Alice Rivaz – Feministin der ersten Stunde
Am 14. August wäre Alice Rivaz, die Grand Old Lady der Westschweizer Literatur, 100 Jahre alt geworden. Sie war bereits Feministin, als es den Begriff noch gar nicht gab.
Sie gilt als Feministin der ersten Stunde: Die 1998 verstorbene Alice Rivaz wäre am 14. August 100 Jahre alt geworden.
Am 14. August 1901 wurde Rivaz als Alice Golay in Rovray im Vallée de Joux geboren. Ihr Vater war der spätere Sozialistenführer Paul Golay. Das Einzelkind sog die Liebe zur sozialen Gerechtigkeit gleichsam mit der Muttermilch ein und verteilte bereits als Teenager Flugblätter.
Bei aller Weltoffenheit waren den Eltern aber die rebellisch-emanzipatorischen Vorstellungen, die die Tochter im Erstling «Wolken in der Hand» (1940) zum Ausdruck brachte, so peinlich, dass das Werk unter dem Pseudonym «Rivaz» erscheinen musste. Die streng religiöse Mutter versuchte überdies verzweifelt, einige «unmoralische Stellen» streichen zu lassen.
Arbeit verhindert Schreiben
Die spätere Autorin studierte zunächst Musik am Lausanner Konservatorium und schloss mit dem Klavierlehrerinnen-Diplom ab. Als sich der Traum von der Konzertkarriere wegen ihrer zu kleinen Hände zerschlug, nahm die 24-Jährige eine Stelle im Internationalen Arbeitsamt BIT in Genf an.
Während des Kriegs zog das BIT vorübergehend nach Kanada. Weil sie dadurch arbeitslos wurde, kam Rivaz zum Schreiben. «Wolken in der Hand» wurde unter anderen von Ramuz gefördert und geriet mit 12’000 verkauften Exemplaren gleich zum Bestseller. Es folgten «Wie Sand durch die Finger» (1946) und «Der Bienenfriede» (1947), bevor die Arbeit im BIT das Schreiben wiederum verunmöglichte.
Eine zweite Schaffensperiode folgte auf die frühzeitige Pensionierung 1959. In kurzen Abständen erschienen Erzählbände, Romane, Essays und Tagebücher. «Jette ton pain» («Schlaflose Nacht», 1979), die Geschichte einer Tochter, die die alte Mutter pflegt und dabei ihr Leben erinnert, gilt als Rivaz‘ Meisterwerk.
Ehrungen zu Lebzeiten und später
Alice Rivaz wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter waren zwei Schillerpreise, der Grosse Literaturpreis der Stadt Genf und der Grand Prix C.F. Ramuz.
Der Post war Alice Rivaz‘ Zentenarium diesen Frühling eine Sondermarke wert. Der Lenos Verlag bringt neu «Das Wellental» heraus. Und die grosse Wanderausstellung «Le temps d’Alice Rivaz» ist nach der Genfer Buchmesse und der Lausanner Kantonsbibliothek noch bis Ende Oktober im Musée du Vieux-Montreux zu Gast.
Renaissance
«Geschichten vom Glück im Konjunktiv und den Enttäuschungen im Indikativ» hat eine Rezensentin Rivaz‘ Werke einmal genannt. Das Misslingen von Liebe war ihr Generalthema. In «Wolken in der Hand» verlieben sich Alain und Fernand in die Pianistin Christiane, entscheiden sich aber trotzdem für ihre angestammten Partnerinnen.
In «Wie Sand durch die Finger», das wie schon die «Wolken» in der Arbeitswelt des BIT-Beamtentums spielt, wimmelt André seine Arbeitskollegin Hélène mit dem Vorwand ab, sie sei zu intelligent für ihn. Und in «Schlaflose Nacht» – auch dieses Werk deutlich autobiografisch geprägt – verhindert die Pflege der Mutter Liebesleben und Kunst.
Die Inkompatibilität von Mann und Frau verschulden bei all dem nicht nur die Männer mit ihrer Machtgier und Gleichgültigkeit, sondern auch die Frauen mit ihrer Gefallsucht und der Bereitschaft zur emotionalen Abhängigkeit. Das ist einer von vielen Aspekten, die Rivaz‘ Werke heute noch modern erscheinen lassen und zu ihrer Wiederentdeckung in den letzten Jahren geführt haben.
swissinfo und Irène Widmer, sfd
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch