Mit Kampfdrohnen und Soldaten gegen Bandengewalt in Haiti
Eine erweiterte internationale Militärmission bereitet ihren Einsatz in Haiti vor. Können strengere Sicherheitsmassnahmen endlich den Teufelskreis durchbrechen? Die Bandengewalt in Haiti hat sich verschärft, gerade als Geberländer wie die Schweiz ihre Hilfsgelder gekürzt haben.
Jedes Mal, wenn Diego Da Rin die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince besucht, sieht er die neusten Spuren der Bandenkriege in der Stadt: frisch gesprengte Gebäude und zerstörte Strassen.
«Man sieht die Folgen intensiver Zusammenstösse zwischen Banden und Sicherheitskräften», sagt der Haiti-Experte des Thinktanks International Crisis Group. «Die Banden haben Barrikaden errichtet, um den Zugang zu den von ihnen kontrollierten Stadtvierteln vollständig zu blockieren.»
Für die Polizei sind dies No-Go-Zonen, in denen bewaffnete Männer in Gräben um verlassene Gebäude herum oder auf Aussichtspunkten auf Beute lauern. Viele der mehr als 1,4 Millionen Einwohner:innen fliehen, um Entführungen, Vergewaltigungen und Morden zu entgehen.
Seit Jahren befindet sich Haiti, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, in einer komplexen Krise aus Bandengewalt, politischer Instabilität und wirtschaftlichem Kollaps. Bewaffnete Gruppen kontrollieren den grössten Teil der Hauptstadt und dringen in die benachbarten Regionen Artibonite und Centre vor.
Nach Angaben der UNO benötigen allein in diesem Jahr über vier Millionen Haitianer:innen 880 Millionen Dollar für Nahrungsmittel, Wasser und Unterkünfte. Die Hilfe schwindet jedoch. Die Geber kamen nur auf ein Viertel der 908 Millionen Dollar, die die UNO im letzten Jahr für Haiti beantragt hatte, da viele reiche Länder ihre Hilfsbudgets gekürzt haben.
Obwohl die Schweiz eine der grössten Geberinnen der UNO ist, stellt sie nur bescheidene acht Millionen Franken für ihr eigenes humanitäres Büro in Haiti zur Verfügung – weniger als die HälfteExterner Link des bisherigen Jahresdurchschnitts von 17,6 Millionen Dollar für Entwicklungs- und humanitäre Hilfe.
Diese Kürzung erfolgte, nachdem die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) Ende 2023 ihre bilaterale Entwicklungszusammenarbeit in Haiti im Rahmen eines umfassenderen Rückzugs aus Lateinamerika eingestellt hatte. Helvetas gehörte zu den NGOs, die infolgedessen einige ihrer langfristigen, von der Schweiz finanzierten Projekte nicht zu Ende führen konnten.
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«Wir Schweizer sind für unsere Qualität bekannt», sagt Esther Belliger, Regionalkoordinatorin der Hilfsorganisation für Lateinamerika und die Karibik. Länder mit einem fragilen Kontext wie Haiti bräuchten ein langfristiges Engagement, um eine dauerhafte Wirkung zu erzielen. Stattdessen sei Haiti eine «vergessene Krise und eine vernachlässigte, isolierte Insel», die angesichts der Katastrophen anderswo kaum Beachtung finde, so Belliger.
Der grösste Schlag kam von Haitis wichtigstem Geldgeber, den USA, die im Januar 2025 ihre Agentur USAID aufgelöst haben: Rund 80%Externer Link der von den USA finanzierten Programme auf der Insel wurden eingestellt. Stattdessen konzentriert sich die Trump-Regierung darauf, Haiti in Sicherheitsfragen zu helfen – eine Strategie, die für Hilfsorganisationen sowohl Risiken als auch potenzielle Vorteile mit sich bringt.
