Flims, Flem und das rätoromanische Dilemma
Die vierte Landessprache sorgt für Schlagzeilen. Dies aus mehreren Gründen: Die Session des Parlaments in Flims, aber auch der Ausbau der rätoromanischen Radio-und Fernsehsendungen.
Ist es sinnvoll, Millionen für symbolische Gesten auszugeben, um eine Sprache zu erhalten? Die Meinungen gehen auseinander.
2004 überwies der Bund dem Kanton Graubünden 4,5 Millionen Franken zur Erhaltung der rätoromanischen und der italienischen Sprache. Der mehrheitlich deutschsprachige Kanton stockte diesen Betrag um 2,5 Millionen Franken auf.
Von diesen Subventionen profitiert in erster Linie das Rätoromanische. Die Erhaltung der vierten Landessprache ist eine schwierige Angelegenheit. Romanisch wird von nur 35’000 Personen gesprochen, die sich erst noch mit fünf verschiedenen Regionalvarianten auseinander setzen müssen.
Das «Rumantsch Grischun», eine gemeinsame Schriftsprache, die den Kontakt mit den Kantonsbehörden vereinfachen soll, kann sich nur mit Mühe behaupten.
Die parlamentarische Session
Seit dem Beschluss, die parlamentarische Session 2006 in Flims im Kanton Graubünden durchzuführen, steht die romanische Sprache erneut im nationalen Rampenlicht.
Denn die dritte Session ausserhalb des Bundeshauses – nach Genf 1993 und Lugano 2001 – wird auf rätoromanischem Boden stattfinden, zumindest teilweise.
Flims liegt an der Sprachgrenze zwischen Deutsch und Romanisch. Da Letzteres überwiegt, hat der Ort seinen rätoromanischen Namen Flem aus der Versenkung geholt.
Dass die Herbstsession ins Bündnerland verlegt wird, hat vor allem praktische Gründe: Das Bundeshaus wird renoviert.
Den Rednern im Parlament ging es jedoch in erster Linie darum, die kleinste Sprachgemeinschaft der Schweiz und die Probleme einer Bergregion in den Mittelpunkt zu rücken.
«Die Session ist allenfalls ein symbolischer Akt, der nichts kostet», kritisiert Clà Riatsch, Professor für rätoromanische Literatur an der Universität Zürich.
«Statt sich ernsthaft mit Fragen der Mehrsprachigkeit in der Schweiz zu befassen, wird viel geredet – reine Schaumschlägerei. Die Parlamentarier würden besser das Sprachengesetz diskutieren, das der Bundesrat aufs Eis gelegt hat.»
Die Empfehlungen des Europarates
Clà Riatsch weist auf ein Problem hin, das auch den Europarat beschäftigt. In seinen Empfehlungen zur Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, fordert der Europarat die Schweiz als erstes auf, raschmöglichst ein Sprachengesetz zu verabschieden, das den Sprachenartikel in der Bundesverfassung konkretisiert.
Zudem schlugen die europäischen Experten vor, das Romanische in der Gerichts- und Verwaltungssprache stärker zu gewichten.
Professor Riatsch ist da anderer Meinung: «Man muss sich um die echten Probleme der Bevölkerung kümmern, statt einfach Kulturpolitik von oben herab zu betreiben. Die Rätoromanen sind zweisprachig. Sie sprechen im Alltag regelmässig auch Schweizerdeutsch und können sich alle auf Hochdeutsch ausdrücken. Vor Gericht kann problemlos deutsch gesprochen werden. Ein Militärreglement auf ‚Rumantsch Grischun‘ nützt niemandem etwas.»
Die einzig sinnvolle Lösung besteht laut Riatsch darin, die wahren Bedürfnisse der Rätoromanen ernst zu nehmen und ideologische Spitzfindigkeiten beiseite zu lassen.
Dieser Meinung ist auch Constantin Pitsch, Leiter des Dienstes für Sprach- und Kulturgemeinschaften beim Bundesamt für Kultur: «Der Staat kann und darf den Leuten eine Sprache nicht verordnen; er muss vielmehr die Voraussetzungen schaffen, damit sie – wenn nötig – darauf zurückgreifen können».
Einflussreiche Massenmedien
Das Überleben der rätoromanischen Sprache ist weniger von den Beschlüssen der nationalen Kulturpolitiker abhängig, als von der Einstellung jener, welche die Sprache tatsächlich sprechen.
«Das heisst nicht, dass die zur Verfügung gestellten Bundesgelder Fehlinvestitionen sind», erklärt Riatsch.
«Die Lia Rumantscha erfüllt einen wichtigen Auftrag. Und ohne die Nachrichtenagentur ANR (Agenzia da Novitads Rumantscha) müssten wir auf rätoromanische Zeitungen verzichten.»
Zudem hat in den letzten Jahren die Bedeutung der audiovisuellen Kommunikationsmittel deutlich zugenommen. So hat die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft vor kurzem beschlossen, das romanische Angebot (RTR) auszubauen.
Ausbau der Sendungen
Das entsprechende Budget wurde von 20 auf 22 Millionen erhöht. Die Sender der anderen Sprachregionen, die zum Sparen angehalten werden, waren nicht gerade erbaut.
«Radio und Fernsehen üben auf das Romanische einen starken Einfluss aus», meint dazu Clà Riatsch. «Dank diesen Sendungen ist heute ein Bündner von Surselva in der Lage, einen Engadiner zu verstehen. Das war vor 30 Jahren anders.»
Das rätoromanische Radio nahm bereits 1926 seinen Betrieb auf. Dazu kamen 1963 einzelne romanische Fernsehsendungen. Eine Fernsehproduktion im umfassenden Sinn setzte erst später ein.
Heute sendet das Radio täglich 14 Stunden. Und dank neuen Geldern wird die Sendung «Telesguard», die Tagesschau auf Rätoromanisch, demnächst von 6 auf 10 Minuten Sendedauer erhöht.
swissinfo, Doris Lucini
7 Mio. Franken beträgt das Budget 2004 des Kantons Graubünden für die Förderung der rätoromanischen und der italienischen Sprache; davon stammen 4,5 Millionen vom Bund.
3 Mio. Franken kommen der Sprachinstitution Lia Rumantscha zugute.
1,8 Millionen fliessen in die rätoromanische Nachrichtenagentur ANR (Agentura da Novitads Rumantscha).
Das Rätoromanische hat sich aus dem Lateinischen heraus entwickelt und ist die vierte Landessprache der Schweiz.
Genau genommen ist Rätoromanisch ein Oberbegriff für die fünf Idiome, die im Kanton Graubünden gesprochen werden (Surselvisch, Vallader, Surmeirisch, Sutselvisch und Putèr).
Gemäss der eidgenössischen Volkszählung 2000 sprechen 0,46% der Schweizer Bevölkerung Rätoromanisch.
35’000 Personen geben Rätoromanisch als Muttersprache an.
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