Die Zukunft des Internationalen Genf hängt von New York ab
Liebe Leserin, lieber Leser
diese Woche richten die Akteure des Internationalen Genf ihre Blicke auf New York, wo am Dienstag die Generaldebatte der UNO-Generalversammlung eröffnet wurde. Erneut treffen sich die 193 Mitgliedstaaten in einem spannungsgeladenen Klima, das insbesondere durch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sowie durch die Finanzkrise der UNO gekennzeichnet ist.
Haushalt, Reformplan, Nachfolge von Generalsekretär Antonio Guterres: Es stehen zahlreiche brisante Themen an – mit potenziell weitreichenden Auswirkungen auf Genf. Das europäische Büro der UNO wird oft als «Maschinenraum» des multilateralen Systems beschrieben. In dieser Funktion ist es von den politischen Entscheidungen am Hauptsitz in New York abhängig.
In den letzten Jahren hat das Internationale Genf stark unter dem Rückzug der USA gelitten, dem andere Länder – insbesondere europäische – folgten. Letzte Woche veröffentlichte die Schweiz ihre neuesten Statistiken, anhand derer sich die Auswirkungen der Haushaltskürzungen genauer beziffern lassen.
Seit der Rückkehr von Donald Trump wurden in den Genfer Organisationen mehr als 2’800 Stellen gestrichen, was etwa 11% der im Jahr 2024 erfassten 25’696 Arbeitsplätze entspricht. Der Rückgang ist erheblich, wenn auch «geringer» als befürchtet, wie das EDA feststellteExterner Link. In diesen Zahlen sind jedoch weder die NGOs enthalten, die ebenfalls unter den Kürzungen gelitten haben, noch die gestrichenen Stellen im Ausland, die von den Genfer Organisationen vorgenommen wurden.
Ein weiteres beunruhigendes Zeichen für eine Marginalisierung der UNO: Der chinesische Präsident Xi Jinping, der diese Woche zu einem Treffen mit seinem Amtskollegen in Washington auf amerikanischem Boden weilt, hat nicht vor, auf der marmornen Tribüne der Generalversammlung das Wort zu ergreifen. Man kann sich ausmalen, dass die Zukunft des Internationalen Genf zunehmend von der Unterstützung kleiner und mittlerer Mächte abhängen wird. Diese sind es auch, die in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren herrscht, am meisten zu verlieren haben.
Haben Sie Fragen zum Thema? Sie können mir wie immer schreiben auf dorianvalere.burkhalter@swissinfo.ch
Mit freundlichen Grüssen,
Dorian Burkhalter
P.S. Wenn Sie den Newsletter nützlich finden, können Sie ihn gerne an Interessierte weiterleiten – hier kann man ihn abonnieren.
Die neuesten Beiträge zu geopolitischen Themen
Mehr
Das «gute Land»: Wie die Schweiz mit ihrer Diplomatie zu einer besseren Welt beiträgt und was sie dadurch gewinnt
Mehr
Die Schweiz hat ein Blackout-Risiko wegen Solaranlagen
Mehr
Vor 80 Jahren: In Zürich legt Churchill einen Grundstein der europäischen Einigung
Mehr
Wie andere Standorte internationale Organisationen aus Genf abwerben wollen
Mehr
Von der Schweiz nach Chile: Indigene Gebeine nach Patagonien zurückgegeben
Hier geht es zu unserer Übersichtsseite zur Geopolitik.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch