Wenn das Auge entscheidet
Der französische Fotokünstler Henri Cartier-Bresson und der Schweizer Bildhauer und Maler Alberto Giacometti teilten eine Kultur des Schauens.
Eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich dokumentiert eine jahrzehntelange Künstlerfreundschaft.
Während Jahrzehnten kreuzten sich die Wege von Henri Cartier-Bresson und Alberto Giacometti. Sie lernten sich Mitte der 1930er-Jahre in Paris kennen, wo beide wichtige Impulse von der surrealistischen Bewegung erhielten.
Paris war auch die Stadt, wo jeder auf seine Weise die surrealistischen Schaffensprinzipien überwand. Beiden Künstlern genügten die chiffrierten Formen des Surrealismus nicht mehr, um die Lebenswirklichkeit, die ertastete und gesehene Welt darzustellen.
Giacometti und Cartier-Bresson verbindet eine Parallele des Schauens. Der Fotograf lauerte auf den Augenblick, bis der Protagonist des Bildes nicht mehr posierte und für einen Moment den Blick auf dessen Seele freigab. Henri Cartier-Bresson schuf Bilder von Menschen, die sie im Zustand des inneren Gleichgewichts zeigen.
Meisterwerke in Bruchteilen von Sekunden
Henri Cartier-Bresson schrieb mit seiner Kamera Fotografiegeschichte. Er richtete seinen Blick auf Weltbewegendes und Alltägliches, schuf in Bruchteilen von Sekunden Meisterwerke aus Motiv, Licht und Schatten, Formen, Linien und Aussagen. Sein Werk setzte Massstäbe für den Bildjournalismus des 20. Jahrhunderts und für die für Ästhetik und Ethik der Fotographie.
Der Plastiker und Maler Alberto Giacometti konzentrierte sich auf den Raum und auf die Präsenz der Figuren im Raum. Und so schuf er die charakteristischen, überlangen fast körperlosen Figuren mit den vibrierenden Oberflächen, die in weltbekannt machten.
Die Figuren Giacomettis sind zerbrechlich. Er zeigt sie uns leer und isoliert. Wie bei Henri Cartier-Bresson leben Giacomettis Figuren in der Unmittelbarkeit des Augenblicks und zeigen dem Betrachter eine zeitlose geistige Situation.
Im Raum verloren, im Universum verankert
Mit seinen Plastiken übte Alberto Giacometti massgeblichen Einfluss auf die zeitgenössische Bildhauerei aus. Seine fast monochrome Malerei und seine Zeichnungen zeigen im Raum verlorene Menschen. Alberto Giacometti starb 1966 in Paris.
Die Bilder, die Henri Cartier-Bresson zwischen 1938 und 1960 von Alberto Giacometti schoss, bezeugen die Innenseite einer langjährigen Künstlerfreundschaft. Beide Künstler waren parallel auf der fotografischen, beziehungsweise plastischen Suche nach dem entscheidenden Augenblick.
Vor allem die Bilder, die Cartier-Bresson von den frühen Skulpturen des Schweizer Malers und Bildhauers schoss, dokumentieren eindrücklich die Verwandtschaft des Schauens beider Künstler.
Die meisten Porträts, die Henri Cartier-Bresson von bekannten Persönlichkeiten gemacht hat, wirken vordergründig wie zufällig. Der erste Eindruck täuscht. Cartier-Bresson war ein Meister des Bildausschnittes und der fotografischen Komposition. Er verstärkte die Spannung seiner Aufnahmen durch die Wahl des Hintergrundes.
Giacometti mit Hintergrund
Alberto Giacometti lichtete er 1961 vor einer eisenbeschlagenen, verwitterten Holztüre ab. Giacomettis zerklüftetes Gesicht mit dem wirren Haar dominiert die Bildkomposition. Unter dem Arm trägt Giacometti ein Bündel Zeitungen.
swissinfo, Erwin Dettling, Zürich
Die Ausstellung mit dem Titel «Henri Cartier-Bresson und Alberto Giacometti – Die Entscheidung des Auges» im Kunsthaus Zürich dauert bis zum 7. August 2005.
Die Schau zeigt Leihgaben aus internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen und Werke aus dem Besitz der Zürcher Alberto Giacometti-Stiftung.
Tobia Bezzola, Kurator am Kunsthaus Zürich und Henri Cartier-Bresson konzipierten die Ausstellung gemeinsam, bevor der Fotokünstler am 3. August 2004 starb.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch