Presseschau vom 21.07.2003
Die Affäre um den britischen Waffenexperten David Kelly zieht immer weitere Kreise und beschäftigt auch die Schweizer Zeitungen. Premier Tony Blair gerate zunehmend unter Druck, so der Tenor.
Für leichtere Stimmung sorgt daneben die Berichterstattung über den Schweizer Festival-Sommer.
«Kellys Selbstmord bringt Blair in Bedrängnis» titelt der Zürcher TAGES ANZEIGER, während die Westschweizer Zeitung LE TEMPS die Frage stellt: «Que cache le suicide de Kelly?» – Was versteckt der Selbstmord Kellys?
War es Selbstmord?
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG stellt ihren Beitrag unter den Titel: «Tod eines Irak-Experten erschüttert London», das Boulevard-Blatt BLICK fragt: «War es wirklich Selbstmord?»
Wie immer, wenn die Geheimdienste in eine Sache verwickelt seien, tauchten Zweifel an der offiziellen Version auf, so der BLICK weiter.
Blut an den Händen?
Mit der Affäre um die Aussagen der britischen Regierung im Vorfeld des Irak-Kriegs befasst sich auch die NEUE LUZERNER ZEITUNG und kommt zum Schluss: «Weisser als weiss» sei Blair nicht mehr, und weiter:
«Hat Tony Blair im Fall Kelly ‚Blut an den Händen‘, wie ihm die Medien vorwerfen? Hat die britische Regierung den unbescholtenen Wissenschafter geopfert, um sich von ihrer Irak-Lüge reinzuwaschen? Hat sie ihn sogar in den Selbstmord getrieben?»
Blair stecke in einer tiefen Krise und müsse sich sehr unangenehme Fragen gefallen lassen, schreibt die NLZ weiter.
Kelly hatte sich vor seinem Suizid als eine der Quellen für einen kritischen BBC-Bericht zum Irak-Feldzug geoutet und zugleich erklärt, er habe seine Aussagen kaum mehr erkannt.
«Ob dies so ist oder nicht: Auch die BBC spielt eine undurchsichtige Rolle in diesem blutigen Spiel. Sie wird sich wie die Regierung erklären müssen.»
Vermächtnis hinterlassen
In der BERNER ZEITUNG heisst es unter dem Titel: «Blair unter Beschuss», Kelly habe auch ohne Abschiedsbrief ein Vermächtnis hinterlassen.
«Blairs Dossier vom vergangenen September zu den angeblichen irakischen ABC-Waffen hat mit grösster Wahrscheinlichkeit in einem Punkt die Öffentlichkeit vorsätzlich und planvoll falsch informiert», so die BZ weiter.
Das Dossier lese sich heute, als ob es aus einer andern Welt stamme. Und es komme nicht darauf an, ob die britischen Geheimdienste schlampig gearbeitet oder Blairs Pressechef Campbell angeordnet habe, das Dossier «sexier» zu machen.
War es Kriegstreiberei?
«Die Frage ist vielmehr, wie weit eine Regierung, die Krieg führen will, gehen darf, um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Und ab wann sie sich den Vorwurf der Kriegstreiberei gefallen lassen muss.»
Genau davon habe das Verteidigungsministerium ablenken wollen, als es versucht habe, Kelly sozusagen als Blendgranate einzusetzen: «Der Versuch möge misslingen», schliesst der Kommentar der BERNER ZEITUNG.
Glaubwürdigkeit ins Bodenlose abgestürzt
Mit der Affäre um Kelly befasst sich auch die BASLER ZEITUNG:
«Kellys Korrektheit passte den Weltverbesserern in Washington und London nicht ins Konzept. Sie wollten Saddam Hussein los sein, Bedrohungslage hin oder her. Nur: Besonders Blair argumentierte nicht mit dem Bösewicht Saddam, sondern mit dessen Massenvernichtungswaffen. Wenn ihm seine Kritiker nun einen Strick drehen, weil er die Gefahr zurechtstutzte, so darf er sich nicht wundern.»
Blair sei mit dem Versprechen angetreten, «weisser als weiss» zu sein, damit ihm das Volk vertraue. «Nun hat er es nicht bloss in die Irre geführt, er hat bewusst eine Kriegslüge in Kauf genommen. Das Vertrauen ist dahin.»
Auch die AARGAUER ZEITUNG befasst sich mit Kelly und Blair.
«Es sieht nicht gut aus für Blair. Seine Glaubwürdigkeit ist mehr als nur schwer angeschlagen, sie ist ins Bodenlose gesunken. (…) Das ist der Preis, den Blair für seine Nibelungentreue zu den USA bezahlen muss.»
Festivals im ganzen Lande
Der Ausnahme-Sommer freut auch die Veranstalter der zahlreichen Festivals im ganzen Lande. In der Schweiz grassiert sozusagen das Festival-Fieber.
Über das Wochenende lockten unter anderem das Gurten-Festival in Bern, das Blue Balls Festival in Luzern, das Abschluss-Wochenende in Montreux Hunderttausende an. Aber auch die Freunde der Klassik kommen nicht zu kurz, sei es am Festival Verbier oder beim Menuhin Festival in Gstaad.
20-Jahr-Jubiläum
Zwanzig Jahre alt ist das Gurten-Festival in diesem Sommer geworden. Die Jubiläumsausgabe war nach Ansicht der BERNER ZEITUNG und des BUND ein Erfolg.
«Gurten: Sonniger und sauberer denn je», lautet der Titel in der BERNER Zeitung.
Weder die Hitze noch musikalisches Mittelmass hätten die Freude der rund 45’000 Menschen getrübt, die auf den Berner Hausberg gekommen seien.
Der BUND schreibt vom «Gurten im Dauerhoch».
«Das Gurtenfestival ist zu einem Gewinn bringenden und erfolgreichen Selbstläufer geworden.»
Und dieser Erfolg sei keine Zufallserscheinung. Die Veranstalter hätten über Jahre die Bedürfnisse und Wünsche des Publikums evaluiert, sich lernfähig gezeigt und das Festival im Rahmen des Möglichen zu optimieren versucht.
«Das Resultat dieser Bemühungen war ein Festival 2003, das sowohl künstlerisch als auch von der meteorologischen und stimmungsbedingten Heiterkeit her als Triumph gewertet werden kann. Im Jahr der 20. Austragung ein schnulziges, aber gerechtes Fazit», so der BUND.
swissinfo, Rita Emch
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