Presseschau vom 19.08.2003
Die Freilassung der Sahara-Geiseln und die damit verbundene Lösegeld-Frage sind das grosse Thema in den Zeitungen vom Dienstag.
Thematisiert wird zudem die Studie «Sicherheit 2003», die Erkenntnisse über die Befindlichkeit der Schweizerinnen und Schweizer liefert.
«Nach Monaten der qualvollen Ungewissheit hat das Geiseldrama in der algerischen und malischen Wüste ein glimpfliches Ende genommen», schreibt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG unter dem Titel «Das Glück von Überlebenden».
In die Freude über die bevorstehende Heimkehr der vier Schweizer, neun Deutschen und eines Niederländers mischten sich aber Bedenken ob der Umstände der Geiselfreilassung, so die NZZ weiter:
«Alles deutet darauf hin, dass zu dieser Freilassung Lösegeld bezahlt worden ist.»
Nach der Freilassung der Sahara-Geiseln werde das Schweizer Aussenministerium versichern, kein Lösegeld bezahlt zu haben, heisst es im Kommentar des Berner BUND.
«Ob das stimmt, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Denn falls die Schweiz bezahlt hat, ist Lügen oberste Pflicht.»
Der BUND lobt im weiteren das Verhalten von Aussenministerin Calmy-Rey in dieser Sache:
«Calmy-Rey, Freundin der ‚öffentlichen Diplomatie‘, hat im aktuellen Fall stille Diplomatie betrieben – und damit bewiesen, dass sie im Ernstfall weiss, wann Schweigen Gold ist.»
Die Geiseln seien freigekauft worden, schreibt auch die BASLER ZEITUNG auf ihrer Titelseite:
«Ihre Freilassung haben sie der Zahlung von Lösegeld zu verdanken. ‚Bargeld-Diplomatie‘ gilt als verpönt – trotzdem ist sie Realität.»
Lösegeld-Zahlungen blieben problematisch, auch wenn im aktuellen Fall vielleicht «nur» rund 5 Mio. Euro statt der früher genannten 65 Millionen bezahlt worden seien, so die BAZ weiter:
«Denn hier geht es nicht um den Betrag, sondern ums Prinzip. Und auch eine allfällige Verschleierung der Lösegeldzahlung als ‚Entwicklungshilfe‘, wenn es denn tatsächlich so weit kommt, löst das Problem nicht, zumal den Entführern herzlich egal sein wird, mit welcher Bezeichnung das Geld, das sie einstecken, versehen wird.»
Für den Zürcher TAGES-ANZEIGER ist es nun Zeit für «etwas Transparenz», auch in Sachen Lösegeld:
«Waren es Gauner, Schmuggler, Wegelagerer? War ihnen nur am Lösegeld gelegen? Oder stellten sie politische Forderungen? All das und noch mehr wüsste man gerne aus erster, offizieller Hand. Von den Krisenstäben, den Unterhändlern, die lange genug geschwiegen haben. Bisher vielleicht mit Recht.»
Das Boulevard-Blatt BLICK will die Diskussion um Lösegeldzahlungen nicht, noch nicht:
«Heute kommen vier Schweizer zurück in ihre Heimat, das soll gefeiert werden.»
Sicher im eigenen Land
Feiern können sich auch die Schweizer, die sich gemäss der jüngsten Studie «Sicherheit 2003» sicher fühlen und mehrheitlich optimistisch in die Zukunft blicken.
«Le sentiment de sécurité des Suisses est intact – das Sicherheitsgefühl der Schweizer ist intakt», schreibt die Genfer Zeitung LE TEMPS.
«Im neutralen ‚Schneckenhaus‘ fühlen sich die Schweizer am sichersten», so der Titel in der BERNER ZEITUNG.
Dass sich die Einwohner der Schweiz generell sicher fühlten, sei angesichts der hohen Lebensqualität und der geopolitisch günstigen Lage nicht erstaunlich, kommentiert die NEUE LUZERNER ZEITUNG.
Die Forscher hätten aber einige erstaunliche sicherheitspolitische Pulsschläge registriert, die links wie rechts zu denken geben sollten, so die NLZ weiter:
«Zum Beispiel die Migrations-Frage. Als erstrangiges Problem für die innere Sicherheit wird die Stabilisierung des Ausländeranteils gesehen. Diese Erkenntnis müsste eigentlich den Sozialdemokraten dämmern.»
Über die Bücher müsse jedoch auch die national-konservative Rechte gehen. Unvergessen bleibe die peinliche Forderung der SVP zu Beginn des Irak-Krieges, die Schweiz solle aus der UNO austreten:
«Mittlerweile hat die UNO als einzige legitime Hüterin des Völkerrechts die Herzen der Schweizer erobert. Wer sie weiterhin als lächerlichen Debattierklub verunglimpft, beleidigt 80 Prozent der Schweizer Stimmbürger.»
swissinfo, Gaby Ochsenbein
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch