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Das Hoflädeli – warum dieser Verkaufskanal in der Schweiz funktioniert

Ein Schild in Form eines Häuschens macht auf landwirtschaftliche Produkte aufmerksam
Besonders in alpinen Gegenden setzen sehr viele Betriebe auf den Direktverkauf ab Hof. Branko de Lang / Keystone

In kaum einem anderen Land sind Hofläden so dicht verbreitet wie in der Schweiz – als Mischung aus Selbstbedienung, Hightech-Automaten und Vertrauenskasse. Sie sind ein Produkt kurzer Distanzen, hoher Kaufkraft und eines gegenseitigen Vertrauens.

Die Schweizer Landwirtschaft gilt in der internationalen Wahrnehmung oft als Inbegriff zeitloser Tradition. Doch hinter dieser Idylle vollzieht sich ein tiefgreifender Strukturwandel.

Während weltweit Grosshändler die Märkte dominieren, setzen Schweizer Bäuerinnen und Bauern zunehmend auf die Direktvermarktung: Laut Angaben des Bundesamts für StatistikExterner Link (BFS) verkaufte 2023 bereits jeder fünfte Betrieb einen Teil seiner Produkte direkt ab Hof.

In diesem Video fasst meine Kollegin Alexandra Gföhler die wichtigsten Fakten des Artikels zusammen (Dialekt):

Dieser Trend ist weniger ein Ausdruck von Nostalgie als eine ökonomische Anpassungsstrategie in einem Markt, in dem Landwirtinnen und Landwirte gemäss dem Landwirtschaftlichen InformationsdienstExterner Link oft nur noch 30 Rappen von jedem im Detailhandel ausgegebenen Franken erhalten, gegenüber 45 Rappen im Jahr 1990.

Um wirtschaftlich zu bestehen, entwickeln sich Schweizer Landwirtschaftsbetriebe zu hybriden Unternehmen, die digitale Logistik mit traditionellen Vertrauensmodellen verbinden.

Ein Holzanhänger, auf dem landwirtschaftliche Waren zum Verkauf ausgelegt sind, daneben ein kleines Kässeli
Das Kässeli bei der Selbstbedienung am Hof zeugt von einem hohen Mass an Vertrauen in die Kundschaft. Institut für Soziologie / Universität Bern

Die Wette auf die Ehrlichkeit der Kundschaft

Ein zentrales Merkmal der Schweizer Direktvermarktung ist das hohe Vertrauen zwischen den produzierenden Betrieben und ihrer Kundschaft.

Denn die meisten Hoflädeli sind nicht bedient. Die Kundinnen und Kunden zahlen den selbst ausgerechneten Gesamtbetrag für die gekauften Produkte also unbeobachtet in eine Kasse ein.

Trotz fehlender Überwachung in den meisten Hofläden werden laut einer Studie der Universität BernExterner Link in Schweizer Hofläden 95 Prozent der Waren korrekt bezahlt. Gestohlen werden eher teurere Produkte wie Honig oder Käse.

Je näher ein Hofladen beim Hof oder bei anderen Häusern liegt, desto geringer ist die Chance, dass es zu Diebstählen kommt, so die Studie. Wird ein Verkaufslokal per Video überwacht, steigt die Zahlungsmoral um knapp fünf Prozent.

Doch die meisten Hoflädeli basieren weiterhin auf einem impliziten Gesellschaftsvertrag, der im internationalen Vergleich auffällt.

«Hofläden ohne Verkaufspersonal sind in der Schweiz eine Erfolgstory. Sie weisen eine viel höhere Zahlungsmoral auf als beispielsweise Zeitungsboxen in Österreich oder Blumen zum selber Schneiden in Deutschland», werden die drei Autoren der Studie im St. Galler Tagblatt zitiertExterner Link.

Der Bio-Landbau trieb die Entwicklung voran

Ein Treiber des Verkaufs ab Hof in der Schweiz sind die Biohöfe. So zeigen Daten der Schweizer AgrarforschungExterner Link, dass ökologisch produzierende Betriebe beispielsweise im Kanton Bern deutlich häufiger auf den direkten Absatzweg setzen als konventionelle Bauernbetriebe.

Demnach betreiben in bestimmten alpinen Gebieten des Kantons 98 Prozent der Biobetriebe Direktvermarktung, während es bei nicht-biologischen Betrieben in derselben Zone lediglich sieben Prozent sind. Direktvermarktung kann allerdings auch andere Vertriebsformen umfassen, wie etwa Gemüsekisten-Lieferungen.

