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Uraufführung: Ein Schiff wird kommen

Szene mit dem Ensemble aus dem Stück "Das goldene Zeitalter". Keystone

Mit "Das goldene Zeitalter" eröffnete das Zürcher Schauspielhaus in der Schiffbauhalle die neue Saison.

Das Stück um eine Gruppe einsamer Menschen auf einem Schiff nach (N)irgendwo läutet das Ende der Ära Marthaler ein.

Samstagabend gegen 22 Uhr im Züricher Schauspielhaus. Uraufführung beendet. Der Applaus ist lange, intensiv und herzlich.Trotz tropischer Hitze in der Halle, in der einst Schiffe gebaut und auf die Meere der Welt geschickt wurden, hat sich das Publikum bestens unterhalten.

Gegeben wurde «Das goldene Zeitalter», untertitelt mit: Ein Projekt. Das von Meg Stuart, Choreografin, Stefan Pucher, Regisseur, Anna Viebrock, Bühnenbildnerin und Christoph Marthaler, Regisseur, im Vierer-Team erarbeitet wurde.

Alte Idee



Ein altes Vorhaben, das seit langem in den kreativen Köpfen der Schauspielhaus-Crew gegärt hatte, und zu dem Marthaler in der Vorschau meinte. «Das ist für mich Goldenes Zeitalter, dass drei, beziehungsweise vier Egomanen miteinander Regie führen können, sich miteinander einen vollkommen gesponnenen Abend ausdenken.»

In der Tat. Der Abend spinnt tausend Fäden. Verknüpft scheinbar Unvereinbares, erinnert daran, dass das Schiff, der Zug, immer weiter fährt. Und wer aussteigt, steigt niemals wirklich aus, schaut höchstens zurück.

Blinder Führer



Zu Beginn führt ein Blinder eine Gruppe in die ausgeräumte Schiffbauhalle. Die Halle ist jetzt Schiff, und an Deck befindet sich ein Zugwaggon, der wiederum ein kaputtes Schiff als Fracht mitführt. Bald sind wir auf hoher See. Die Richtung scheint nicht klar, und die Frage nach der richtigen Richtung steht im Raum. Einsam, gemeinsam, kollektiv?

Gefangen steht die Gruppe an Deck, geführt von ihrem blinden Führer, dessen Blindenstock auch Peitsche sein kann. Immer wieder brechen einzelne Figuren aus. Sie suchen, versuchen den Heiligen-Schein hoch oben zu fassen. Dabei geraten sie aus dem Tritt.

Zeitgleich spielt das wunderbare Live-Streichquartett von den Beatles das Stück «Eleanor Rigby»: «All those loneley people, where do they all come from?» Ja, woher kommen sie, all die Einsamen. Was ist ihre Utopie, was wäre ihr Paradies?

Sozialistische Utopie aus dem alten Griechenland



Projizierte Zitate verweisen auf gewesene Zeiten und ihre Vorstellungen. So Aristophanes im 4.Jh. v. Christus: «Alles wird künftig Gemeingut sein, und allen wird alles gehören. Aus Mangel wird nie mehr ein Mensch sich vergehn.»

Schön wärs. Aber da werden sie hochgezogen die schwarzen Rollläden der Schiffbauhalle. Und von draussen dringt nun das Licht der Grossstadt in die Halle. Flutet matt ins Innere und erinnert das Publikum daran, dass wir alle, wirklich alle im gleichen Boot sitzen.

Theatrales Spiegelbild



Nach zweieinhalb Stunden ist der Spuk, die Narrenfahrt, zu Ende. Michael von der Heide hat an der Reling den Titelsong aus dem Film «Titanic» gesungen und an den Herzen gerührt.

Gemeinsam geht die Gruppe unter. Doch da steht bereits der nächste Führer mit einer Gruppe und nimmt das Schiff in Besitz. Die Reise beginnt von vorne.

«Das goldene Zeitalter», diese vierköpfige Projektarbeit zeigt, dass einzig die Kreativität, die Kunst, das Denken, grenzenlos sein kann. Zumindest in den Köpfen – die Realität sieht anders aus.

Utopie, Paradies, goldenes Zeitalter? Die neuste Produktion geht mit den Begriffen recht locker um. Manche werden sich an der Unschärfe stossen, andere werden das Stück gerade deswegen lieben.

Gespielt, getanzt, gesungen, musiziert und getragen wird dieses theatrale Spiegelbild einmal mehr vom herausragenden Schauspielhaus-Ensemble. Einzelne Namen zu nennen wäre unfair.

swissinfo, Brigitta Javurek

Die Ära Christoph Marthaler und seiner Crew am Zürcher Schauspielhaus geht in die letzte Runde. Lange, zu lange wurde über Subventionen, Kosten-Überschreitungen und schlechte Ticket-Verkaufszahlen debattiert. Dabei gingen die hochkarätigen Eigen-, wie Fremd-Produktionen manchmal beinahe unter.

Was jetzt alles auf der Pfauenbühne und in der Schiffbauhalle gezeigt wurde ist – mit Ausnahmen – Theater vom Feinsten. Für ein abschliessendes Fazit ist es noch zu früh. Dass jedoch das Zürcher Schauspielhaus mit seiner Führung wieder Lust aufs und am Theater geweckt hat, ist unbestritten.

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