Die steigenden Gesundheitskosten werden für die Schweiz zunehmend zur Last
30 Jahre nach der Einführung der obligatorischen Krankenversicherung in der Schweiz ächzt das System unter steigenden Kosten. Um dessen Zukunft zu sichern, stehen schwierige Entscheidungen an.
Seit seiner Einführung 1996 gewährleistet des Krankenversicherungs-Gesetzes (KVG) in der Schweiz eine hochwertige Gesundheitsversorgung. Es hat zu einer der höchsten Lebenserwartungen weltweit beigetragen. Doch steigende Kosten belasten das System und stellen dessen Solidaritätsprinzip auf die Probe.
Zwar kämpfen auch andere EU-Länder mit steigenden Gesundheitskosten. Die Schweiz steht aber vor ganz eigenen Herausforderungen – weil das Gesundheitssystem durch die Bevölkerung finanziert ist, und wegen der tragenden Rolle der Pharmaindustrie für die Wirtschaft.
«Wir dachten immer, wir könnten uns ein erstklassiges Gesundheitssystem leisten», sagt Helene Budliger Artieda, Staatssekretärin für Wirtschaft, im Januar bei einer Medienkonferenz. «Doch nun wird uns bewusst, dass wir vor einem Trilemma stehen.»
Verschiedene Ansprüche seien immer schwerer miteinander zu vereinbaren: Die Bezahlbarkeit für die Bevölkerung, der Zugang zu neuen Therapien und die Rentabilität der Pharmaindustrie
Das Gesundheitswesen ist teuer, selbst nach Schweizer Massstäben
Eine zentrale Herausforderung für die obligatorische Grundversicherung sind die steigenden Kosten. In vielen Ländern werden die Gesundheitssysteme über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge finanziert, wodurch Kostensteigerungen weniger sichtbar sind.
Das Schweizer System hingegen wird durch monatliche Prämien und die Kostenbeteiligung der Versicherten finanziert. Die Versicherungspflicht gilt für alle – wobei Bürger:innen, die in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen leben, staatliche Zuschüsse beantragen können.
«Wer eine gute Gesundheitsversorgung will, muss dafür bezahlen. Das ist ein Kompromiss», sagt Stefan Felder, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Basel. «Trotzdem müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass das Schweizer System einfach zu teuer ist. Es kann so nicht ewig weitergehen. Im Grundversicherungssystem ist zu viel enthalten.»
Im Jahr 2024 lagen die staatlichen Gesundheitsausgaben in der Schweiz bei rund 12% des BIPs. Das ist der vierthöchste Wert unter den Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Und die Kosten werden voraussichtlich weiter steigen. Das KOF Institut geht von einer Steigerung von durchschnittlich 3,9% zwischen 2024 und 2027Externer Link aus, gegenüber 3,1% im Zeitraum 2014 bis 2023.
Einige Expert:innen führen die steigenden Kosten auf die Zunahme chronischer Erkrankungen zurück, insbesondere bei älteren Menschen, sowie auf die übermässige Durchführung von Eingriffen wie Rücken-, Knie- und Hüftgelenkersatzoperationen. Die Schweiz und Deutschland verzeichnen eine hohe Zahl von Hüftgelenkersatzoperationen: Rund 350 Eingriffe gibt es in beiden Ländern pro 100‘000 Einwohner:innen jedes Jahr, was deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 191 liegt.
Manche Expert:innen kritisieren, der Nutzen dieser Operationen sei für die Patient:innen nicht so gross, dass eine Kostenübernahme durch die Krankenversicherung gerechtfertigt sei.
Doch auch neue Medikamente und Therapien wie Gentherapien und Biologika, deren Preise weit über denen herkömmlicher Arzneimittel liegen, treiben die Kosten in die Höhe. Klinische Tests, die früher 40’000 Franken kosteten, schlagen laut Thierry Mauvernay, Geschäftsführer des Schweizer Biotech-Unternehmens Debiopharm heute mit 400’000 Franken zu Buche.