«Wir definieren [Stabilität] als erstens: keinen Zusammenbruch des Staates und zweitens: keine massenhafte illegale Migration an die Küsten der USA», erklärte Henry Wooster, US-Botschafter in Haiti, im Februar vor einem Kongressausschuss. «Alles, was wir tun […], ist auf dieses eine Ziel ausgerichtet.»
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Drohnen als Bedrohung für Zivilist:innen und humanitäre Helfer:innen
Die USA unterstützen den Interimspräsidenten des Landes, Premierminister Alix Didier Fils-Aimé, der eine nationale Sicherheits-Taskforce leitet. Im März 2025 begann die Taskforce mit dem Einsatz von Drohnen und rund 100 ausländischen Auftragnehmern, die von Vectus Global bereitgestellt wurden.
Das private US-Militärunternehmen wurde von Erik Prince gegründet, dem ehemaligen Chef der inzwischen aufgelösten Söldnerfirma Blackwater. Diese sorgte für Kontroversen, insbesondere wegen der Tötung von 14 ZivilpersonenExterner Link im Irak im Jahr 2007.
Nach Jahren erzielen die Sicherheitskräfte nun Erfolge im Kampf gegen die Banden: Der Einsatz unbemannter Drohnen, so Da Rin, habe es ihnen ermöglicht, «innerhalb von Hochburgen zuzuschlagen», die sonst undurchdringlich gewesen wären.
Dies könnte entscheidend sein, wenn die Wahlen, die seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moїse im Jahr 2021 verschoben wurden, in diesem Jahr stattfinden sollen. Bei der Bekämpfung der Bandenkriminalität kommen jedoch auch Unschuldige ins Kreuzfeuer: Im vergangenen September haben Drohnenpiloten Zivilist:innen getötet, darunter acht KinderExterner Link im vergangenen September.
Zudem stellen sie eine Gefahr für Hilfsorganisationen dar: Im November traf eine Drohne eine Klinik von Ärzte ohne Grenzen (MSF). Zwei Monate später wurde ein ehemaliger Freiwilliger am selben Ort im Kreuzfeuer zwischen Banden und Sicherheitskräften getötet. «Dies ist ein von Banden kontrolliertes Gebiet, in dem wir zufällig der einzige Akteur sind, der medizinische Versorgung anbietet», sagt Diana Manilla-Arroyo, Leiterin der MSF-Mission in Haiti. «Wenn wir nicht da sind, wird es niemand anderes sein.»
«Eine katastrophale Finanzierungslücke»
Unter solchen Bedingungen Hilfe zu leisten ist schwierig. Nur wenige Verkehrsflugzeuge dürfen mittlerweile in Haiti landen, nachdem mehrere Jets von Bodenfeuer getroffen wurden, sagt Da Rin. In Port-au-Prince sind die Strassen blockiert oder beschädigt, und Banden erpressen Wegezölle entlang wichtiger Zufahrtswege. Geber wie die Schweiz sind daher stark auf lokale Gruppen angewiesen, um die bedürftige Bevölkerung zu erreichen.
Die Schweizer Hilfsorganisation Helvetas versorgt unter anderem 550 Haushalte von Binnenflüchtlingen im Süden des Landes mit Bargeld und Vieh, unterstützt von der Stadt Zürich. Doch die meisten Hilfsorganisationen haben Schwierigkeiten, für dringende Bedürfnisse wie diese oder für längerfristige Entwicklungsziele Finanzmittel zu erhalten, sagt Belliger: «Haiti steht vor einer katastrophalen Finanzierungslücke.»
Die Aussichten verschlechterten sich nach der Schliessung von USAID, als weniger Geld für grosse Organisationen wie UNICEF und kleine gemeinnützige Organisationen zur Verfügung stand, sagt sie. Der Mangel ist besonders deutlich in den Bereichen Bildung und Gesundheit, die zuvor stark von den USA finanziert wurden.
