Presseschau vom 09.09.2003
Durchhalteparolen statt Triumphgeheul: So bewerten viele Schweizer Zeitungen die jüngste Rede von Präsident Bush über seine Irak-Politik. Bemerkenswert seien die Themen, die er ausgelassen habe.
Einstimmig begrüsst wird die Initiative des UNO-Generalsekretärs Kofi Annan für eine Irak-Konferenz in Genf.
Was da der amerikanische Präsident zur besten Sendezeit im Cabinet Room des Weissen Hauses und vor der an den Bildschirmen versammelten Nation vorgetragen habe, sei wohl so etwas wie ein
«Mea Culpa auf Texanisch»,
schreibt die BASLER ZEITUNG, denn der beim heimischen Publikum um Unterstützung für seine Irak-Politik werbende Bush habe ein paar unangenehme Wahrheiten an den amerikanischen Steuerzahler bringen müssen:
«Der Frieden und damit der Krieg sind noch nicht gewonnen. Die Besatzung ist teuer. Ein Zurück gibt es nicht.»
Aber die im Irak immer noch nicht aufgetauchten Massenvernichtungs-Waffen – früher einmal der offizielle Kriegsgrund – habe der Präsident mit keinem Wort erwähnt. Dies beanstandet auch der Berner BUND: Bush habe stattdessen jenes Thema aufgegriffen, das für ihn der sicherste Wert sei:
«Den Kampf gegen den internationalen Terrorismus.»
Als «grimmig», bezeichnet die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG die Bush-Ansprache an die Nation. Seine Durchhalteparolen würden manche einheimischen Kommentatoren bereits an Vietnam erinnern. Er habe damit, so die NZZ, seine bisherigen Ziele erneut bekräftigt und das Schicksal seiner Präsidentschaft stärker denn je an den Erfolg seiner Irak-Politik geknüpft.
Beliebtes Bush-Bashing
Der Präsident wolle plötzlich viel mehr Geld – ganze 122 Milliarden Franken – für sein «Irak-Abenteuer», kritisiert die BERNER ZEITUNG, BZ, und fragt, wer das denn bezahlen solle.
Im BLICK tönts ähnlich:
«US-Präsident George W. Bush wird immer unbeliebter, die Europäer unterstützen ihn nicht, und jetzt braucht er auch noch mehr Geld.»
Bush sei in der Klemme, kommentiert die AARGAUER ZEITUNG. Seine Umfragewerte seien auf ein Rekordtief von unter 50 Prozent gefallen, und es werde in den USA denn auch immer beliebter, nach Herzenslust über ihn her zu ziehen.
Die Mehrheit der Amerikaner glaube immer noch, dass Saddam Hussein hinter den Anschlägen vom 11. September stecke, schreibt die NEUE LUZERNER ZEITUNG unter dem Kommentar-Titel: «Bush spielt wieder die alte Platte». Deshalb sei seine Taktik bisher aufgegangen, aber:
«Auf die Dauer könnte die alte Platte ausleiern, die Zustimmung zu Bushs Innenpolitik ist denn auch am Sinken.»
Kofi Annans Ruf nach Genf
«L’impasse américaine ressuscite l’ONU» – die amerikanische Sackgasse gebe den Vereinten Nationen neuen Aufschwung – schreibt die Genfer Zeitung LE TEMPS und begrüsst das Ziel des UNO-Generalsekretärs, eine gemeinsame Politik zum Irak unter den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats zu formulieren.
«Die UNO will auch Rechte» titelt der Zürcher TAGES-ANZEIGER und würdigt ebenfalls den Vorstoss Kofi Annans, in Genf nach Mitteln und Wegen einer fruchtbaren Kooperation zwischen den USA und dem Rest der Welt zu suchen. Aber, warnt der TAGI:
«Ziel des Treffens darf keinesfalls die Befriedung nationaler Eitelkeiten sein. Anzustreben ist vielmehr die Einigung auf eine Politik, die sicher stellt, dass der Irak nachhaltig befriedet wird.»
Und das Blatt schliesst mit einem – für einmal treffenden – Zitat Bushs:
«Wo immer Freiheit Fuss fasst, schleicht sich der Terrorismus davon.»
swissinfo, Monika Lüthi
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch