Presseschau vom 13.03.2003
Auch in der Schweiz sorgt die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic für schockierte Zeitungs-Schlagzeilen.
Kommentiert wird ferner die amtliche Registrierung von Handy-Prepaid-Karten im Kampf gegen den Terrorismus. Die meisten Zeitungen begrüssen den Beschluss des Nationalrates.
«Schüsse gegen die Demokratie»,
titelt der TAGES-ANZEIGER.
«Mit dem agilen und weltgewandten Philosophen und Politiker verliert Serbien die einzige glaubhafte politische Führungsfigur, die über den Willen und die Macht verfügte, das Land aus der moralischen, politischen und ökonomischen Krise zu führen, die sein grosser Widersacher Slobodan Milosevic hinterlassen hatte.»
Die Machtstrukturen aus der Zeit der Diktatur hätten die Wende überlebt, schreibt der TAGI und ist überzeugt:
«In diesem Milieu, wo die teuflische Verknüpfung von Mafia und Politik zur Perfektion betrieben wird, sind die Auftraggeber der Mörder zu suchen.»
Die meisten Zeitungen sehen dies auch so.
«Die Täter und deren Hintermänner sind entweder im engen Netz des organisierten Verbrechens oder unter nationalistischen Nostalgikern zu suchen»,
meint DER BUND und fragt besorgt:
«Djindjic war, trotz seinen Schwächen, der Damm, der das Land, das immer noch seinen Platz sucht, vor Rückfällen in die alten Zeiten schützte. Öffnen sich nun die Schleusen?»
Militär und Polizei hätten mehr Macht und Befugnisse, schreibt die BERNER ZEITUNG und stellt fest:
«Das hinterlässt kein gutes Gefühl.»
Auch die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG spricht von einem «gefährlichen Machtvakuum» in Serbien:
«Es wird schwierig sein, einen Nachfolger für Djindjic von gleichem Format zu finden.»
Djindjic sei es gewesen, der in den letzten zwei Jahren den Transformationsprozess gegen alle Widerstände vorangetrieben habe, schreibt die NZZ.
«Auch der Westen hatte bei seinen Bemühungen um eine Annäherung Serbiens an die europäischen Institutionen auf Djindjic gesetzt.»
Auch für die BASLER ZEITUNG wird der
«energiegeladene, hoch talentierte und fintenreiche Zoran Djindjic schmerzlich fehlen.»
Die BAZ wie auch die Genfer Zeitung LE TEMPS weisen darauf hin, dass die brutale Ermordung des serbischen Regierungschefs zu einem Zeitpunkt erfolge, in dem
«Serbien – und seine Nachbarn – nichts so nötig hätten wie Stabilität und Kontinuität».
Für den TAGES-ANZEIGER stellt sich nun die Frage,
«ob Serbiens Gesellschaft, Justiz, Polizei und Armee die Kraft haben, das Land nicht in Chaos und vollkommener Instabilität versinken zu lassen. (…) Ob in Serbien der Staat seine Mafia hat oder die Mafia ihren Staat, wird sich erst weisen».
Prepaid-Handys werden erfasst
Die Zeitungen sind mit dem Entscheid des Nationalrats zufrieden.
«Zum Glück für die Schweiz hat der Nationalrat deutlich der zweijährigen Registrierungs- und Aufbewahrungspflicht zugestimmt. Denn allzu oft musste sich die Schweiz bereits im Zusammenhang mit ihrem Finanzplatz den Vorwurf gefallen lassen, dass sie Missbräuche nicht konsequent genug bekämpfen würde.»
Für die AARGAUER ZEITUNG ist nicht jeder Bärtige mit Natel ein Al-Kaida-Terrorist.
«Wenn aber mit einer einzigen Registrierung einer Natel-Prepaid-Karte ein Verbrechen verhindert werden kann, dann hat sich die Massnahme gelohnt»,
ist der Kommentator überzeugt.
Mit einer Karikatur befasst sich auf der Frontseite LE TEMPS mit diesem Thema. Sie zeigt Osama Bin Laden mit einem Handy in der Hand. Auf seinem Display steht der doppelsinnige Text: «Al-Kaida hat kein Netz.»
swissinfo, Alina Kunz Popper
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