Dylan klopfte an die musikalische Himmelstür
Am Montreux Jazz Festival bot Bob Dylan ein für seine Verhältnisse "gut verständliches" Konzert. Zusammen mit der Begleitband rund um Charlie Sexton kam viel Freude und Begeisterung auf im ausverkauften Auditorium Stravinsky. Selbst Dylan griff wie selten in die Saiten und lachte manchmal gar dazu.
Dass man Bob Dylan auch ganz anders spielen kann, merkten in den 60er Jahren schon Gruppen wie Manfred Mann, Them oder Byrds. Auch Dylan selber mag das früh erkannt haben. Doch noch war er der «Folksänger», der alleine auf der Bühne zu singen hatte. Erst als ihm in England einer «Judas» entgegenbrüllte, als er sich mit einer Band verstärkte, spielte Dylan seine Stücke rockiger. Hätte er den Judas geglaubt, wäre uns der Country-Rock wohl noch einige Zeit vorenthalten worden.
Die Generationen verstanden sich
Nun trat ein sichtlich zufriedener Bob Dylan in Montreux mit seinen Nachfolgern auf: Toni Garnier am Bass, Larry Campbell, Gitarre, David Kempner schlug die Trommel und Charlie Sexton (schön wie ein Schauspieler) spielte Gitarre. Mittendrin sang Bob Dylan und spielte selber hervorragend Gitarre.
Und das Alter, das da immer hervorgezerrt wird. Das Alter, welches dem Bob Mühe machen soll? An diesem Abend wäre niemand auf die Idee gekommen, dass da zwei Generationen zusammen Musik machen! Von etwas weiter weg sah Dylan aus, wie Dylan immer ausgesehen hat.
Schade nur, dass er kein Wort zum (zahlenden) Publikum sagte. Keine Begrüssung, kein Abschied. Das Auftreten des Schweigsamen, Unnahbaren, scheint Teil der Marketing-Strategie zu sein.
Rockig und weicher
Vor dem Konzert wurde diskutiert, wie der Meister denn seine Stücke wieder verfremden werde, so dass niemand weiss, was er spielt. Diese Eigenart kam gottlob zu kurz in Montreux. Einzig «Masters of war» könnte er auch nicht gespielt haben.
Sonst viel Bekanntes: einmal leicht «hardrockig», dann hängte man sich die akustischen Gitarren um, und so war es am schönsten. «The Visions of Joanna» und «It ain’t me babe» gingen unter die Haut. Selbst Dylans knarzige Stimme wurde da seltsam weich.
Like a rolling stone
Weiter unter vielen andern «All along the watchtower» und «Rainy day woman», wieder gerockte Klassiker. Dylan und seine Band waren im Element. Besondere Momente waren diejenigen frühen Stücke, die man vom Folksinger Dylan her kennt und die in Montreux mit drei akustischen Gitarren oder gar Pedalsteel gespielt wurden. Darunter «Knocking on heavens door». Irgendwie war der Himmel wirklich greifbar nahe. Der Musikhimmel natürlich.
Dann die Zugaben. Darunter ein «Like a rolling stone», das erkennen liess, welch Tiefgang in diesem Stück liegt. Ein Höhpunkt. Gleich wie das rockig gespielte «Highway 61».
Bob Dylan spielte übrigens im Beisein der Schweizer Justizministerin Ruth Metzler. Möge somit etwas Dylan in die Schweizer Politik einfliessen. Zum Beispiel in die Asylpolitik.
Doch solche Fragen, mein Freund – das wissen wir ja nicht erst seit heute – weiss ganz allein der Wind. Das übrigens allerschönste und überraschendste Stück des ganzen Abends mit Bob Dylan. Dreistimmig dargebracht. Himmlisch!
Urs Maurer
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