Jazz Festival Montreux: Altherrenabend
Im Auditorium Stravinsky war "Good Rockin'Tonight" angesagt. Eine Hommage an das SUN-Plattenlabel, das 50 Jahre alt wurde. Und tatsächlich, es wurde eine lange Nacht. Gerockt wurde fast bis die SUN wieder aufging. Wenn auch Legenden und exzellente Musiker auftraten; eine Kürzung des Programms hätte nicht geschadet.
Als die Vinyl-Schallplatten ihre Tourenzahlen so nach und nach von 78 Umdrehungen zu 33 und 45 änderten, schossen die Plattenmarken in den USA wie Pilze aus dem Boden. In Memphis hiess eines davon SUN, und auf dem Label krähte ein Hahn in der Sonne.
Vermutlich würde heute kein Hahn mehr nach SUN krähen, wäre die Schallplatten-Firma eines gewissen Sam Philips nicht eine wahre Talentschmiede geworden. Allen voran Elvis Presley nahm dort seine ersten Hits auf. Aber auch Johnny Cash, Roy Orbison, Jerry Lee Lewis und viele andere – auch schwarze Musiker, wie Ike Turner – machten die Firma SUN nachträglich zur legendären Plattenmarke.
Das ist auch heute noch so. In Memphis sind die (fast) originalen Studios Pilgerstätte, und auch sonst wird die Zitrone SUN bis zum allerletzten Ton ausgepresst. Wer ist da noch, den man auf die Bühe bringen könnte. Die erste Garde geht nicht mehr: Presley und Orbison sind gestorben, Cash macht andere Sachen. Jerry Lee ist krank. Aber Teile der zweiten Garde konnten noch nach Montreux reisen: Billy Lee Riley, Sonny Burgess und Little Milton.
Ihnen blieb der ganz grosse Erfolg vergönnt. Obwohl sie tolle Musiker sind und waren. Nun sind sie so um die 70 Jahre alt und traten in Montreux noch recht fit in Erscheinung. Begleitet von einer Haus-Band rund um ex-Roxy Musiker Chris Spedding gaben die alten SUN-Stars ihr Bestes.
Burgess, Milton, Riley
Sonny Burgess liess durchblicken, dass er vor 40, 45 Jahren wohl ein ganz wilder Kerl war. Spielte noch ausgezeichnet Gitarre und sang ansprechend. Leider sang er seine bekanntesten Dinger nicht. Auf die Frage, ob er denn «Sadie’s back in town» auch spielen werde lachte er nur und sagte nichts. Er sang es nicht, weil es die Begleitband wohl gar nicht kannte oder konnte.
Little Milton war es vergönnt, uns zu erzählen, dass SUN eigentlich mit schwarzen Künstlern begonnen hat: Rufus Thomas oder Ike Turner und Little Milton. Trotzdem ist SUN in der Erinnerung ein «weisses» Label. Milton spielte uns dann Blues und rockigen Blues. Fast hatte man das Gefühl. Diese Musik habe eher überlebt, als der archaische Südstaaten-Rockabilly.
Um zwei Uhr am Morgen musste dann noch Billy Lee Riley auf die Bühne. Die Zuhörerreihen hatten sich arg gelichtet. Zur Gitarre griff er nicht und sang wenigstens seine bekannteren Stücke, wie «Flying Saucer Rock n‘ Roll». Auch Billy Lee Riley war für sein Alter «guet zwäg».
Aber je länger der Abend, desto mehr sei die Frage erlaubt: Wenn Grossvater Rockabilly seiner Jugend zum Besten gibt, sieht das nicht etwas komisch aus? Irgendwie akzeptiert man den 80jährigen schwarzen Sänger und seinen Blues. Aber wenn Billy Lee Riley das singt , was er mit 20 sang (Worte inklusive) und sich nicht mehr so bewegen kann, wie zu SUN-Zeiten?
Der ganze Abend stand also unter dem Motto «Tribute to SUN-Records», und eine ganze Anzahl bekannter Musiker reihten sich in die Gratulationstour ein. Typisch Montreux, typisch Claude Nobs, der die Ansagen übernahm. Alle spielten sie ihre Version von «SUN». So, dass man geglückte und weniger geglückte Weiterentwicklungen und Adaptionen des ganz speziellen SUN-Soundes zu hören bekam.
Bill Wyman
Bill Wyman’s Rhythm Kings, die Band rund um den Ex-Rolling Stones unterhielt uns mit Standards. Albert Lee und Georgie Fame spielten mit und etlichen andere auch. Noch immer darf man sich an Albert Lee – dem begnadeten Gitarristen – freuen. Bill Wyman selber stand wie zu Rolling Stones Zeiten einfach da, als würde ihn das Ganze nicht so viel angehen und spielte Bass. Dann trat er einmal vor das Mikrofon und sprach vom Tod. Von demjenigen von Chet Atkins und John Lee Hooker kürzlich. Dann spielten sie «Boom Boom».
Plant und Page
Auch so etwas wie Rockabilly der eigenen Art spielten die ehemaligen Led Zepplin Giganten. Ein immer noch starker Jimmy Page spielte Gitarre wie ein Gott, und Robert Plant – gross und blond – stand da wie ein Siegfried und sang voll «Power-Plant». Die Leute hätten gerne etwas Led Zeppelin gehört. Aber der Abend liess es nicht ganz zu. Aber SUN und die 70er Jahre erfuhren gleichwohl eine interessante Verschmelzung.
Man müsste auch noch Brian May erwähnen. Aber der ist dann in seinem Set total dem Abend und dem Motto entwischt.
Kurz und gut. Wir haben (fast) sämtliche Rock n‘ Roll-Stücke von damals gehört. Die meisten in einer Neo-Rockabilly-Version. Viel gute Musik und Musiker waren da.
Der Purist dürfte leicht die Nase gerümpft haben und zu Hause seine (jetzt wohl) CD mit Original SUN-Aufnahmen einschieben und feststellen: Die Zitrone ist jetzt dann wirklich ausgepresst.
Urs Maurer, swissinfo
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch