Zürcher «Arena der Emotionen» in neuem Kleid
Ende Juli wurde in Zürich das umgebaute Hallenstadion eröffnet. Ein Buch wirft ein Schlaglicht auf dessen sportliche, kulturelle und gar politische Bedeutung.
Rolling Stones, Jimi Hendrix, Muhammad Ali oder Luciano Pavarotti: Sie alle füllten «die Halle».
Das umgebaute Zürcher Hallenstadion hat zu seiner Eröffnung ein Buch erhalten. Beiträge, Bilder, Anekdoten und Fakten beleuchten die Geschichte der Oerliker Arena, die sich in 66 Jahren von einem Gewerbebau zum multifunktionalen Stadion gewandelt hat.
An keinem Ort in der Stadt Zürich war die Welt so häufig, regelmässig und facettenreich zu Gast wie im Hallenstadion. Über 5000 Anlässe fanden seit der Eröffnung am 4. November 1939 statt. Ob Rolling Stones, Muhammad Ali oder Luciano Pavarotti: Im Arbeiterquartier Oerlikon traten die Grössten ihrer Sparte auf.
Die wilden Sechziger
Mit den Stones, die 1967 noch für 10’000 Dollar spielten, kamen die wilden Sechziger an der Limmat an: Fans zertrümmerten die Saalbestuhlung, und die Polizei wusste sich nur noch mit Tränengas zu wehren.
Ein Jahr später kams gar noch dicker: Ein überharter Polizeieinsatz nach dem Konzert des Gitarren-Gottes Jimi Hendrix war das Fanal für die so genannten Züricher Globuskrawalle. Diese bildeten den Anfang der Proteste der 1968er-Generation in der Schweiz.
Mutiges, wegweisendes Konzept
Das von Heiner Spiess herausgegebene Buch «Das Hallenstadion – Arena der Emotionen» räumt dem Internationalen ebenso Platz ein wie dem Lokalen. Das Gewerbe hatte mit einem Kraftakt das Bauwerk finanziert, das lange als grösste stützenfreie Halle in Europa galt. Angesichts der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren war diese Investition ein pionierhaftes Wagnis.
Ein Text geht auch dem Werk und der eigenwilligen Persönlichkeit des verantwortlichen Architekten Karl Egender nach. Weitere Beiträge befassen sich mit den finanziellen Schwierigkeiten, die es sowohl im Vorfeld des ursprünglichen Baus als auch bei der jetzt abgeschlossenen Sanierung gab.
Klassiker Sechstagerennen
Eng verbunden mit der Geschichte des Hallenstadions ist auch die Geschichte des Bahnsports in der Schweiz. Ursprünglich war die Anlage gebaut worden, um wetterunabhängig Radrennen durchführen zu können. Publizist Erich Gysling erinnert sich, dass seine Besuche der Radrennen einst veritable Erlebnisse waren. Auch der Aufstieg und Niedergang des Zürcher Sechstagerennens wird geschildert.
Neben Ringen und Boxen sowie unzähligen anderen Sportarten sorgten auch der Zürcher Schlittschuh-Club (ZSC), der heute ZSC Lions heisst, für kleinere und grössere Dramen. Die besondere Ambiance, wenn im dritten Drittel der Rauch zum Schneiden dick war, trug dazu bei, dass «die Halle» zumindest in der Zürcher Eishockey-Fangemeinde Kultstatus erlangte.
Ein Männerpalast
Abgesehen von den Pop- und Rockdiven und den Eiskunstläuferinnen ist die jahrzehntelange Geschichte des Hallenstadions von männlichen Protagonisten geprägt. Im Vorwort zum Buch wird fast schon entschuldigend darauf hingewiesen, dass kaum Frauen in der Publikation vorkommen.
Die unter anderem von namhaften (Zürcher) Journalisten verfassten Beiträge sind mit Details und Kuriosa gespickt, welche die Entwicklungen in den sportlichen und künstlerischen Bereichen minutiös nachzeichnen. Die im Buchtitel erwähnten Emotionen bleiben aber aufgrund der Faktenfülle bisweilen auf der Strecke.
Zeugen in Schwarz-Weiss
Wettgemacht wird dieses kleine Manko durch die 300 Abbildungen. Sie dokumentieren Ereignisse und Stimmungen – auch aus der Zeit, als Anlässe noch keine Events waren. Der Herausgeber scheute sich auch nicht, Fotos abzudrucken, die eine Nazi-Manifestation mit Hakenkreuz-Bannern aus dem Jahr 1942 zeigen.
Als Rosinen entpuppen sich zwei kurze Texte des Schriftstellers Hugo Loetscher. Er berichtet unter anderem von einem Besuch des Sechstagerennens mit Friedrich Dürrenmatt. Im Innenraum sitzend, sprachen die beiden über Gott und die Welt und schauten dabei immer tiefer ins Glas. Dürrenmatt hob hin und wieder den Kopf und meinte beruhigt: «Sie dreht sich noch immer.»
swissinfo und Martin Zehnder, sda
Das Buch: «Das Hallenstadion – Arena der Emotionen», Heiner Spiess
(Hg.), 282 Seiten, 78 Franken, Verlag Scheidegger und Spiess, Zürich.
Über 16’000 Menschen strömten am 30. Juli zur Neueröffnung ins moderne Hallenstadion.
Der Umbau kostete 147 Mio. Franken und dauerte 14 Monate.
Die Aussenhülle, die unter Denkmalschutz steht, wurde beibehalten, das Innere komplett neu gestaltet.
Die Halle verfügt über 13’000 Sitzplätze.
Als erster «Star» gastiert der Dalai Lama im Hallenstadion: Er erteilt vom 5. bis 12. August Unterweisungen in buddhistischer Spiritualität.
Am 19. August eröffnet DJ Bobo den Reigen der Gross-Konzerte.
Das erste Heimspiel der Eishockey-Meisterschaft spielen die ZSC Lions im neuen Stadion am 13. September. Gegner sind die SCL Tigers aus Langnau.
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