«Aus den Überresten, dem Zurückgebliebenen, kann man viel schliessen»
Mäddel Fuchs ist einer der wenigen Street-Fotografen, die sich in der Schweiz einen Namen gemacht haben. Sein Werk ist geprägt von einer bittersüssen Ironie und dem Ziel, den Menschen in seinen Dingen zeigen – ohne ihn zu porträtieren.
1974, 23 Jahre alt, beschliesst Mäddel Fuchs von einem Tag auf den anderen, seiner vorgezeichneten Laufbahn als Akademiker den Rücken zu kehren. Er bricht sein Medizinstudium ab und will Fotograf werden.
Mäddel Fuchs orientiert sich an den grossen Namen der amerikanischen und französischen Street-Fotografie. Brassaï, Walker Evans und Pete Turner heissen seine Helden. Sechs Jahre lang übt sich Mäddel Fuchs in allen Facetten der Fotografie, doch der Durchbruch will nicht gelingen. Aber erst später, nach einer gescheiterten Karriere als Weinbauer, wird das Fotografieren zu seinem Beruf.
Seine Bilder sind geprägt von charmanter bis bissiger Ironie, Wortspielen und der Abwesenheit von Menschen, die gerade dadurch spürbar werden. Die hier gezeigten Bilder sind geographisch nicht zugeordnet, sie sind laut Fuchs «Irgendwo und Überall» entstanden.
swissinfo.ch: Sie haben als junger Mann Ihr Medizinstudium abgebrochen. Was war der Grund?
Mäddel Fuchs: Ich stamme aus einer Ärztedynastie, Eltern und Grosseltern waren Ärzte. Ich sollte auch diesen Weg verfolgen. Mir wurde aber schnell klar, dass ich mich nicht für ein Medizinstudium eigne. Als ich in den siebziger Jahren mit einem Freund durch Amerika reiste, nahm ich die alte Pentax meines Vaters mit. Mit der Kamera unter dem Arm war ich so glücklich wie noch nie im Leben.
Wie waren die Reaktionen auf diesen Entscheid? Wurden Sie unterstützt?
Meine Mutter und mein Vater waren begeisterte Fotografen. Bei uns gehörte Fotografieren zum Alltag. Ich habe schon als 8-Jähriger fotografiert. Trotzdem wurde ich nicht im Geringsten unterstützt, mein Vater hat mir bis zu seinem Tod nie verziehen. Es waren harte Jahre für mich. Ich war ein linker Student in den 70er Jahren, ein verwöhntes Herrensöhnchen. Aber ich hatte das Glück, das zu machen, was ich gerne machte.
Sie blicken auf vierzig Jahre als Fotograf zurück. Was interessiert Sie?
In meinen ersten Arbeiten mit dem Ziel, Foto-Bücher zu machen, interessierte ich mich für das Appenzellerland, dort fotografierte ich in all den Jahren am meisten. Ich wollte aber keine hübschen Landschaften zeigen, sondern mich ethnologisch mit der Tradition der Region beschäftigen. Von diesem ethnologischen Blick ist geblieben, dass ich möchte, dass die Menschen aufmerksam durchs Leben gehen, Veränderungen wahrnehmen.
Die Fotografie hat sich verändert. Wie sind sie mit dem Wandel der Technik umgegangen?
Mit Verweigerung! (lacht herzhaft) Ich bin wohl der letzte Dinosaurier, der noch ausschliesslich analog fotografiert. Ich besitze nicht einmal eine digitale Kamera. Das war ein Risiko damals, es hätte mich auch vom Markt fegen können. Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Für mich ist ein Bild zu dem Zeitpunkt, wo ich auf den Auslöser drücke, komponiert. Dann muss es stimmen.
Ihr neu erschienener Bildband trägt den Titel «Irgendwo und Überall» – wofür steht dieser Name?
Wo ein Bild entsteht, ist mir für dieses Buch nicht wichtig. Es sind Momentaufnahmen, die sich über vierzig Jahre erstrecken, eine Art, die Welt oder ein Geschehen anzuschauen, manchmal vergnüglich, lustig und guter Laune, manchmal mit bitterböser Laune. Ein Bild, das ich in Frankreich aufgenommen habe, gilt für die Schweiz oder Deutschland ebenso. Auch die Zeit spielt keine Rolle. Es täuscht, Bilder, die alt wirken, können erst vor Kurzem entstanden sein oder umgekehrt.
Auf den ersten Blick lösen ihre Bilder ein Schmunzeln aus, auf den zweiten Nachdenklichkeit?
Ja, sie sind nichts für das Schnelle. Ich möchte mit einem Schmunzeln beginnen, doch wenn man sich Zeit lässt, soll einem das Schmunzeln beim Nachdenken im Hals verweilen. Ich möchte zutiefst menschliche Dinge zeigen, ohne Menschen abzubilden. Aus den Überresten, dem Zurückgebliebenen kann man viel schliessen.
«Irgendwo und ÜberallExterner Link» Mäddel Fuchs, Edition Scheidegger & Spiess
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