Westliche Sicht auf den Orient
«Von ferne lässt grüssen» heisst die spannende Übersichts-Ausstellung zum Thema Schweizer Orientmalerei des 19. Jahrhunderts im Kunstmuseum Solothurn.
In der Gegenüberstellung von Schweizer Orient- und Heimatmalerei aus dem 19. Jahrhundert gelingt es Konservator Christoph Vögele und seiner Mitarbeiterin Katharina Ammann, das Vertraute im Fremden und das Fremde im Vertrauten zu zeigen.
Diese interessante, weitwinklige Sichtweise hat insofern ihren Preis, als sie plakative, künstlerisch mittelmässige Exponate begünstigt. Für repräsentative Zwecke geschaffene, grosse Ölgemälde dominieren die Ausstellung und drohen die Sicht auf qualitätsvolle kleine Ölbilder, Zeichnungen und Skizzen zu verstellen.
Seit den jüngsten Ereignissen um den 11. September 2001 wäre wieder einmal eine weniger voreingenommene Sicht auf die arabische Welt nötig, um den schwierigen Dialog zwischen Orient und Okzident zu verbessern. Dazu mag diese facettenreiche Ausstellung anregen.
Schweizer Orientmalerei
Im rechten Museumsflügel illustrieren rund 80 Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Skizzenbücher die künstlerisch umgesetzte Optik von 18 ausgewählten einheimischen Orientfahrern. Infolge der französischen Kolonialisierung Nordafrikas finden sich unter diesen mehrheitlich Schweizer aus der Romandie.
Ein Verdienst der Ausstellung ist das Einbetten von Frank Buchser in den von Paris über Genf geprägten Westschweizer Künstlerkreis. Mit seinen Marokko – Bildern von 1858, 1860 und 1880 vermag sich der Solothurner Maler zu behaupten.
Unter den Romands hatte nur Louis-Auguste Veillon in Genf Erfolg mit seiner glatten peinture. Die romantisierenden Nil-Landschaften in ewigem Abendglühen entsprachen offensichtlich dem Zeitgeschmack einer an Westschweizer Alpenmalerei geschulten Kundschaft.
Porträts, Genreszenen und Landschaften
Wie etwa die ausgestellten Aquarelle von Charles Gleyre belegen, reisten Schweizer Maler in der ersten Jahrhunderthälfte oft im Auftrag nach Nordafrika, um topo- und ethnographische Studien herzustellen.
Wegen ihres Inhalts hinterlassen diese Menschen-Studien heute einen zwiespältigen Eindruck, obschon sie künstlerisch oft ansprechen. Die eurozentrische Sichtweise auf die «edlen Wilden» südlich des Mittelmeers, welche sich die Kolonialmächte zu Diensten machten, erscheint aus jetziger Sicht sowohl naiv als auch überheblich.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reisten Schweizer Künstler oft aus eigenem Antrieb in den Orient, wo sie sich vom irritierend starken Licht über einer monochromen Wüstenlandschaft oder einer farbenfrohen Markszene wie aus «tausend und einer Nacht» fesseln liessen. 50 Jahre später sollten weitere Schweizer Künstler um Paul Klee demselben Farb- und Lichtcharm Nordafrika erliegen.
An der Schwelle zum 20. Jahrhundert
Der mit zahlreichen Werken aus Marokko vertretene Frank Buchser war einer von ihnen. An seinen Bildern kann man beobachten, wie die künstlerische Qualität da am höchsten ist, wo man am wenigsten Prätention ausmachen kann.
Die kleine Ölskizze «Gasse in Fez» von 1858 oder das Ölbildchen «Beduine» von 1880 scheint der Maler ohne Seitenblicke auf eine potenzielle Käuferschaft oder seinen Nachruhm aus einer existentiellen Notwendigkeit heraus gemacht zu haben.
Daher wirken sowohl die mit kräftigen Pinselstrichen entworfene Strassenszene als auch der flockig leicht gemalte alte Beduine glaubwürdig, obwohl beide Bildchen kaum draussen vor Ort gemalt worden sind.
swissinfo und Agenturen
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