Presseschau vom 11.09.2003
Nun hat der Bundesrat also gesprochen und den Mindestzinssatz für die Gelder der beruflichen Vorsorge für das nächste Jahr von 3,25 auf 2,25 Prozent gesenkt.
Die Schweizer Presse nimmt die Debatte zwischen Gewerkschaften und der Wirtschaft über die Verzinsung der zweiten Säule auf.
«Und wieder einmal hat unsere Regierung die Quadratur des Kreises versucht», schreibt die BERNER ZEITUNG.
«Ein möglichst tiefer Satz dient der Stabilisierung der Vorsorgeeinrichtungen. Ein möglichst hoher Satz gilt als sozial.»
Die schwierige Aufgabe hat die Regierung laut BASLER ZEITUNG recht gut gelöst: «Irgendwo zwischen ‚zu viel‘ und ‚möglichst wenig‘ hat der Bundesrat den Kompromiss-Strich gezogen und damit die Affäre gar nicht so schlecht bewältigt.»
Der BLICK setzt sich, nicht nur gemessen an der Grösse der Titel-Lettern, auf die Seite der protestierenden Gewerkschaften und Linken: «Diesen Rentenklau lassen wir uns nicht bieten!»
Angesichts des «Rentenalarm»-Protests der Gewerkschaften vom Mittwoch eskaliere der «Renten-Streit zur Renten-Schlacht». Dank der Geschäftemacherei der Versicherungs-Konzerne und der angekündigten Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre.
Rentenklau-Lamento als Polittheater
Ganz anders tönt es im Berner BUND: «Das Theaterstück namens Politik ist in einem Wahljahr besonders farbig: gefragt sind keine Realitäten, sondern Luftschlösser.»
Ein solches Luftschloss sei der «Rentenalarm»-Protest. Der Gewerkschaftsbund heize die Verunsicherung nicht nur mit seinem Populismus an, sondern erschwere die Last der Demografie für die kommenden Generationen mit Hypotheken wie Subventionierung der Frühpension und der 13. AHV-Rente.
Neben der Schelte für die Linke setzt es beim BUND aber auch Kritik für den Bundesrat ab, nämlich in der Frage der Berechnung des umstrittenen Satzes. Soll dieser auf dem Schnitt des Bundesobligationen der letzten 3, 6 oder 9 Monate beruhen? Wie stark sollen die Aktienmärkte gewichtet werden?
«Solche Fragen beantwortet aber gescheiter ein Expertengremium als der Bundesrat», so der BUND.
Reformstau bei Rentenversicherungen
«Umsicht, um das Nachsehen zu vermeiden», titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG und attestiert: «Der Bundesrat hat mit seinem Entscheid (…) Realitätssinn bewiesen.»
Der anachronistische Protest der Gewerkschaften löse Kopfschütteln aus, auch bei der Bevölkerung. «Denn inzwischen ist beinah jedermann klar, dass wir um Reformen und Sparmassnahmen im Rentensystem nicht herumkommen.»
Keine Garantie auch bei hohem Satz
Auch kein Musikgehör hat die NEUE LUZERNER ZEITUNG, wenn vom «Räuber Couchepin» und den Lebensversicherern, welche die Bürger für «dumm und dämlich» verkauften, die Rede ist. Das sei faustdicker Populismus. «Wenn der Mindestzinssatz 3, 4 oder 5 Prozent betragen würde, die Garantie, dass man als Rentner in 20 oder 30 Jahren entsprechend mehr Geld zurückerhalten würde, könnte niemand geben.»
Von der Zukunft der Renten zur Zukunft des Schweizer Fussballs
Nach dem erfolgreichen Start in die Qualifikation zur Fussball-Europameisterschaft 2004 droht der Schweiz nach der 1:4-Niederlage gegen die Russen in Moskau kurz vor dem Ziel der Schnauf wieder einmal auszugehen.
«Zuerst geführt, dann vorgeführt», hadert die BERNER ZEITUNG.
«Neiiin! So vergeigt ihr die EM!», regt sich der BLICK auf.
Der TAGES-ANZEIGER konstatiert: «So ist der Weg an die EM sehr weit.»
Die Genfer Zeitung LE TEMPS macht den Flopp der Schweizer Kicker an einem Mann fest, dem dreifachen Torschützen der Russen: «Dmitri Bulykin, bourreau des Suisses», Dmitri Bulykin, Henker der Schweizer.
swissinfo, Renat Künzi
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