Während Medikamente rund 22% des Budgets der Grundversicherung ausmachen – ein Prozentsatz, der sich in den letzten 20 Jahren nur geringfügig verändert hat –, haben sich die Gesamtkosten für erstattungsfähige Medikamente in den letzten zehn Jahren verdoppelt.
Wähler:innen lehnen Prämienobergrenzen ab
Die gestiegenen Kosten schlagen sich in den Versicherungsprämien nieder. Im Jahr 2024 beliefen sich die durchschnittlichen monatlichen Prämien für einen Erwachsenen auf 423 Franken, was etwa 7% des durchschnittlichen verfügbaren Einkommens entspricht – ein Anstieg gegenüber 4% im Jahr 2004, wie der Wissenschaftler Tobias Benjamin Müller von der Fachhochschule Bern vorrechnetExterner Link.
Laut dem Sorgenbarometer der UBS 2025Externer Link stehen die Prämien an erster Stelle der Sorgen der Schweizer Bevölkerung. Eine Studie der Universität FreiburgExterner Link wiederum ergab, dass jeder fünfte ältere Erwachsene aus finanziellen Gründen auf medizinische Versorgung verzichtet.
In einer Umfrage im Auftrag des Online-Vergleichsdiensts comparis.ch vom Jahr 2025 sagten 59% der Befragten, keine Probleme zu haben, die obligatorischen Krankenkassenprämien zu zahlen. Ein Drittel jedoch gab an, Prämienvergünstigungen zu beziehen.
Trotz des Unmuts über die hohen Prämien wurde die Prämien-Entlastungs-InitiativeExterner Link im Juni 2024 vom Stimmvolk abgelehnt. Sie wollte die Krankenkassenbeiträge bei 10% des Haushaltseinkommens deckeln.
Ausschlaggebend für das Scheitern war die Befürchtung, dass eine solche Änderung den Zugang zur Gesundheitsversorgung erschweren und deren Qualität beeinträchtigen würde.
Angesichts der angespannten finanziellen Lage hatte der Bundesrat bereits im Januar 2022 ein landesweites Massnahmenpaket zur Kostendämpfung verabschiedet.
Die zweite Phase umfasst 16 Massnahmen, die vom Parlament im März 2025 verabschiedet wurden. Zu den wichtigsten Änderungen gehört eine Neuregelung der Arzneimittelpreisgestaltung. Sie verpflichtet Hersteller, einen Teil ihrer Einnahmen an das Gesundheitssystem zurückzuzahlen, sobald der Umsatz einiger teurer Medikamente ein bestimmtes Volumen erreicht.
Zudem arbeitet der Bund mit Kantonen, Patientenverbänden, Ärzt:innen, Versicherern, Apotheken und Expert:innen an freiwilligen Kostensenkungsmassnahmen. Der Runde TischExterner Link, der im November 2024 von Bundesrätin Elisabeth Baume Schneider ins Leben gerufen wurde, strebt ab 2026 jährliche Einsparungen in Höhe von 300 Millionen Franken an.
Zu den Massnahmen gehören die Reduzierung von Vitamin-B12- und Hormontests bei Schilddrüsenproblemen, eine selektivere Durchführung von Schulteroperationen, eine höhere Nutzung von Generika und Nachahmerpräparate biologischer Arzneimittel sowie die Verlagerung von stationären Behandlungen in die ambulante Versorgung.
Im November 2024 segnete das Stimmvolk die Gesetzesänderung des KVGs zur einheitlichen Finanzierung der GesundheitsleistungenExterner Link ab. Ziel der Reform war es, die Aufteilung der Kosten zwischen Krankenkassen und Kantonen bei stationären und ambulanten Behandlungen zu vereinheitlichen, und damit die ambulanten Behandlungen zu fördern. Eine im Januar 2026 eingeführte neue AbrechnungsstrukturExterner Link zielt zudem darauf ab, bestimmte finanzielle Anreize für Ärzte zu beseitigen – wie beispielsweise die Mehrfachabrechnung von Behandlungen. Zudem soll die Abrechnung vereinfacht werden.
