Presseschau vom Montag 12.08.2002
Die Schweizer Zeitungen haben sich heute fast ganz dem Sport verschrieben. André Bucher strahlt von allen Frontseiten. Die erhoffte und trotzdem unerwartete EM-Silbermedaille über 800 Meter ist ein Lichtblick für den Schweizer Sport.
«André Bucher – Ein wahrer Champion» titeln gleich zwei Zeitungen, der BLICK und die BERNER ZEITUNG. Und weiter schreiben die Berner:
«Manch einer hätte bei seiner Fussverletzung, einem Stauchungsbruch des linken Fersenbeins, mit dem Schicksal gehadert. Doch Bucher behielt die Ruhe. (…) Mit dem Ziel vor Augen, in einer vernünftigen Zeitspanne wieder auf die Erfolgsstrasse zu kommen.»
Bucher habe sich von den zum Teil vernichtenden Kritiken nicht aufhalten lassen, sondern sein Alternativtraining durchgezogen.
«André Bucher ging weiter seinen Weg. Und dieser führte zur EM-Silbermedaille.»
Der BLICK wünscht Bucher nun vor allem eines: dass er sich selber bleibt:
«Denn die Art, wie der 26-jährige vor einem Jahr 800-m-Weltmeister wurde, die Weise, auf die er sich gestern in München EM-Silber holte, basiert nicht einfach auf gut trainierten Beinen. Dahinter steckt hauptsächlich Kopfarbeit, steckt sein unbedingter Wille zum Sieg.»
Vom Helden zu den neuen Prügelknaben, den Managern: das ST. GALLER TAGBLATT weiss zu berichten, dass fehlbaren Mitgliedern dieser Kaste bei Meineid Strafen wie für Terroristen drohen.
«Das Ansehen der Manager jedenfalls sinkt im Einklang mit den Börsenbarometern. (…) Und da hiess es immer, die cleveren Leute gingen in die Wirtschaft. Stattdessen regiert ein dreistes Mittelmass, dem der Ruf nichts bedeutet und die Folgen ziemlich ‚Wurscht‘ sind.»
Statt der Börse feierte die Filmszene dieses Wochenende goldene Zeiten: mit der Verteilung der begehrten Leoparden in Locarno. Der Berner BUND mokiert sich aber über die Vergabe des Hauptpreises.
«So brachte es die international zusammengewürfelte Expertenschar zustande, mit dem Kammerspiel ‚Das Verlangen‘ aus einer Vielzahl möglicher Sieger ausgerechnet den farblosesten Film auszuwählen.»
Ähnlich sieht es die NEUE LUZERNER ZEITUNG. Das Festival habe unter Irene Bignardi sein Profil noch nicht ganz gefunden.
«Nach dem Lob im ersten Jahr war die Direktorin bei der 55. Ausgabe nicht geringer Kritik ausgesetzt. Während der Wettbewerb eine hohe Qualität aufwies, enttäuschten, ja verärgerten die abstrusen und belanglosen Filme auf der Piazza.»
Ganz anders sieht es die Westschweizer Zeitung LE TEMPS:
«Locarno 2002, enfin un festival pour le public.»
Schon wurden die Abgesänge komponiert, doch die Street Parade lebt unverdrossen weiter. Es habe nur weniger Leute gehabt, weil die Schaulustigen des widrigen Wetters wegen lieber daheim geblieben seien, meint der TAGES ANZEIGER.
«Wer angesichts von 650’000 Menschen im Regen von einer Trendwende spricht, liest Kaffeesatz oder war nicht vor Ort. Das Wetter lockte halt nicht zum Familienausflug.»
Doch Zürich hat mehr zu bieten als Techno und Fluglärm: Stichwort 043. Wer eine neue Telefonnummer in Zürich braucht, erhält statt der schlanken 01 die provinzielle 043 zugeteilt. Ein guter Grund für die BASLER ZEITUNG, sich über Zürich zu wundern.
«Es gibt heute Stimmen, die dem helvetischen Normalmass auch Positives abgewinnen. Stadtpräsident Elmar Ledergerber liess verlauten, so müsse beim Telefonieren niemand mehr bestätigen, dass Zürich die Nummer 1 sei.»
Christian Raaflaub
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