Region Locarno in tiefer Krise
Locarno produzierte in der jüngsten Vergangenheit negative Schlagzeilen. Das Casino-Projekt und das Gemeinde-Fusionsprojekt schlugen fehl.
Eitel Sonnenschein herrscht dafür in Lugano. Das Fusionsprojekt «Grande Lugano» soll bis 2004 abgeschlossen sein, die Stadt schreibt dank den Banken schwarze Zahlen und der Kursaal hat mit der Casino-A-Konzession praktisch eine «Lizenz zum Geld-Drucken» bekommen.
«Die Luganesi gehen ihre Projekte viel kompakter an», meint FDP- Präsident Giovanni Merlini. Er wohnt in Minusio. Über seinen Wohnort sagt der Anwalt: «Die Locarnesi leiden an ihrer alten Krankheit, der Streitsucht.» Das sei schon vor 30 Jahren so gewesen. Daher habe Agno auch einen internationalen Flughafen, während in der Magadino-Ebene bloss Privatflugzeuge landeten.
«Malariaverseuchtes Fischerdorf»
«Wir alle sind Kinder unserer Geschichte», sagt Marco Solari, Präsident des Internationalen Filmfestivals von Locarno. Die Leute im Sopraceneri definierten sich durch ihre Autonomie, während südlich des Ceneri gemeinsame kulturelle Wurzeln Einheit stifteten.
Solari erklärt: «Locarno und Ascona waren während Jahrhunderten kleine Fischerdörfer, die oft von der Malaria heimgesucht wurden. Die Landvögte regierten deshalb von den Tälern aus. Das Gebiet war stets zersplittert und die Bewohner stolz auf ihre Autonomie.»
«Wer will schon eine arme Braut?»
Durch Fusionen mit den Nachbar-Gemeinden will Locarnos Bürgermeister Marco Balerna der Region politisch mehr Gewicht verleihen. Doch die Gemeinden Ascona, Losone, Muralto, Brione und Orselina wollen vom Projekt «Grande Locarno» nichts wissen und lehnten Balernas Idee einer Machbarkeits-Studie ab. «Wer will schon eine arme Braut?» so Balernas Kommentar.
Locarno, mit 110 Mio. Franken verschuldet, rechnet für das Jahr 2002 mit einem Minus von 6 Mio. Franken. Die Stadt liebäugelte – wie Lugano – mit einer A-Lizenz für eine Spielbank und ging zumindest von einer B- Konzession aus.
Doch daraus wurde nichts. Der Bundesrat vergab die A-Lizenz der Casinò Grand-Hotel SA in Muralto. Der Kursaal von Locarno muss nun schliessen. Was aus den über 80 Angestellten wird, ist noch unklar.
«Eine wirklich schöne Gegend»
Wie sieht Locarnos Zukunft aus? Solari hält das Locarnese für «eine wirklich schöne Gegend» und empfiehlt, «mit Überzeugung auf Qualitäts- und Kulturtourismus» zu setzen. Dazu gehöre das Filmfestival von Locarno, die Jazz-Tage in Ascona und die zahlreichen Museen der Region, die gefördert werden müssten.
Sindaco Balerna sieht das ähnlich: «Wir dürfen jetzt nicht alles ändern wollen.» Es müsse auch darum gehen, das Vorhandene zu verbessern.
Filmfestival als Visitenkarte
Dazu gehöre das Filmfestival, das zu einer Visitenkarte für die Schweiz werden könnte, «wenn uns nach dem Kanton Tessin auch der Bund entsprechend unterstützen würde». Als Vorbild nennt Balerna Cannes, dessen Filmfestival vom französischen Staat subventioniert werde.
Gedanken um das Filmfestival macht sich auch dessen Präsident Marco Solari. Ihm macht der Regen Sorge: Die im August häufigen Gewitter sorgen immer wieder dafür, dass Vorführungen im wahrsten Sinn des Wortes ins Wasser fallen.
Doch die ursprünglich geplante Überdachung des weiten Rundes im Kreisel auf der Piazza Castello kommt voraussichtlich bis im August 2002 nicht zustande. «Ich fürchte, dieses Projekt ist zu gross. Es besteht die Gefahr eines Scheiterns».
Er sei ein Pragmatiker und wolle nicht Chimären nachrennen. Daher strebe er nun eine Zwischenlösung in Form eines Zeltes an, erklärt Solari.
«Eine weitere Kathedrale in der Wüste»
Einen touristischen Aufschwung der Stadt erhofft sich Sindaco Balerna zudem durch die Schaffung eines 18 Mio. Franken teuren Bäderzentrums am Lido. Daneben gibt es das private Projekt eines Acqua-Parkes in Form einer gigantischen Hochsee-Jacht, das täglich bis zu 1500 Menschen anlocken und 42 Mio. Franken kosten soll.
Solche Pläne bringen Lega-Präsident Giuliano Bignasca, der auch im Gemeinderat von Lugano sitzt, auf die Palme. «Inkompetenz und Grössenwahn» attestiert er den Behörden von Locarno in seinem Parteiblatt. Locarno habe in den letzten Jahren rund 200 Mio. Franken öffentliche Gelder verbaut und wolle «nun zum x-ten Mal eine Kathedrale in der Wüste bauen.»
Gut für Balerna, dass er den «Mattino della domenica», die Parteizeitung der Lega, «aus Prinizip nie» liest. So muss er sich am Sonntag nicht unnötig aufregen. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Bignasca selbst keine Lösungs-Vorschläge für die vielfältigen Probleme Locarnos liefert.
swissinfo und Agenturen
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