Der Bundesrat prüft derzeit die Festlegung von Kostenzielen im Gesundheitsbereich für den Zeitraum 2028–2031. Gleichzeitig plant erExterner Link, die jährliche Mindestfranchise von 300 auf 400 Franken zu erhöhen – die erste Erhöhung seit zwei Jahrzehnten.
Um die steigenden Kosten in den Griff zu bekommen, muss die Schweiz ein Gleichgewicht finden zwischen der Wahrung des Solidaritätsprinzips und der Aufforderung an die Bürger:innen, das System nicht unnötig in Anspruch zu nehmen.
«Das Schweizer Gesundheitssystem ist sehr schweizerisch. Es versucht, Kompromisse zu finden zwischen zwei unterschiedlichen Gesundheitsmodellen», sagt Samia Hurst-Majno, Ärztin und Bioethikerin an der Universität Genf und ehemalige stellvertretende Vorsitzende der Corona-Taskforce.
«Auf der einen Seite steht das Solidaritätsmodell, das auf einer flächendeckenden Versorgung für alle basiert, auf der anderen der Ansatz des privaten Markts, bei dem jeder Einzelne die Verantwortung für seine Ausgaben trägt.»
Der Trump-Faktor
In ihrer Gesamtstrategie muss die Schweiz eine weitere wichtige Gruppe berücksichtigen: die Pharmaunternehmen. Die Branche macht 40% der Schweizer Exporte aus und trug im Jahr 2022 laut Daten des Bundesamts für Statistik 10% zur Bruttowertschöpfung des Landes bei. Doch die Spannungen nehmen zu, da sich die Branche gegen staatliche Bemühungen zur Senkung der Arzneimittelpreise wehrt.
Roche, das umsatzstärkste Schweizer Pharmaunternehmen, schuf 2025 einen Präzedenzfall, indem es sein Krebsmedikament Lunsumio vom Schweizer Markt nahm, nachdem die Preisverhandlungen mit dem BAG gescheitert waren; der Zugang zu Lunsumio ist jedoch weiterhin über ein Sonderprogramm auf Kosten des Unternehmens möglich.
Was die Position des Bundesrats gegenüber den Pharmafirmen schwächt, ist die geringe Bevölkerungszahl der Schweiz von 9 Millionen. «Die Schweiz ist ein kleiner Markt», sagt Hurst-Majno. «Wenn wir einem Unternehmen mitteilen, dass wir seine Preise nicht akzeptieren, hat es relativ wenig Anreiz, seinen Preis zu senken, um den Zugang zu unserem Markt zu erhalten.»
Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr, die Einfuhrzölle auf Arzneimittel zu erhöhen und Pharmaunternehmen zu zwingen, ihre Investitionen in den USA zu steigern, hat auch den Druck auf das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erhöht, die Arzneimittelpreise anzuheben.
Die Pharmaindustrie stand 2025 weltweit vor erheblichen politischen Herausforderungen. Hier eine Zusammenfassung:
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Im Januar 2026 hat der Bundesrat die Gruppe «Lifesciences-Standort»Externer Link, eine hochrangige Arbeitsgruppe mit Vertreter:innen der Branche, ins Leben gerufen, der auch Führungskräfte von Roche und Novartis angehören. Bislang gab es keine offizielle öffentliche Stellungnahme zur Arbeit der Gruppe. Auf eine Anfrage von Swissinfo reagierte das BAG nicht. In der Gruppe sollen sich Politik und Branche abstimmen –– als Reaktion auf Trumps neue Politik.
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«Das Gesundheitssystem funktioniert gut. Die Menschen vertrauen auf die Qualität und Sicherheit der Versorgung und schätzen diese», sagte Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider im Oktober 2025 in einem Interview mit RTS.
«Die eigentliche Frage ist, wer wofür bezahlt. Das ist eine Diskussion, die wir im Parlament – so wie wir es auch bei wirtschaftlichen Massnahmen tun – und mit den Kantonen führen müssen», sagte sie. «Es wäre jedoch falsch zu behaupten, wir stünden kurz vor einer umfassenden Reform, denn niemand will die Sicherheit und die Qualität der Versorgung gefährden.»
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Editiert von Nerys Avery; Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/br
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