Deutscher Fussball-Talk in luftiger Höhe
Die Berichterstattung über die Euro 2008 kennt keine Grenzen. Die Crew des deutschen ARD-Teams "Morgenmagazin" sendet von der hoch gelegenen Alp Odro aus dem Tessiner Verzascatal. Diese ist nur zu Fuss oder per Helikopter erreichbar.
Der Kontrast könnte grösser kaum sein. Die deutsche Mannschaft hat ihr EM-Quartier im edlen Fünfsternhotel Giardino von Ascona aufgeschlagen und trainiert in Tenero. Das Team des ARD-Morgenmagazins «Moma» logiert hingegen auf der einfachen Alp Odro in 1240 Meter Höhe im Verzascatal.
VIPs werden allerdings mit dem Helikopter eingeflogen. Denn sonst sind fast zwei Stunden Fussmarsch nötig, um von Vogorno an diesen abgeschiedenen Ort zu gelangen. Hier treiben sich 40 schwarze Verzasca-Ziegen rum, die Häuschen sind aus einfachem Granit, das Terrain ist steil. Die knapp 20 Journalisten und Techniker des ersten deutschen Fernsehens schlafen im Matratzenlager und bilden während der EM eine Wohngemeinschaft.
Ein fantastischer Blick öffnet sich von dieser Alp auf die Bergwelt und den Lago Maggiore mit dem Maggia-Delta und Ascona. «Wir können den Fussballern sozusagen von oben auf die Finger schauen», witzelt Sportredaktor Uwe Kirchner, der den Einsatz in luftiger Höhe koordiniert.
Blick nach draussen
Lange habe man sich überlegt, wie man das Sportevent abdecken wolle. «Als Morgenmagazin wollten wir dabei den Blick nach draussen freigeben», so Kirchner. Damit wollte man sich einerseits von der üblichen Studioatmosphäre bewusst abgrenzen, andererseits die Erwartungen der Zuschauer treffen.
«Bei Schweiz denken die Deutschen an Berge und Almen», so Kirchner. Als der Plan gefasst war, reichte eine kurze Internet-Recherche, um Odro zu finden. Es folgt ein Ortstermin auf der Alp, wo Jean-Louis Villars und Marlis Solèr 1996 ihren Traum von einem einfachen Bergbauernleben verwirklichten.
Und es war Liebe auf den ersten Blick. Die Alp schien perfekt für die Absichten des Morgenmagazins. Nur die spätere Umsetzung war schwierig und aufwändig. Fast fünf Tonnen TV-Produktionsmaterial mussten auf die Alp geflogen werden, vom Mischpult über Kabel bis Beleuchtungsständer und Generatoren. Und der anfängliche Dauerregen war auch nicht gerade hilfreich.
Live von der Alp
Doch es klappte. «Wir haben ein sehr gutes Echo bekommen», freut sich Kirchner. Wenn Trainer Jörg Berger, Sportmoderator Peter Grossmann und der Kabarettist Fritz Eckenga morgens am Steintisch diskutieren oder mit Gästen sprechen, flimmern die Bilder live in die deutschen Wohnstuben. Dort machte man sich etwa nach dem Spiel der Deutschen gegen die Kroaten Überlegungen, ob das karge Leben auf der Alp die lahmen deutschen Spieler auf Trab brächte.
Das Morgenmagazin aus der Fussball-WG in Odro hat seine erste Staffel hinter sich. ARD und ZDF wechseln sich bei der Produktion des Moma wochenweise ab. Die zweite Alp-Runde läuft vom 23. bis 27. Juni. Jeweils zwischen 5.30 Uhr und 9 Uhr gibt es Analysen und Vorberichte zum Halbfinale und Finale der EM. Die Vorbereitungen für die zweite Staffel laufen auf Hochtouren. Denn gesendet wird in jedem Fall, auch wenn die deutsche Mannschaft nicht mehr mit von der Partei sein sollte.
Werbung pur
Über die morgendliche Übertragung aus dem temporären Alpstudio in Odro dürfen sich die Tessiner Tourismusverantwortlichen die Hände reiben. Rund 3 Millionen Zuschauer verfolgen die Sendung. Sie erhalten in diesen Tagen nicht nur Fussball-Talk, sondern auch reichlich Hintergrundinfos und Reportagen rund um den Ferienkanton Tessin. Das ist Werbung pur.
Odro kennen nur wenige Tessiner. Und kaum ein Einheimischer war je dort. Doch in Deutschland ist die Alp zu einem Begriff geworden. Die Bergbauern Villars spüren den Effekt bereits. Im September sind ihre Hütten für Ferien auf dem Bauernhof bereits ausgebucht.
swissinfo, Gerhard Lob, Tenero
Jean-Louis Villars und Marlis Solèr stammen aus dem Kanton Jura und leben seit 1996 in Odro. 1983 hatten sie begonnen, die Alp instand zu setzen und die alten Steinhäuschen zu restaurieren. Sie wollten damit ein Zeichen für die Bergbauernkultur im Verzascatal setzen.
Geschaffen wurde auch ein kleines «Heumuseum», um die Erinnerung an die alten Bewirtschaftungs-Methoden aufrecht zu erhalten. Dank einer Schenkung kam dieses kleine Museum in Besitz des Val Verzasca.
Das Paar bietet auf der Alp «Ferien auf dem Bauernhof» an. Zudem stellen sie Ziegenkäse her.
Die deutsche Nationalelf hatte sich schon frühzeitig entschieden, das Luxushotel Giardino in Ascona als EM-Quartier zu nutzen und im Jugendsportzentrum von Tenero zu trainieren.
Team-Manager Oliver Bierhoff sprach von «einem Paradies». Der Aufenthalt im Tessin war anfänglich allerdings von ständigem Regen getrübt.
Im Jugendsportzentrum Tenero wurde nichts dem Zufall überlassen. Sogar der Rasen wurde auf die von den Deutschen geforderte Länge von 25 Millimetern (UEFA-Norm) getrimmt.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch