Franzosen haben sich für eine Wende entschieden
Für die Schweizer Presse ist klar, dass der neugewählte Staatspräsident Nicolas Sarkozy Frankreich zu neuem Schwung verhelfen muss. Das werde aber ein harter Job.
Die Franzosen hätten sich für Reformen entschieden. Wenn Sarkozy diese konsequent umsetze, dürften heftige Konflikte und Proteste jedoch kaum ausbleiben.
«Das Ende der Lähmung», «eine neue Epoche» oder «eine Chance für Frankreich» heisst es zwar in einigen Blättern, doch die Mehrheit tönt anders: «Sarkozy muss Taten zeigen», schreibt beispielsweise die Basler Zeitung. Und die Neue Zürcher Zeitung titelt: «Auf Sarkozy wartet ein harter Job».
Sarkozy trete kein leichtes Erbe an, so der Kommentar. Wenn er nun Frankreich aus der Erstarrung holen wolle, sei viel Verhandlungsgeschick gefragt. Als erstes braucht er im Juni eine Mehrheit bei den Parlamentswahlen. «Denn nur wenn er das Parlament und damit die Regierung hinter sich hat, ist er handlungsfähig.»
Schmerzvolles Erwachen
Dies sieht die Neue Luzerner Zeitung ähnlich. «Frankreich vor unruhiger Zeit», titelt sie. Die Rekordbeteiligung zeige zwar den Willen des Volks auf einen Neuanfang, «doch für einige Wähler dürfte es ein schmerzvolles Erwachen geben».
Frankreich stünden wegen der Ungewissheit bei den Parlamentswahlen wohl noch unruhige Zeiten bevor. «Denn bisher haben sich die verschiedenen Gruppierungen der französischen Gesellschaft fast immer erfolgreich auf der Strasse oder mit Streiks dagegen gewehrt, wenn ihre Errungenschaften hätten ‚wegreformiert‘ werden sollen.»
Realpolitik setzt Leitplanken
Sarkozy habe die Wählerschaft umworben und mit allen möglichen Versprechungen bezirzt, schreibt der Kommentator der Basler Zeitung. Doch die Realpolitik habe einen viel engeren Spielraum. «Jetzt muss Sarkozy seinen hoffnungsvollen Bürgern beweisen, was wirklich machbar ist.»
Auch die Berner Zeitung bleibt sachlich: «Bald vergeht der Jubel», titelt sie. Sarkozy sei nicht zu beneiden. «Auf ihn wartet eine Fülle von dringenden Aufgaben.» Sein Reformkurs werde «schmerzhaft sein, viele Menschen auf die Strassen treiben und heftige Konflikte verursachen».
Neue Chance?
Etwas positiver wertet die Zeitung Der Bund das Wahlresultat. Sie sieht darin eine Chance für die Grande Nation. Die Mehrheit der Franzosen habe demonstriert, dass sie nicht weitermachen wolle wie bisher.
«Sich durchzusetzen und Reformen zügig anzugehen, wird die dringendste und schwierigste Aufgabe des neuen Präsidenten sein. Meistert er sie, bekommt Frankreich eine neue Chance. Versagt er, dann wird die Aufbruchstimung rasch verpuffen.»
Krampflösend
Der Tages Anzeiger hofft, dass sich die «nationalen Verkrampfungen» mit der Wahl von Sarkozy lösen lassen. Doch: «Das Land ist nicht mit einem Mal unerschütterlich geworden – bloss weil es endlich einen Staatspräsidenten hat, der sich bei innenpolitischen Krisen wohl kaum im Elysée-Palast verschanzen wird wie Jacques Chirac.»
Nach zwölf Jahren Stillstand sei nun eine neue Epoche angebrochen, meint das St. Galler Tagblatt. Nun trete eine jüngere Generation ans Ruder. Das «massive» Ja zu seiner Wahl zeige, dass die Nation den Wandel wolle. «Das wäre dann ein wahres ‚Changement‘ in Frankreich.»
Siegt Präsident über Kandidat Sarkozy?
Eine Welle habe Nicolas Sarkozy an die Spitze getragen, heisst es in der Westschweizer Zeitung Le Temps. «La rupture au pas de charge», die Zäsur im Stechschritt, titelt sie ironisch. Die Frage sei nun, ob er seine «sehr hohen Versprechungen» auch wirklich rasch umsetzen werden könne.
Nun könne man hoffen, dass «dieser Präsident, der im Freudentaumel das demokratische Ideal und den Respekt als seine höchsten Werte beschworen hat, über die Brutalität des Kandidaten siegt und Frankreich von seinen Dämonen befreit, die es lange Zeit geschwächt haben».
Aufbrechen, nicht zerbrechen
«La rupture!», der Bruch, titelt die Tribune de Genève. Die schwierige Aufgabe Sarkozys sei nun, aufzubrechen, ohne etwas zu zerbrechen. «Der Präsident Sarkozy muss nun das Land über seine flammenden Reden hinaus vereinen. Sonst kommt es zum Bruch – mit den Franzosen.»
Für 24 heures ist «Klarheit» das erste Schlüsselwort der Präsidentschaftswahl. Klares Resultat, klares Programm. Das zweite ist eine «Aufbruchstimmung», die über einem simplen Generationenwechsel hinausgehe. «Frankreich meldet sich zurück, das ist eine gute Nachricht.»
La Regione Ticino sieht in Sarkozy den Mann, der die Distanz vom klassischen Gaullismus schafft. In seinem Programm habe es ein wenig von allem etwas. Nun bleibe abzuwarten, ob er sein Versprechen eines dynamischeren Frankreichs gegen die Ängste vor dem Verlust des Sozialsystems durchbringen könne.
swissinfo, Christian Raaflaub
Der konservative Politiker Nicolas Sarkozy, Vorsitzender der Regierungspartei UMP, wird mit 53% der Stimmen neuer Staatspräsident Frankreichs.
Er setzte sich in der Stichwahl am Sonntag gegen seine sozialistische Rivalin Ségolène Royal durch, die auf 47% kam.
Die Wahlbeteiligung war mit fast 84% die höchste seit 40 Jahren.
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