Schilder mit Hinweisen der Öffnungszeiten des Verkaufs auf einem Biohof, der Produkte ab Hof verkauft
Viele kaufen ihr Gemüse und Obst bewusst bei einem Biohof. Leandre Duggan / Keystone

Diese grosse Differenz hängt mit der erforderlichen Wertschöpfung zusammen: Bio-Betriebe nutzen den direkten Kontakt zur Kundschaft, um ihre höheren Produktionskosten ohne Zwischenhandel besser kompensieren zu können. Umgekehrt ist die Bio-Kundschaft auch affiner für lokale Produkte und transparente Produktion.

Auch für die Betrieb spielt die Beziehung zur Kundschaft eine grössere Rolle, weil sie mit dem Direktverkauf ihre Produktionsgeschichte vermitteln und monetarisieren können.

Digitale Revolution im Hofladen

In letzter Zeit, auch befeuert durch die Coronavirus-Pandemie und dem einhergehenden Trend zum bargeldlosen Zahlen, setzen immer mehr Betriebe beim Direktverkauf auf elektronische BezahlmöglichkeitenExterner Link.

In abgelegenen Regionen wird diese Technologie zusätzlich zu einem Instrument, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern: Wo klassische Dorfläden wegen hohen Fixkosten schliessen mussten, ermöglichen automatisierte Zugangssysteme und Self-Checkout-Kassen eine Grundversorgung rund um die Uhr – bei minimalem Personaleinsatz.

Über digitale Plattformen erfahren Kundinnen und Kunden heute per Push-Nachricht in Echtzeit, welche saisonalen Produkte verfügbar sind, etwa die ersten Kirschen. Der Hofladen wird so vom statischen Verkaufsort zu einem interaktiven Bestandteil der digitalen Infrastruktur des ländlichen Raums.

Das digitale Konzept kommt auch jüngeren, gutverdienenden Personen zupass, für die Verfügbarkeit und Flexibilität wichtiger sind als der niedrigste Preis.

Für diese Gruppe sind 24-Stunden-Automaten und auf Apps basierte Bestellsysteme keine Spielerei, sondern eine Voraussetzung, um lokale Produkte in ihren Alltag zu integrieren.

Nicht von ungefähr ist deshalb in den letzten Jahren eine weitere Entwicklung zu beobachten: Der Hofladen kommt in die Städte. Immer mehr Landwirtinnen und Landwirte bieten inzwischen ihre Produkte auch in Ladenlokalen an stärker frequentierten Standorten an.

Gemüse und Obst in Holzbehältern in einem Hofladen
Einige Hofläden sind unterdessen kaum mehr von der Gemüse- und Obstabteilung eines Detailhändlers zu unterscheiden. Ausser dem Umstand, dass sie nur saisonale Produkte anbieten. Christian Beutler / Keystone

Für viele Betriebe rechnet es sich kaum

Die weitverbreitete Vorstellung aber, dass die Direktvermarktung der einfache Weg zu höheren Gewinnen sei, gilt allerdings nur bedingt.

Fachleute weisen darauf hin, dass dieser Betriebszweig sehr arbeitsintensiv istExterner Link. Landwirtinnen und Landwirte müssen zusätzlich Aufgaben in den Bereichen Logistik, Marketing und IT übernehmen.

 «Wer hauptsächlich von der Direktvermarktung leben will, muss seinen Betrieb voll darauf ausrichten und hochprofessionell ans Werk gehen», schreibt der Schweizer BauernverbandExterner Link.

Gemüse in Plastikkisten, aufgestellt zum Verkauf auf einem Hof
Der Aufwand für den Betrieb eines Hofladens ist nicht zu unterschätzen. Jean-Christophe Bott / Keystone

Regulatorische Hürden

Kommt dazu, dass Hofläden oft auch an planerische und regulatorische Grenzen stossen, gibt der Verein Faire Märkte Schweiz zu bedenkenExterner Link.

So dürfen Bäuerinnen und Bauern ihr Getreide zwar zu Mehl verarbeiten, das Backen von Brot für den Hofladen wird hingegen als gewerbliche Tätigkeit eingestuft, die in der Landwirtschaftszone rechtlich problematisch sein kann.

Solche Hürden beschäftigen derzeit auch die Politik: Im Parlament wurde darüber diskutiert, die Direktvermarktung rechtlich zu stärken sowie Bürokratie und Administration für Hofläden abzubauen. Entsprechende Vorstösse fanden aber keine MehrheitExterner Link.

Ob das Schweizer Konzept des Hofladens langfristig Erfolg haben wird, entscheidet sich deshalb nicht allein an der Kasse – sondern daran, ob es gelingt, Vertrauen, Technologie und rechtliche Rahmenbedingungen in ein dauerhaft tragfähiges Gleichgewicht zu bringen.

Editiert von Balz Rigendinger

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