Laut MSF sind alle öffentlichen Krankenhäuser mit Operationskapazitäten in Port-au-Prince bis auf eines geschlossen. Der eigene Rettungsdienst wurde vor einem Jahr eingestellt, nachdem Konvois, die Patient:innen transportierten, wiederholt von den Strafverfolgungsbehörden angegriffen wurden, weil Hospitalisierte verdächtigt wurden, Gangmitglieder zu sein.
«Das ist ein Kompromiss, den wir eingehen mussten, weil die Sicherheit der Patient:innen und Mitarbeitenden nicht gewährleistet werden kann», sagt Manilla-Arroyo und fügt hinzu, dass die Hilfsorganisation im Dialog mit den Behörden steht, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten. «Die Lücken im Gesundheitswesen sind enorm.»
Reaktion auf eine vielschichtige Krise
MSF hat eine Zunahme von Vergewaltigungen verzeichnet. «Es ist offensichtlich, dass die Banden sexuelle Gewalt einsetzen, um die Bevölkerung zu unterwerfen und zu kontrollieren», sagt Manilla-Arroyo. Als Reaktion darauf hat die Schweiz Programme in Port-au-Prince und im Süden Haitis ins Leben gerufen, mit denen sie Hilfe für rund 10’000 Überlebende von Bandengewalt, insbesondere Frauen und Mädchen, plant.
Angesichts der vielschichtigen Krise wird die Schweiz ihre humanitäre Arbeit in Haiti in den kommenden Jahren fortsetzen und sich dabei mit anderen Gebern abstimmen, um den Bedarf so effizient wie möglich zu decken, erklärt ein Sprecher des Schweizer Aussenministeriums gegenüber Swissinfo. Der Mangel an Finanzmitteln «ist in Haiti ebenso Realität wie in vielen anderen humanitären Kontexten».
Eine neue Truppe zur Bekämpfung von Banden
Ob Haiti die Krise überwinden kann, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen. Eine vom UNO-Sicherheitsrat im Herbst genehmigte, von den USA unterstützte internationale Militärmission soll bereits im April erstmals zum Einsatz kommen, voraussichtlich mit Soldaten aus dem Tschad und Sri Lanka.
Die Gang Suppression Force (GSF) wird eine kleine, unterfinanzierte Sicherheitsmission unter kenianischer Führung durch ein grösseres Kontingent von 5500 Soldaten und ein offensiveres Mandat zur Bekämpfung der Banden ersetzen. Dennoch bleibt abzuwarten, ob die Mission die Situation stabilisieren kann.
«Wenn die neue Truppe aus gut ausgebildetem und ausgerüstetem Personal besteht, könnte sie das Kräfteverhältnis vor Ort wirklich verändern», sagt Da Rin. Die UNO verwaltet einen TreuhandfondsExterner Link für die Militärmission, für den in den letzten Monaten Zusagen aus Kanada, Mexiko, Frankreich, Österreich, Deutschland und Katar eingegangen sind. Die Schweiz hat laut Angaben des Aussenministeriums keine Pläne, die GSF finanziell oder materiell zu unterstützen.
Die Oberhand über die Banden zu gewinnen, wäre ein bedeutender Durchbruch für die haitianischen Behörden, sagt Da Rin, aber Gewalt allein werde die Probleme des Landes nicht lösen.
Um heikle Fragen anzugehen, wie beispielsweise die von Banden zwangsrekrutierten Kinder, sei ein Dialog erforderlich. Der Analyst der Crisis Group ist skeptisch, dass diese Probleme vor den Wahlen im August gelöst werden können. «Es erscheint unrealistisch, in den nächsten fünf Monaten sichere Wahlen abzuhalten und die Kontrolle über die Hauptstadt und den Departements Artibonite und Centre zurückzugewinnen.»
Editiert von Tony Barrett/vm. Übertragung aus dem Englischen mithilfe von Deepl: Giannis Mavris
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