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Theater ums Theater

Die Theater-Crew lud das Publikum in die Schiffbauhalle. Keystone

Das Schauspielhaus Zürich wird heftig kritisiert. Der Intendant lud deshalb sein Publikum zur Diskussion in die Schiffbauhalle.

Zürich, Theater Schiffsbauhalle, Mittwochabend um halb sieben. Leichter Nieselregen, graue Wolken. Kein Ausgehwetter. Trotzdem nehmen viele Theaterbegeisterte die Aufforderung an zur Publikumsdiskussion mit der künstlerischen Leitung Christoph Marthaler, Stefanie Carp, Anna Viebrock und dem kaufmännischen Direktor Marcel Müller, und nutzen die Gelegenheit um zu sagen, was zu sagen ist.

Blenden wir kurz zurück. Die Pfauenbühne in Zürich, deren glorreiche Kriegs- und Nachkriegs-Vergangenheit, im letzten Jahrhundert notabene, immer wieder gerne beschworen wird, erhält 2000 mit Christoph Marthaler einen neuen Hoffnungsträger. Nach Jahren der künstlerischen Stagnation auf den weltbedeutenden Brettern ist die Stadt reif für Neues.

Hoffnungsträger Marthaler

Man holt sich mit Christoph Marthaler, jenen Schweizerregisseur, der in ganz Europa gefeiert wird, und mit seinem eingespielten Team, eine neue Theatersprache auf die Bühne. Und lässt erst noch in einer ehemaligen Schiffsbauhalle einen neuen Theaterraum entstehen; zusätzlich zur Pfauenbühne, die ebenfalls einer Renovation unterzogen wird.

Am Anfang ist alles gut. Zürichs Theaterleben ist in aller Munde. Von nah und fern wird angereist, die Produktionen gelobt. Einzig die SVP (Schweizerische Volkspartei) sieht keinen Grund, warum das Zürcher Kulturleben mit mehr Theaterraum und mehr (öffentlichen) Geldern belebt werden soll.

Provokativer Hamlet

Bald schon mehren sich die kritischen Stimmen. Premieren werden verschoben, Termine nicht eingehalten, das gezeigte, vielfach zeitgenössische Theater nicht von allen goutiert. Die Kommunikation der Leitung ist schlecht. Langjährige Abonnenten geben ihre Abos zurück. Und als der Aktionskünstler Christoph Schlingensief mit ausstiegswilligen (?!) Neonazis den «Hamlet» inszeniert, sind fast alle Vorschusslorbeeren aufgebraucht.

Die Inszenierung wird nicht verstanden. Wenige sind begeistert, die meisten brüskiert, können mit der Provokation nichts anfangen. Christoph Marthaler und seine Crew reagieren mit Unverständnis. Sie berufen sich auf die künstlerische Freiheit, stellen sich vor Schliengensief, möchten gerne eine Debatte lancieren, die aber in der Polemik untergeht.

Fragen über Fragen

Hoch schlagen die Wellen des Zürichsees und noch höher, als die millionenteure Kostenüberschreitung beim Umbau der Schiffshalle publik wird. Wer soll das bezahlen? Ist Christoph Marthaler, zwar ein guter Regisseur, auch ein guter Verwalter? Will/braucht Zürich wirklich eine Pfauenbühne, einen Schiffbau? Wer trägt die politische Verantwortung? Wie weiter?

So sind sie denn gekommen, Mittwochabend, rund fünfhundert Theaterinteressierte, um aus erster Hand Antworten zu erhalten. Moderiert wurde die Veranstaltung vom ehemaligen Fernsehjournalisten Erich Gyslin, der souverän durch die zweistündige Veranstaltung führte.

Angeregte Diskussion

Während der, für schweizerisch-züricherische Verhältnisse ungewohnt lebendigen Veranstaltung, kristallisierten sich drei Themenbereiche heraus: das künstlerische Konzept, die Organisation, die Präsentation. Schnell war auch klar, dass die Marthaler-Fans in der Überzahl, die kritischen Stimmen in der Minderheit waren. Trotz ausdrücklicher Einladung aller ehemaligen Abonnenten.

Viel war die Rede vom Umbruch in der Welt, der sich auch im Theater wiederspiegelt . Während die Einen schwärmten, schwelgten, lobten, kritisierten die Andern die vielen «blutten» (nackten) Menschen im Theater, das Unterhosen-Theater, die Verhunzung klassischer Stoffe.

Ein Generationen-Graben kam zutage, eine ältere Theaterbesuchende gab an, diese neuzeitliche Theatersprache nicht zu verstehen, obwohl sie es möchte.

Wiederholt zur Sprache kam auch die mangelnde Kommunikation, der Wunsch nach mehr Transparenz (wie kommen die Regisseure dazu, ein Stück so und nicht anders zu inszenieren) und der Wunsch nach mehr Austausch.

Bekenntnis und Referendum

Marthaler und seine Crew erklärten, versprachen Verbesserungen in der Kommunikation, bekannten sich klar zur Pfauenbühne, kündigten weitere Neuerungen im Abosystem an und baten auch um mehr Zeit. Ein Theaterhaus lasse sich nicht wie ein x-beliebige Firma führen, Umbrüche geschähen nicht von Heute auf Morgen.

Fazit: Es war klug und richtig von der Schauspielhaus-Führung diese Publikumsdiskussion zu führen. Es war für die Theater-Leitung wichtig zu spüren, wo und wie der Schuh drückt, dem Vorwurf der Arroganz entgegenzutreten. Es war ein Anfang und ein Bekenntnis.

Und dass gleichenabends der Zürcher Gemeinderat einen einmaligen Beitrag von 2,5 Mio. zur Tilgung der Kostenüberschreitung sprach, darf als gutes Omen gewertet werden. Ob das reicht, wird sich weisen. Der Bund der Steuerzahler jedenfalls hat das Referendum bereits angekündigt.

Brigitta Javurek

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