Mit dem Zug für 250 Franken in einem Tag nach Dänemark – lohnt sich das?
Nachdem das Schweizer Parlament die Bundesmittel für einen Nachtzug Basel–Malmö gestrichen hat, habe ich mit meiner Tochter eine vergleichbare Strecke getestet. Auf der eintägigen Reise erlebten wir die Vor- und Nachteile sowie neue Möglichkeiten dieser Alternative zum Fliegen erlebt.
Es ist halb acht Uhr abends, meine Tochter und ich steigen in Zürich in den ÖBB Nightjet ein. Meine Tochter ist aufgeregt. Für sie bedeutet ein Nachtzug Abenteuer pur. Für mich ist er eine ökologische Alternative zum Fliegen. Ein Flug wäre zwar schneller, aber eine Zugreise verursacht weniger Emissionen. Und die längere Reisezeit am Boden kann ich getrost verschlafen.
Gebucht habe ich die Tickets zwei Tage zuvor. 199 Euro für zwei Plätze Zürich–Hamburg in einem gemischten Liegewagenabteil für vier Personen – kein Luxus, aber wir haben immerhin Betten.
Das Abteil ist schmal. Die oberen Etagenbetten lassen sich von der Wand herunterklappen. Von Zürich nach Basel sind wir noch unter uns, womit wir ungestört unser Gepäck einräumen und in unsere Pyjamas schlüpfen können.
In Basel stossen dann Géraldine und Vincent aus Lausanne zu uns, die einen einwöchigen Urlaub antreten.
«Wir wollen den Nachtzug als Erlebnis ausprobieren», meint Vincent. «Aus ökologischer Sicht erscheint es uns absurd, für nur eine Woche zu fliegen, wenn es eine machbare Zuglösung gibt.»
Géraldine und Vincent werden mit uns nach Hamburg fahren, wo wir in den Zug nach Dänemark umsteigen werden. Unser Ziel ist Struer, ihres Kopenhagen.
«Es macht uns nichts aus, umzusteigen», findet Géraldine, «aber hätte es einen direkten Zug gegeben, hätten wir ihn natürlich genommen. Das wäre einfacher gewesen.» Ein direkter Zug war geplant – eine Verbindung direkt von Basel nach Malmö in Schweden, mit Halt in Kopenhagen. Doch Anfang dieses Jahres strich der Nationalrat die Subventionen für die Strecke, und die Pläne wurden begraben.
Meine Tochter und ich möchten erfahren, wie man ohne direkte Nachtverbindung mit dem Zug nach Skandinavien reist. Der Zug fährt pünktlich ab und gondelt durch den Abend. Wir spielen eine Partie Schach. Gegen 22:30 Uhr machen wir das Licht aus.
Eine Stunde Verspätung
Neun Stunden später, beim Frühstück (zwei Brötchen mit Konfitüre und Kaffee oder Tee). Ich frage ich unsere Mitreisenden, wie sie geschlafen haben.
«Ziemlich gut», sagt Géraldine. «Die Nacht war ganz ok. Ich würde das nochmal machen.»
Vincent nickt. «Man sollte keinen Luxus erwarten. Es ist einfach, aber gut. Eine positive Erfahrung.»
So weit, so gut. Aber dann schaue ich auf den Fahrplan. Wir sind gerade in Bremen vorbei und haben eine Stunde Verspätung.
Das heisst konkret, dass wir unsere Anschlüsse verpassen werden. Nach dem ursprünglichen Fahrplan des gestrichenen Nachtzugs Basel–Malmö wären wir bereits in Kopenhagen gewesen – 15 Minuten bevor unser Nightjet in Hamburg ankommen sollte.
Wir kommen knapp zwei Stunden später an und erfahren vom Bahnpersonal, dass alle Züge nach Dänemark wegen betrieblicher Probleme ausfallen und wir für die restliche Strecke einen Bus nehmen müssen.
Uns wird auch bestätigt, dass unser Zugticket für die Weiterfahrt gültig ist – worauf man sich in solchen Situationen nicht immer verlassen kann. Ein verpasster Anschluss kann auch mal dazu führen, dass man die Weiterfahrt neu buchen und bei verschiedenen nationalen Bahngesellschaften eine Rückerstattung beantragen muss.
Vom Nachtzug zum Bus
Leichter Schnee fällt, wir marschieren zum Bus. Ich frage Vincent, was er jetzt vom Zugfahren hält.
«Mir gefällts nach wie vor», meint er. «Bezeichnen wir das Ganze doch einfach als abenteuerlich – das perfekte Beispiel dafür, dass ein direkter Zug zwischen Basel und Kopenhagen interessant sein könnte.»
Anderthalb Stunden nach unserer Ankunft in Hamburg sitzen wir in einem Bus nach Dänemark. Vom Komfort her kommt der Bus nicht an den Zug heran. Der Bus ist voll und die Toilette verschlossen.
Mit 35 Minuten Verspätung erreichen wir die Stadt Fredericia. Wenn wir den nächsten Anschlusszug auch noch verpassen, kommen wir etwa vier Stunden später als geplant in Struer an. Wir verabschieden uns von Géraldine und Vincent und gehen langsam Richtung Tür, als sich unsere Haltestelle nähert. Wir steigen zügig aus und erreichen den Bahnsteig mit nur wenigen Minuten Verspätung, wir erwischen unseren Zug.
Um 17 Uhr kommen wir an unserem Ziel an. Ich fühle mich erleichtert und erschöpft zugleich. Ich bin zufrieden, dass wir die Reise geschafft haben, ohne zu fliegen. Mir ist aber voll bewusst, wie wackelig das Unterfangen war. Ein verpasster Anschluss hätte die ohnehin schon lange Reise um weitere Stunden verlängert.
