vergessen werden, die in den Schweizer Bergen droht: Lawinen. Wegen des Klimawandels werden in Bergregionen im Winter mehr Niederschläge oberhalb der Schneefallgrenze erwartet. Laut der nationalen Plattform "Naturgefahren"Externer Link wird es deshalb zu einer verstärkten Lawinenaktivität kommen.

Wie entsteht eine Lawine?

Verschiedene Faktoren beeinflussen die Stabilität der Schneedecke: starke Schneefälle, Regen, Wind, Temperaturschwankungen und die Hangneigung. Verändert sich das Gleichgewicht, beginnen die Schneemassen ins Tal zu rutschen und lösen eine Lawine aus. Bereits das Gewicht einer Skifahrerin oder eines Skifahrers kann ausreichen, um eine Lawine auszulösen.

>> Der folgende Film zeigt Aufnahmen von Lawinen in der Schweiz, die während einer aussergewöhnlichen Periode im Januar 2018 die Alpenregionen heimsuchten:

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Seit wann gibt es Lawinenforschung in der Schweiz?

Die erste Institution zur systematischen Erforschung der Lawinen in der Schweiz wurde 1931 gegründet. Dieser Lawinenwarndienst entstand dank der Impulse, die von Vertretern des Wintertourismus, der Transportunternehmen und der Wasserkraftwerke ausgingen, wie es auf der Website des Instituts für Schnee- und LawinenforschungExterner Link (SLF) heisst.

1940 richtete das Militär einen Lawinenwarndienst mit Beobachtungsstationen an verschiedenen Orten in der Schweiz ein. Die Beteiligung der Armeeverantwortlichen war kein Zufall: Ein Jahr zuvor hatte eine Lawine oberhalb der Lenk im Kanton Bern eine ganze Kompanie Soldaten mitgerissen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im Herbst 1945, ging dieser Lawinenwarndienst schliesslich im neu gegründeten SLF auf, das heute Teil der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft ist. 2018 wurde das Lawinengefahren-Management der Schweiz und Österreichs in die Liste des immateriellen Welterbes der UnescoExterner Link aufgenommen.

Kann eine Lawine vorhergesagt werden?

"Momentan können wir nicht im Detail vorhersagen, wo und wann sich eine Lawine lösen wird. Wir können nur den Zeitrahmen angeben, während dem Lawinen in einer bestimmten Region auftreten können", sagt Thomas Stucki, Leiter der Gruppe "Lawinen und Prävention" am SLF. Er ist zudem Koordinator des European Avalanche Warning Service (EAWS).

Seit seiner Gründung publiziert das Institut mit Sitz in Davos ein Lawinenbulletin, das am 21. Dezember 2020 sein 75-Jahr-JubiläumExterner Link feiert. Während es früher einmal wöchentlich über Radio und Zeitungen verbreitet wurde, erscheint es heute während der Wintermonate zweimal täglich.

Die Informationen sind auch auf dem Smartphone erhältlich und schliessen die gesamten Schweizer Alpen, Liechtenstein und den Jura mit ein. "Unser Lawinenbulletin ist mit jenen anderer Alpenländer vergleichbar. Aber während langer Zeit war die Schweiz das einzige Land, das ein solches zweimal täglich publizierte", sagt Stucki.

Wie funktioniert das Lawinenpräventions-System?

In der Schweiz gibt es über 500 Kilometer Lawinenverbauungen – beispielsweise Gitternetze aus Metall – und viele Waldaufforstungen, um Dörfer, Infrastruktur und Kommunikationswege zu schützen. Die Schweizer Alpen sind auch dichter besiedelt als andere Gebirgsregionen.

"Trotz der Zunahme der Besucherzahlen ist die Zahl der Todesfälle stabil geblieben."

Thomas Stucki, Institut SLF

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Darüber hinaus stützt sich das Lawinenpräventions-System auf 193 automatisierte Messstationen und ein umfangreiches Netzwerk von Beobachterinnen und Beobachtern: Etwa 200 speziell ausgebildete Personen prüfen in der gesamten Schweiz, ob Neuschnee gefallen ist, und sammeln Daten, die sie an die Zentrale senden.

"Auch andere Länder haben Beobachter-Netzwerke, aber die Dichte unseres Netzwerks und das Niveau der Ausbildung und des Fachwissens ist einzigartig", sagte Gian Darms, Lawinenprognostiker am SLF, 2018 gegenüber swissinfo.ch.

Expertinnen und Experten am SLF werten die gelieferten Daten aus. Mit Hilfe von numerischen Modellen der Wetter- und Schneedecken-Bedingungen erstellen sie schliesslich ein Lawinenbulletin.

Um den Gefahrengrad in einer Region zu bestimmen, stützen sie sich auf eine fünfstufige europäische Skala. Dieses Instrument sei vermutlich "das wichtigste Ergebnis der europäischen Zusammenarbeit", betont Stucki.

Wie entwickelte sich die Zahl der Lawinenopfer in der Schweiz?

Seit 1936 haben ungefähr 2000 Menschen in der Schweiz ihr Leben in einer Lawine verloren. Im gesamten europäischen Alpenbogen würden durchschnittlich pro Jahr etwa 100 Tote gezählt, schreibt das SLF.

Während der letzten 20 Jahre verunfallten über 90 Prozent aller Lawinenopfer ausserhalb von markierten Pisten. Besonders hoch ist die Zahl der Lawinentoten in den Kantonen Wallis und Graubünden.

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Wie die Grafik zeigt, hat sich die Zahl der Lawinenopfer trotz aller Präventionsmassnahmen im Lauf der Zeit nicht verringert. Wie lässt sich das erklären? "Heutzutage gehen viel mehr Menschen in die Berge", sagt Stucki.

"Ausserdem beschränken sich die Skiaktivitäten nicht mehr nur auf den Jahresanfang, sondern finden während der gesamten Wintersaison statt. Wir können deshalb sagen, dass die Zahl der Todesfälle trotz der Zunahme der Besucherzahlen stabil geblieben ist."

Welche Tipps gibt’s für Berggängerinnen und Berggänger?

Laut dem SLF werden die meisten Lawinen von den Opfern selbst oder von jemandem aus ihrer Gruppe ausgelöst. Deshalb sei es wichtig, einen Lawinenkurs zu besuchen, um die Lawinengefahr selbständig einschätzen zu können, betont Stucki. Nebst einer guten Vorbereitung und Ausrüstung sei ganz wichtig, so der Experte, dass man nie allein in die Berge gehe.

(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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