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Presseschau vom 11.04.2003

Wird die Türkei vielleicht doch in Nordirak einmarschieren? Diese Frage stellen nach dem kurdischen Einzug in der Ölstadt Kirkuk trotz gegenteiliger Beteuerungen mehrere Zeitungen.

Es drohe ein neuer Flächenbrand, warnen die Kommentatoren.

«Kirkuk gefallen – wie reagiert die Türkei?»

fragt der Berner BUND. Der kurdische Vorstoss auf Kirkuk bestätige die Prognose, wonach die Nordfront politisch mit Sprengstoff geladen sei. Für die türkische Führung seien Peschmerga-Truppen in und um Kirkuk unerträglich:

«Was heisst es, wenn Ankara die Entsendung von ‚Militärbeobachtern‘ ankündigt? Schon der Vietnam-Krieg begann mit dem Einsatz von ‚Beobachtern‘; und wer die schlagkräftige türkische Armee kennt, wird nicht an ein paar Mann mit Feldstechern denken.»

Anti-kurdisches Fieber

Von einer anti-kurdischen Fieberwelle – einer «poussée de fièvre anti-kurde à Ankara» – spricht die Genfer Zeitung LE TEMPS nach dem Einmarsch der Kurden in Kirkuk.

«La prise de Kirkouk et de ses champs pétrolifères par les peshmergas est un quasi-casus belli.»

Ein unter Umständen kriegsauslösendes Ereignis.

«Türkei: Angst vor Kurden»

titelt der BLICK und fährt weiter: «Es ist der Albtraum der Türkei: das wichtigste irakische Ölzentrum in der Hand der Kurden.»

Die BASLER ZEITUNG spricht von einer ‚dreifachen Angst‘ vor kurdischen Minderheiten:

«Iraks Nachbarn beobachten mit Sorge, was mit den irakischen Kurden passiert. Denn von deren künftigem Status hängt auch das Verhalten der kurdischen Minderheiten in der Türkei, in Syrien und Iran ab. Die Türkei fürchtet, dass die Region in einem Meer von Konflikten versinkt.»

Ganze Region im Chaos

Den USA möge die Demokratisierung des Irak zwar als Hebel erscheinen, um die ganze Region politisch umzustülpen. Doch dies berge die Gefahr, dass die ganze Region im Chaos versinke, folgert die BAZ.

Auch die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG fragt sich, wie die Türkei reagieren wird:

«Die Einnahme der Erdölstadt Kirkuk durch die Kurden könnte die Türkei alarmieren, denn Washingtons Abmachungen mit Ankara schienen einen kurdischen Vormarsch ohne amerikanischen Oberbefehl auszuschliessen.»

Die NEUE LUZERNER ZEITUNG schreibt, dass mit der triumphalen Einnahme von Kirkuk für die von von Saddam blutig unterdrückten Kurden ein historischer Traum in Erfüllung gegangen sei. Gelte die strategisch wichtige Stadt doch als

«Herz der Kurden».

Doch die Türkei habe immer damit gedroht, in Nordirak einzumarschieren, sollten die Kurden Kirkuk und die Ölfelder besetzen. Es stünden rund 15’000 Soldaten an der Grenze bereit, betont das Blatt.

Kurdenstaat als Kriegsgrund

Die Türkei vertraue auf amerikanische Zusagen, dass die USA in Nordirak keine «vollendeten Tatsachen» zulassen würden, ist die BERNER ZEITUNG, BZ, überzeugt, denn:

«Die Schaffung eines Kurdenstaates, in dem die Türkei eine Ermutigung für separatistische Bestrebungen der Kurden im eigenen Land sieht, hatte Ankara wiederholt als Kriegsgrund gesehen.»

Der Zürcher TAGES-ANZEIGER sieht Kirkuk als «das goldene Vlies», nach dem die Peschmerga so lange trachteten – auf dem Weg zum Freistaat Kurdistan. Die mögliche Eskalation des türkisch-kurdischen Konflikts sei zwar da. Aber es komme nun vor allem darauf an, ob die Kurdenführer in Nordirak die Autorität besitzen, ihre Kämpfer von blutigen Rachefeldzügen gegen Araber in Kirkuk abzuhalten:

«Gelingt die komplizierte kurdische Generalprobe und halten die Kurdenführer ihr Wort, dürfte Kirkuk demnächst Hauptstadt eines Freistaats Kurdistan innerhalb eines neuen Irak werden.»

swissinfo, Monika Lüthi

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