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Zugfahren hat auch Nachteile
Die Entscheidung, den Zug Basel–Malmö zu streichen, wurde in Dänemark und in der gesamten skandinavischen Eisenbahnwelt mit Frustration aufgenommen. Einige Befürworter:innen der Verbindung bezeichneten die Streichung als «tragisch».
«Der Nachtzug zwischen Malmö und Basel hätte die Strecken im europäischen Norden deutlich aufgewertet und sich klar positiv auf die Umwelt ausgewirkt. Viele Menschen sparen sich gerne die Hotelübernachtung, wenn sie statt des Flugzeugs den Zug nehmen können», erklärt Jeppe Strandberg, Vorsitzender der Nordic Association Copenhagen, einer NGO, die die Zusammenarbeit und Mobilität zwischen den nordischen Ländern fördert.
SVP-Nationalrat Lars Guggisberg vertrag in der Sendung «Arena» des Schweizer Fernsehens den Standpunkt, eine solche Verbindung sei unnötig. Reisende könnten einen Nachtzug nach Hamburg nehmen und am nächsten Morgen mit einem anderen Zug weiterfahren – so wie wir.
Wie wir heute festgestellt haben, hängt jede Reise davon ab, dass mehrere Betreiber und Fahrpläne grenzüberschreitend reibungslos funktionieren.
Aufgrund von Gleisbauarbeiten in Deutschland gibt es an dem Tag, an dem wir zurückfahren wollen, keinen Nachtzug in die Schweiz. Stattdessen fahren wir um 06:00 Uhr ab und kommen 15 Stunden später um 21:00 Uhr in Fribourg an.
Die Rückfahrkarte kostete 140 Euro für uns beide. Zusammen mit den 199 Euro für die Fahrt nach Hamburg und 70 Euro für die Weiterfahrt nach Dänemark belaufen sich die Gesamtkosten für die Fahrt auf 400–450 Euro. Ein Hin- und Rückflug hätte ca. 250 Euro pro Person einschliesslich Handgepäck gekostet, insgesamt also etwa 500 Euro. Das wäre zwar für zwei Personen etwas teurer, aber wesentlich schneller gewesen.
Nun läuft aber auch beim Fliegen nicht alles reibungslos. Die Fluggesellschaften raten ihren Passagieren in der Regel, sich mindestens zwei Stunden vor dem Abflug am Flughafen einzufinden. Auch die Auslieferung des Gepäcks nach der Landung kann auf sich warten lassen. Und schliesslich sind Verspätungen und Annullierungen auch bei Flugreisen keine Seltenheit.
2025 kamen rund 82% der ÖBB-Fernverkehrszüge, einschliesslich der Nightjet-Züge, mit maximal fünf Minuten Verspätung auf den Fahrplan an. Zum Vergleich: Rund 71 % der europäischen Kurzstreckenflüge landen mit maximal 15 Minuten Verspätung auf den Flugplan.
Zwischen grösseren europäischen Flughäfen gibt es täglich mehrere Flüge, während bei der Bahn regelmässige Verbindungen zwischen Städten teilweise fehlen. Zudem müssen Bahnreisende mit der Ungewissheit von Verspätungen leben. Die ökologischere Reisevariante kann sich deshalb als unpraktisch und unbequem erweisen.
Anstatt wie Flugreisende vor Ort auf einen neuen Flug zu warten, kann es sein, dass Bahnreisende auf dem Weg zu ihrem Ziel von Bahnhof zu Bahnhof fahren und jedes Mal einen neuen Ticketschalter aufsuchen müssen.
Finanzielle Ungewissheit
Wenn bei einer Zugreise etwas schiefgeht, wird’s richtig kompliziert. Wer einen Flug bucht, schliesst einen einzigen geschützten Vertrag ab: Buchung, automatische Umbuchung, geregelte Fahrgastrechte. Bahnreisen über Grenzen hinweg funktionieren nicht auf die gleiche Weise.
In meinem Fall hatte ich den Nightjet und die Weiterfahrt bei verschiedenen Anbietern gebucht und erhielt daher nur eine Teilrückerstattung für die verspätete Strecke Zürich-Hamburg – 25 % des Gesamtpreises des Tickets –, obwohl die Störung die gesamte Reise betraf. Für den verpassten Anschlusszug ab Hamburg konnte ich keinen Anspruch geltend machen.
Umfragen in mehreren europäischen Ländern zeigen, dass die meisten Menschen bei attraktiven Preisen und zuverlässigen Anschlüssen durchaus Nachtzüge in Betracht ziehen würde. Viele Reisende wären bereit, fünf oder mehr Stunden im Zug zu verbringen, statt zu fliegen – und nicht wenige würden mehr Fernreisen mit der Bahn unternehmen, wenn die Buchung einfacher wäre. Während Europa im Luftverkehr über Jahrzehnte einen funktionierenden Binnenmarkt aufgebaut hat, bleiben die Nachtzugverbindungen weiter Flickwerk.
Das Nightjet-Netz verbindet Zürich, Basel und Wien mit Hamburg, Berlin, Amsterdam, Rom, Mailand und anderen europäischen Grossstädten. Die ÖBB befördern eigenen Angaben zufolge jährlich mehr als 1,5 Mio. Fahrgäste in Nachtzügen und haben eine hohe Auslastung ihres Nightjet-Netzes erreicht. Das Interesse der Kundschaft ist also offensichtlich da. Die Expansionsmöglichkeiten sind jedoch durch Infrastruktur, Rollmaterial und grenzüberschreitende Koordination begrenzt.
Editiert von Gabe Bullard/Veronica DeVore, Übertragung aus dem Englischen: Gerhard Lob/jg
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