Presseschau vom 11.09.2002
Vor einem Jahr haben die Anschläge auf New York und Washington die ganze Welt erschüttert.
Am Vorabend des 11. September stand New York auch im Zentrum der schweizerischen Aussenpolitik, als die Schweiz als 190. Mitglied in die UNO aufgenommen wurde.
Den Schweizer Beitritt zur UNO nimmt der BLICK gleich zum Anlass für einen Appell:
«Kein Krieg, Mister Bush!» titelt das Boulevardblatt. Über Isopublic liess es 1000 Personen befragen: 82,5% finden einen Militärschlag der USA ohne UNO-Mandat falsch, 58,6% sind selbst dann dagegen, wenn Bush ein ein UNO-Mandat besässe.
«Die tiefe Betroffenheit und die Solidarität mit den Opfern der Attentate bleiben. Doch der Kurs von Cowboy Bush und seine Arroganz befremden das Schweizervolk.»
Auswirkungen auf die Welt
15 Seiten widmet der BLICK der Rückschau auf den 11. September 2001. Sechs sind es in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. NZZ-Korrespondenten von Sydney bis Tel Aviv versuchen, die Auswirkungen der Anschläge auf die Welt aufzuzeigen.
«Die Araber im politischen Abseits», heisst ein Titel. Die Attentäter hätten der arabischen Welt einen Bärendienst erwiesen.
«Die arabischen Führer sehen sich an den grauen weltpolitischen Rand geschoben. (…) Wenn sogar ein Erz-Araber wie Gadhafi sich eigens zum Afrikaner gewandelt hat, nur um diesem Bannfluch zu entrinnen, so spricht das deutliche Worte.»
Keine neue Epoche
Von den Anschlägen auf New York und Washington als einer «Zeitenwende» zu sprechen, sei allerdings noch zu früh, so die NZZ.
«Kein Zweifel, die Katastrophe des 11. September wird tief im kollektiven Gedächtnis einer globalisierten Öffentlichkeit haften bleiben – schon wegen der atemberaubenden Bilder direkt vom Ort des Infernos. Doch mit Verkündungen über deren historische Einordnung sollte man besser noch einige Jahre zuwarten.»
Das gespannte Verhältnis zur arabischen Welt ist auch Thema im TAGES ANZEIGER:
«Die zweite Runde im ‚Krieg gegen den Terror‘, ein Angriff auf den Irak, wird von den USA und Kontinentaleuropa völlig gegensätzlich beurteilt. (…) Der 11. September hat viel menschliches Leid gebracht, aber auch viel politisches Sympathiekapital. Präsident Bush ist im Begriff, dieses Kapital zu verspielen.»
Wir sind dabei
Im internationalen Wirbel um den 11. September fast untergegangen ist der Beitritt der Schweiz zur UNO in New York. In den ausländischen Zeitungen war er praktisch kein Thema.
Das alte neue Wahrzeichen von New York, das Empire State Building, begrüsste mit seiner Beleuchtung die Schweiz. Es erstrahlte in ihren Nationalfarben rot-weiss-rot.
«La Suisse parmi les nations – die Schweiz im Schoss der Nationen», titelt die Westschweizer Zeitung LE TEMPS. Und die BERNER ZEITUNG doppelt nach, mit einem Zitat von UNO-Generalsekretär Kofi Annan:
«Lassen Sie mich zum ersten neuen Mitglied im neuen Jahrtausend bloss sagen: Bienvenu. Willkommen. Benvenuti. Bainvegni.»
Für die BASLER ZEITUNG war der UNO-Beitritt «ein folgenreiches Ereignis für die Schweiz, das wegen des Jahrestages der Terroranschläge jedoch fast zur Nebensache wurde».
Mut gefragt
Vom beobachtenden Staat werde die Schweiz jetzt zum beobachteten Staat. «Nur Mut!», ruft sie der Schweiz zu.
Den braucht sie in Zukunft, denn für die NEUE LUZERNER ZEITUNG hat die Welt seit dem 11. September nichts hinzugelernt.
«Das wird uns gerade jetzt wieder vor Augen geführt, wenn der US-Präsident vor der UNO auf die Gefahr des Iraks für den Weltfrieden hinweisen will. Mangels eigener Ressourcen bleibt Europa lediglich die Wahl zwischen Glauben an die US-Sicht und Skepsis oder Ablehnung. Wie seit Jahrzehnten. Als ob es den 11. September nie gegeben hätte.»
«Abschied von der Alm»
In den ausländischen Medien wurde der Schweizer UNO-Beitritt kaum wahrgenommen.
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kommentiert, dass die Welt momentan Wichtigeres zu bedenken habe als die Aufnahme der Schweiz in die Vereinten Nationen. Unter dem Titel «Abschied von der Alm» heisst es, dass die Zeremonie entsprechend schlicht und der Empfang ohne Tanz und Diner stattfand. «Dass die Schweiz der 190. (…) Staat ist, der diesen Schritt zu unternehmen wagt, zeigt, dass es ohnehin höchste Zeit war, den Sonderfall zu beenden und in die Normalität einzutreten.»
Wann als Nachzügler in die EU?
Dazu gabs noch einen Seitenhieb:»Auch in der EU wäre das reiche Alpenland willkommen, aber da müssen die Europäer lange warten. Der Beitritt ist den Schweizern noch zu teuer.»
Erwähnt wurde der für die Schweiz historische Moment ausserdem in der NEW YORK TIMES in den USA, im GUARDIAN in Grossbritannien oder im KURIER in Österreich.
Christian Raaflaub und Agenturen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch